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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 27.01.2016

Übergewicht in Mexiko Kampf den Speckröllchen

Von Anne Demmer

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Fitnessgerät an einer Bus-Station in Mexiko-Stadt  (picture alliance / dpa / Foto: Andrea Sosa Cabrios)
Ein übergewichtiger Mann macht Kniebeugen auf einem speziellen Fitnessgerät an einer Bus-Station in Mexiko-Stadt. (picture alliance / dpa / Foto: Andrea Sosa Cabrios)

Die Menschen in Mexiko gehören zu den dicksten der Welt. Sieben von zehn Erwachsenen sind übergewichtig. Die Verwaltung in Mexiko-Stadt hat mit einer Fitnesskampagne an Bushaltestellen der Fettsucht ihrer Bürger den Kampf angesagt.

Es ist kurz nach neun. Alfonso Osorio kommt im Laufschritt zur Bushaltestelle geeilt. Vom leicht erhöhten Schritttempo ist er schon außer atmen. Er ist bereits spät dran, er muss seinen Friseursalon pünktlich öffnen. Eine junge Frau im Sportoutfit fängt ihn ab, bevor er in den Bus entwischen kann. Victoria Lara fordert den Mann dazu auf, zehn Kniebeugen zu machen. Der 40-Jährige ist zunächst ein wenig irritiert. Blickt dann aber schuldbewusst auf seinen dicken Bauch, der sich über seinem Hosenbund wölbt. Er willigt ein.

"Ich mache eigentlich keinen Sport. Ich fahre viel Bus – zur Arbeit und wieder zurück nach Hause."

Victoria Lara will die Passanten zu mehr Bewegung motivieren, sie betreut die Gesundheitsstation, die es an mehr als 30 verschiedenen Haltestellen in der Stadt gibt. Sie sind Teil einer Kampagne.

Fettsucht ist ein Problem

Übergewicht und Fettsucht sind in Mexiko ein ernsthaftes Problem. Alfonso Osorio soll an diesem Tag zumindest einen Anfang machen, es zu bekämpfen. Er positioniert sich bereitwillig auf der vorgesehen Fitness-Plattform, an der eine Infrarotkamera angebracht ist. Jede Kniebeuge wird registriert. Victoria Lara gibt ihm genaue Anweisungen.

"Die Arme nach vorne, Füße hüftbreit aufstellen und dann in die Knie gehen – und los…"

Seine Hose spannt bedenklich, sein Gesicht wird rot. Das Frühstück macht sich bemerkbar.

"Heute habe ich Reis mit Fleisch und Tacos gefrühstückt, dazu Cola. Es wäre sicherlich nicht schlecht, wenn ich auch mal ein bisschen Gemüse essen würde."

Alfonso Osorio grinst verlegen. Mit seinen 1,70 bringt er derzeit 110 Kilo auf die Waage. Mehr als 30 davon müsste er eigentlich abspecken, das weiß er. Nach jeder Kniebeuge erscheint auf einem Display ein Tipp. Victoria Lara liest laut vor.

"Hast du Lust auf einen Hamburger mit Pommes und ein Erfrischungsgetränk? Du würdest 920 Kalorien zu dir nehmen. Überleg´s dir gut. Beweg dich lieber!"

Um die Mahlzeit wieder abzutrainieren, müsste er drei Stunden tanzen, rechnet die Trainerin ihm vor. Alfonso Osorio steht der Schweiß jetzt schon auf der Stirn. Er geht wieder in die Knie, da erscheint auch schon der nächste Gesundheitstipp.

"Meide den Aufzug, benutz die Treppe. Du schaffst das!"Victoria Lara, spornt den Friseur weiter an, während sich andere Passanten schnell an der Fitnessstation vorbeidrücken. Im Schnitt sind es immerhin 50 Fahrgäste, die sich täglich zu den Kniebeugen aufraffen. Viele Leute erfinden aber auch Ausreden:

"Sie sagen dann: meine Hose ist zu empfindlich. Manche Frauen schieben auch ihre hochhackigen Schuhe vor. Aber dann gibt es auch andere, die machen hier ganz freiwillig ihre 100 bis 150 Kniebeugen – drei Mal die Woche."

Das Land mit den meisten Übergewichtigen

Das ist immerhin ein Anfang findet die Trainerin. In keinem anderen Land auf der Welt ist die Zahl der Übergewichtigen und Fettleibigen in den vergangenen zwei Jahrzehnten so stark gewachsen. 70 Prozent der Mexikaner tragen zu viele Kilos mit sich herum. Laut eines Berichts der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen hat Mexiko im vergangenen Jahr sogar die USA als Land mit den meisten Übergewichtigen abgelöst. Kein Wunder: Sie trinken im Jahr rund 160 Liter Softdrinks. Da ist Alfonso Osorio keine Ausnahme.

"Es gab Zeiten, da habe ich drei Liter Cola am Tag getrunken oder mehr. Darauf zu verzichten, das fällt mir schon wirklich schwer."

Eine Frau, die den Mann bei seinen Kniebeugen beobachtet hat, gesteht.

"Wenn ich müde bin, trinke ich immer süße Brausegetränke. Dann bin ich schneller wieder fit, das gibt mir den Kick. Aber klar, es ist eine schlechte An-gewohnheit.

gewohnheit."

In der Arztpraxis von Marcela Flores sitzen zunehmend Menschen, die wegen ihres Übergewichts erkranken.

"Die Zahl der Diabetesfälle in Mexiko ist unglaublich gestiegen. Auch bei jungen Menschen, das ist wirklich besorgniserregend. Und die Fettsucht bringt natür-lich weitere Probleme mit sich. Die Leute bekommen Schmerzen im Rücken in den Knien. Es schränkt sie im hohen Maße ein. In extremen Fällen führt es sogar zur Arbeitsunfähigkeit."

Im Kampf gegen das Übergewicht gab es bereits diverse Kampagnen. Werbespots wurden aus dem Kinderprogramm verbannt. Allerdings gibt es einige Ausnahmen: Fußballspiele, Telenovelas und Spielfilme. Programme, die auch von Kindern viel geguckt werden. Vor gut einem Jahr, führte Mexiko eine Strafsteuer auf Fast Food und zuckerhaltige Getränke ein. Aber auch die Zwangsabgabe von acht Prozent hat bislang nicht viel gebracht, kritisiert die Ärztin.

"Der Konsum ist ein bisschen zurückgegangen. Aber im Kino sieht man nach wie vor ständig Werbespots. Und die Softdrink-Industrie unterstützt Schulen. Bislang gab es noch keinen radikalen Wandel und der wäre nötig."

An der Bushaltestelle ist  Alfonso  Osorio ist mit seinen Kniebeugen durch. Zur Belohnung bekommt er einen Schrittzähler geschenkt, den er sich am Hosenbund fest-klemmt.

"Jetzt bin ich ganz schön erledigt. Meine Knie tun weg. Ich bin das nicht gewohnt."

5000 Schritte pro Tag soll er in Zukunft täglich zurücklegen, im Kampf gegen die Fettsucht. Aber jetzt steigt er erst mal in den Bus.

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