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Interview / Archiv | Beitrag vom 05.03.2019

Über Flugscham und ReiselustImmer am Boden bleiben?

Björn Ahaus im Gespräch mit Nicole Dittmer

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Blick aus einem Flugzeugfenster aus Dubai. (Unsplash / Ishak Ahmed)
"Vielleicht müssen wir den Traum vom Fliegen 3.0 entwickeln", sagt Björn Ahaus und meint damit die Entwicklung klimafreundlicher Flugzeuge. (Unsplash / Ishak Ahmed)

Ferne Länder, andere Kulturen – Reisen ist aufregend. Doch ist Fliegen angesichts des CO2-Ausschusses überhaupt vertretbar? Sozialwissenschaftler Björn Ahaus empfiehlt die Wiederentdeckung der Langsamkeit und hofft auf technologischen Fortschritt.

Mal eben zum Shoppen nach London, übers Wochenende nach Barcelona oder kurz zur Freundin nach Paris. Dank Billig-Airlines kein Problem mehr. Klimafreundlich ist das aber sicher nicht. Müssen wir uns deshalb für unseren CO2-Verbrauch und unsere Reiselust schämen? In Schweden hat man bereits das Wort "flygskam", Flugscham, erfunden.

Nachhaltiges Reisen

Mit Frage, wie nachhaltiges Reisen aussehen kann, beschäftigt sich auch Björn Ahaus. Er ist Sozialwissenschaftler am kulturwissenschaftlichen Institut in Essen und beschäftigt sich dort mit den Themen soziale Innovation, Nachhaltigkeit und Klimakultur.

"Der Weltklimarat hat im vergangenen Jahr im Vorfeld der Klimakonferenz ein neues Sondergutachten veröffentlicht. Und das zeigt ganz klar, dass unser CO2-Budget sehr begrenzt ist. Wenn wir das 1,5-Grad-Ziel einhalten wollen, dann wäre unser Budget, wenn wir so weiter machen wie bisher, in etwa zehn Jahren aufgebraucht."

Angesichts dessen müssen wir unser Verhalten ändern, sagt Ahaus:

"Wenn alle Menschen fliegen würden, so wie das die Menschen in den reichen, westlichen Ländern heute tun, dann wäre unser Budget natürlich noch viel schneller aufgebraucht. Man geht ja davon aus, dass es gerade mal fünf Prozent der Weltbevölkerung sind, die relativ regelmäßig fliegen. Insofern ein bisschen schämen kann man sich dafür schon."

Die Wiederentdeckung der Langsamkeit

Um die Welt zu bereisen brauche man nicht zwingend einen Flieger, findet Ahaus. Vor allem in Europa gebe es viele Zugstrecken, die Reisende mit einem etwas größeren Zeitaufwand an Ziel brächten. Mit der Bahn könne ein Reisender erleben, wie sich die Landschaft langsam verändere. Eine Erfahrung, die im Flugzeug fehle.

Reisende, die auf einen Flug trotzdem nicht verzichten können oder wollen, könnten CO2-Emissionen über Anbieter wie Atmosfair kompensieren. Über eine Spende würden dann Klimaschutzprojekte unterstützt, die den CO2-Ausstoß kompensieren sollen. Doch neben dem individuellen Engagement seien auch politische Maßnahmen notwendig.

"Wir haben heute eine Situation, in der Kerosin nicht besteuert wird. Das heißt, das Fliegen ist direkt und indirekt subventioniert. Und man könnte sich natürlich überlegen, ob es nicht doch sinnvoll wäre, wenn eher die Bahn subventioniert wird, die ja ein deutlich klimafreundlicheres Verkehrsmittel darstellt."

Der neue Traum vom Fliegen

Langfristig hofft Ahaus darauf, dass das Flugzeug selbst ein klimafreundliches Verkehrsmittel werde.

"Vielleicht müssen wir den Traum vom Fliegen 3.0 entwickeln. Das heißt, wir müssten das Fliegen sauber kriegen. Der neue Traum des Fliegens könnte sein, dass wir Flugzeuge entwickeln, die nicht mehr diese Klimaintensität haben, also zum Beispiel elektrisch fliegen oder mit Brennstoffzellen. Und natürlich müsste die Energie dann aus erneuerbaren Energien erzeugt werden."

(mwl)

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