Über Neid in der Gesellschaft

Geldneid ist eine Spielart des gelben Monsters. © AP Archiv
Rezensiert von Susanne Mack · 14.09.2005
"Sozialneid", "Geldneid", "Neidpopulismus" - so wird das gesellschaftliche Klima hierzulande gern auf den Punkt gebracht. Aber ist Neid tatsächlich ein deutsches Phänomen? Der Philosoph Friedhelm Decher ist da anderer Meinung. Seiner Ansicht nach ist Neid überall auf der Welt zu Hause.
Der Neid ist so alt wie die Welt - falls man der Bibel Glauben schenkt.

Kaum haben Adam und Eva das Paradies verlassen und die Urfamilie gegründet, da gibt’s auch schon den ersten Mord. Kain erschlägt seinen Bruder Abel. Aus Neid, weil Gott den Abel anscheinend bevorzugt. Wir Menschen sind ein sündiges Geschlecht, und der Neid - so sehen es die Kirchenväter - zählt zu den sieben Todsünden, die auszumerzen das Ziel unseres täglichen und mühseligen Ringens zu sein hat. Die Griechen, stellt Friedhelm Decher in seinem Buch fest, hatten offensichtlich ein entspannteres Verhältnis zum Neid.

Nicht, dass sie den Neid gut geheißen hätten, aber sie halten in erstmal für menschlich - und sogar für göttlich: Die griechischen Götter sind ein missgünstiges Volk, untereinander sowieso und auch den Menschen gegenüber. Prometheus hatte allen Grund, sich über den miesen Charakter des Göttervaters zu beschweren, der ihn an einen Felsen im Kaukasus schmiedete: "Musst mir meine Erde doch lassen steh’n. Und meine Hütte, die Du nicht gebaut, und meinen Herd, um dessen Glut Du mich beneidest!"

Aber Friedhelm Decher erzählt nicht nur von alten Mythen, sondern berichtet auch von einer ziemlich jungen Wissenschaft: Der Evolutionsbiologie.

Da werden Stimmen laut, die behaupten, der Neid sei eine anthropologische Tatsache: Alle Menschen seien neidisch, zumindest potentiell. Wir hätten das "Neid-Gen" von unseren tierischen Vorfahren geerbt. Auch Affen streiten verbissen um das schönste Weibchen und die dickste Banane.

Wahrscheinlich ist Neid also ein allgemein menschliches Gefühl - das allgemein menschlich verschwiegen wird.

Wenn einer sagt: "Ich beneide dich um deine Frau!" dann ist er ja nicht wirklich neidisch (weil nicht selbst interessiert an ihr), er gönnt dem anderen sein Glück.
Den tatsächlichen Neid, den gibt man ja nicht zu, nicht mal unter Daumenschrauben und am besten auch nicht vor sich selbst.

"Neid und Eifersucht", sagt Nietzsche, "sind die Schamteile der menschlichen Seele."

Was ist nun wirklich Neid?

Da sind sich die Geisteswissenschaftler einig, stellt Friedhelm Decher fest. Neid ist ein Gefühl, das zwischen zwei Menschen entsteht, wenn einer sich selbst für wertvoller hält als den anderen (oder wenigstens für ebenbürtig), sich aber ungerecht behandelt fühlt und dem anderen ein bestimmtes Gut nicht gönnt. Den Neid soll es auch als kollektive Empfindung geben.

Den Begriff "Sozialneid" haben übrigens die Konservativen bereits im 19. Jahrhundert erfunden, um die Sozialisten in Misskredit zu bringen. Nietzsche hat ja mal gesagt, der Sozialismus sei die "Idee der Geringsten und Dümmsten: Das Ideal aller Schlechtweggekommenen", der ewig neidischen Masse.

Für alle großen Staatstheoretiker (Platon, Aristoteles, Machiavelli, Hegel) ist der Neid ein Grundsatzthema.

Beurteilt wird er freilich unterschiedlich. Aristoteles ist der Erste, der meint, es gäbe auch einen "gerechten Neid" - bei ungerechter Verteilung der Güter. Einig ist man sich aber in Folgendem: Die materiellen Güter in einem Staat sind ungleich verteilt, also gibt es Neid. Der muss bekämpft werden, und zwar mit politischen Mitteln. Eine Besteuerung der Gutbetuchten nebst gewisser Umverteilung der Güter ist notwendig, um den sozialen Frieden zu erhalten. Spätestens 1789 ist klar geworden: Wenn der Staat das nicht leistet, dann richtet’s die Revolution.

Es fragt sich, ob der Neid auch wirklich immer hässlich ist.

Friedhelm Decher lässt auch ein paar Denker zu Wort kommen, die den Neid als "Garanten sozialer Gerechtigkeit" feiern. Auch mancher Guru der Leistungsgesellschaft müht sich, das ewig verschämte Gefühl salonfähig zu machen. Da ist die Rede vom "produktiven Neid", der das Motiv zum Wettkampf abgibt, nach dem Motto: "Was der kann, das kann ich schon lange, und was die kriegt, das krieg‘ ich auch!" Neid sorge für Wettbewerb und Entwicklung, sei somit ein Motor des Fortschritts.

Mehrheitlich jedoch wird der Neid als ein unangenehmes Gefühl beschrieben, das der Mensch gerne loswerden möchte. Gibt es Rezepte gegen den Neid?

Friedhelm Decher hat bei vielen Philosophen nachgelesen und schreibt darüber ein eigenes Kapitel. Zunächst stellt er klar: Der Neid erwächst aus einem Gefühl der Minderwertigkeit, aus einer Selbsterniedrigung des Neiders in Bezug auf den Beneideten. Wem es gelingt, seinen "Mindi" loszuwerden, der wird auch nicht mehr neidisch sein, er wird bestenfalls sogar ein paar Menschen bewundern. Für den Philosophen Sören Kierkegaard zum Beispiel steht außer Zweifel: Wer neidisch ist oder eifersüchtig, dem fehlt die Kraft zur Bewunderung, und die ist eine Frage des Selbstwertgefühls. Dort, wo wir es nicht schaffen, unseren Neid in Bewunderung umzutaufen, ganz einfach, weil es nichts zu bewundern gibt, da ist an diesem Neid etwas faul. Wir sollten ihn fahren lassen und uns in Gelassenheit üben.

Das Buch ist allen zu empfehlen…

…die wissen wollen, was die modernen Natur- und Geisteswissenschaften zum Phänomen des Neids zu sagen haben. Friedhelm Decher verkauft sich nämlich ein wenig unter Wert: In seinem Buch wird der Neid nicht nur als "philosophisches Problem" behandelt, wie es im Untertitel heißt. Neben Philosophen kommen auch Biologen, Psychologen, Mediziner und Soziologen zu Wort. Das knallgelb gebundene Buch ist in einem flotten Feuilleton-Stil verfasst und taugt auch als Balsam gegen den kleinen, alltäglichen Neid.

Friedhelm Decher: "Das gelbe Monster Neid. Neid als philosophisches Problem", zu Klampen Verlag Springe, 192 Seiten, € 18,00.