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Zeitreisen / Archiv | Beitrag vom 27.07.2005

Über die Gefährdung der Freiheit in der Demokratie

Zum 200. Geburtstag des französischen Historikers Alexis de Tocqueville

Von Christoph Vormweg

Die Freiheit führt das Volk (Louvre)
Die Freiheit führt das Volk (Louvre)

Alexis de Tocqueville war ein kritischer Vordenker der modernen Demokratie. Bereits 1831 warnte er davor, dass Demokratien Züge eines totalitären Systems annehmen und eine Tyrannei der Mehrheit eintreten könne. Trotzdem war er ein leidenschaftlicher Kämpfer für die Demokratie, der immer an das Ideal des selbst bestimmten und doch der Gemeinschaft verpflichteten Individuums glaubte.

"Die Demokratie aufhalten wollen, hieße gegen Gott selbst zu kämpfen… Globalia ist eine ideale Demokratie. Jeder ist in seinem Handeln frei. Die natürliche Neigung der Menschen besteht allerdings darin, die Freiheit zu missbrauchen, um die der anderen zu beeinträchtigen. DIE GRÖSSTE BEDROHUNG DER FREIHEIT IST DIE FREIHEIT SELBST. Wie verteidigt man die Freiheit gegen sich selbst? Indem man allen Sicherheit garantiert. Sicherheit ist Freiheit. Sicherheit ist Schutz. Schutz ist Überwachung. ÜBERWACHUNG IST FREIHEIT."

Handelt es sich hier um die vernünftige Verteidigungslogik der demokratischen Staatsräson in Zeiten des internationalen Terrorismus? Oder um die Perversion unseres demokratischen Freiheitsbegriffs? In jedem Fall: Jean-Christophe Rufin beschreibt in seinem gerade ins Deutsche übersetzten utopischen Roman "Globalia", auf den wir am Schluss der Sendung noch genauer eingehen werden, eine scheindemokratische Gesellschaft. Hochgerechnet hat der Mitbegründer der Organisation "Ärzte ohne Grenzen" dafür nicht nur Degenerationserscheinungen unserer westlichen Demokratien, sondern auch die Warnungen des vor 200 Jahren geborenen französischen Historikers und Staatsdenkers Alexis de Tocqueville.

"Tocqueville ist lange als Vordenker des Liberalismus angesehen worden. Wenn man ihn jedoch genau liest, merkt man, dass er die Demokratie äußerst kritisch betrachtet. Am Ende seines Buchs "Über die Demokratie in Amerika" beschreibt er in visionärer, außerordentlich moderner Weise, wie demokratische Gesellschaften aus dem Ruder laufen können. Tocqueville ist für mich der erste, der wirklich gesagt hat, dass die Demokratie zu einem totalitären System werden kann."Die Art der Unterdrückung, die den demokratischen Völkern droht", hatte Alexis de Tocqueville prophezeit, "wird mit nichts, was ihr in der Welt voranging, zu vergleichen sein."

Oliver Hidalgo: " Tocqueville sieht bestimmte Gefährdungen, dass die Gleichheit die Freiheit überwiegt. Er sieht eine Tendenz zum Zentralismus, weil nur ein Zentralstaat einheitliche Rechtsvorschriften garantieren kann. Er sieht die Stärke der öffentlichen Meinung, die zur Konformität zwingt. Er sieht generell so ein bisschen das Anonymwerden der Mächte: man weiß eigentlich gar nicht mehr so richtig, von wem man regiert wird. Und aufgrund dessen, weil die Bürger vor allem auch mit dem Streben nach Wohlergehen, nach Reichtum beschäftigt sind und ihre politischen Rechte, die sie zwar besitzen, in der Praxis aber nicht mehr ausüben, verlieren sie sozusagen die Möglichkeit oder die Fähigkeit, frei zu handeln und überlassen alles dem Staat oder der Bürokratie."

Kein anderer Staatsdenker - so Oliver Hidalgo, Politikwissenschaftler aus Regensburg – hat die Anfälligkeiten der parlamentarischen Demokratie so früh und "so präzise und subtil analysiert" wie Tocqueville; keiner die Selbstbezüglichkeit des Bürgers, der lieber seine Rechte "fahren lässt" als seinen Reichtum, so vorbehaltlos dargestellt.

Doch hatten es politische Denker, die nicht ins Rechts-Links-Schema passten, also für die Vereinnahmer uninteressant waren, in Deutschland im 20. Jahrhundert immer schwer. So war Tocqueville, der "Prophet des Massenzeitalters", den Sozialisten suspekt, weil er die Gleichheit der Bedingungen zum demokratischen Prinzip erkor, die ökonomische Gleichheit aber nicht einschloss. Den Konservativen wiederum missfielen seine Warnungen vor einem zu ungezügelten freien Markt.

Doch haben sich die Perspektiven auf sein Werk seit dem Berliner Mauerfall von 1989 verändert. Grund genug für Oliver Hidalgo, dem bei uns fast vergessenen Franzosen zu seinem 200. Geburtstag zusammen mit Karlfriedrich Herb im Campus-Verlag ein eigenes Buch zu widmen.

"Wenn man sich zurück erinnert: Die Euphorie nach dem Zusammenbruch des Sozialismus, des Warschauer Paktes war ja groß: Jetzt kommt das Ende der Geschichte, das wird ein positives sein, es wird ein demokratisches, liberales, marktwirtschaftliches, freies Ende der Geschichte werden - und Tocqueville hätte diesen Sieg der Demokratie oder hat ihn vorausgesagt, aber er hat von vornherein gesagt: Die Schwierigkeiten kommen eigentlich erst – und in dieser Hinsicht kann natürlich die politische Wissenschaft auf ihn zurück greifen."

Denn, so Tocquevilles Prognose:

"Nichts ist schwieriger als die Lehrzeit der Freiheit."

Das Bewusstsein für das schwierige Verhältnis von Freiheit und Gleichheit, den großen Errungenschaften der Französischen Revolution, wird dem kleinen Alexis gleichsam in die Wiege gelegt. Denn Robespierre, der Kopf der Schreckensherrschaft, war für die Gleichheit über Leichen gegangen und hatte auch die Eltern Tocquevilles, die aus altem normannischen Adel stammten, auf seiner Hinrichtungsliste stehen. Doch kurz bevor sie guillotiniert werden sollten, fraß die Revolution ihren selbst ernannten Anführer und sie kamen frei.

Obwohl Alexis erst elf Jahre später, am 29. Juli 1805 geboren wird, liegt das Trauma der Revolutionswirren wie ein Schatten über seiner Kindheit. Sein Vater hat im Kerker mit 22 Jahren weiße Haare bekommen. Seine Mutter singt immer wieder unter Tränen Lieder auf den enthaupteten König Ludwig XVI. Mit 16 Jahren gilt Alexis als Bücherwurm. Und die Lektüre verändert ihn:

"Damals trat der Zweifel [in mein Leben], oder richtiger, er brach mit unerhörter Gewalt herein, nicht nur der Zweifel an diesem oder jenem, sondern der universale Zweifel. Ich erfuhr plötzlich die Empfindung, von der Leute sprechen, die ein Erdbeben erlebt haben, wenn der Boden unter ihren Füßen nachgibt."

"Aristokrat aus Instinkt", "Demokrat aus Verstand" – auf diesen Nenner bringt Tocqueville seinen existentiellen Zwiespalt. Einerseits sehnt er den Siegeszug der Demokratie herbei. Andererseits fürchtet er ihn, weil er der Masse misstraut, ihrem Hang zum Umsturz.

Seine Entscheidung, Rechtswissenschaft zu studieren, ist so unstandesgemäß wie seine heimliche Verlobung mit einer Bürgerlichen aus England. Hinzu kommt seine Neugier für die politischen Zustände jenseits des nationalen Tellerrands. Mit 26 Jahren schifft sich Alexis de Tocqueville, der es bis dahin zum Hilfsrichter in Versailles gebracht hat, in Richtung neue Welt ein. Karlfriedrich Herb, Professor für Politische Philosophie und Ideengeschichte in Regensburg:

"Tocqueville hat als junger Mann sein Vaterland, das eigentlich nicht mehr seines war, verlassen, ist nach Amerika gegangen. Er sollte mit einem Freund das Strafgefangenen-System in Amerika untersuchen. Aber er entdeckt natürlich in Amerika viel mehr als nur eine besonders fortschrittliche Art mit Gefangenen umzugehen. Er entdeckt in Amerika gewissermaßen das neue Gesetz der Moderne: die Gleichheit der Bedingungen."

Am 15. Mai 1831 erreicht er nach stürmischer Überfahrt mit seinem Freund und Kollegen Gustave de Beaumont New York.

"Man sieht weder einen Dom noch einen Glockenturm noch große Gebäude, so dass man dauernd den Eindruck hat, in einer Vorstadt zu sein. [...] Kaum hat man den Boden Amerikas betreten, befindet man sich inmitten einer Art von Getümmel; von überall her erhebt sich verworrener Lärm; ungezählte Stimmen dringen gleichzeitig ans Ohr; jede drückt irgendein soziales Bedürfnis aus. Alles um einen herum ist in Bewegung."

Auf 25 Staaten verteilen sich 13 Millionen Einwohner. Fasziniert beobachtet Tocqueville die Alltagsrealitäten dieser jungen Republik mit ihrem unermesslichen Hinterland. Er besichtigt ihre Institutionen, erkundet die Wildnis in der Nähe der Siedlung Detroit, begegnet Indianern, ahnt das Ende der Sklaverei voraus. Im Verlauf des einjährigen USA-Aufenthalts notiert Tocqueville fast 200 Gespräche.

Zurück in Paris, beginnt Tocqueville in einer Dachkammer mit der Niederschrift eines Werks, das keine Vorläufer hat und ihn mit 30 Jahren auf einen Schlag berühmt macht.

"Dieses Buch wurde [...] im beständigen Bann eines einzigen Gedankens geschrieben: des nahen, unaufhaltsamen, allgemeinen Aufstiegs der Demokratie in der Welt. [...] Geht man die Blätter unserer Geschichte durch, so trifft man sozusagen auf kein einziges Ereignis, das sich [...] nicht zum Vorteil der Gleichheit ausgewirkt hätte [...] Die Erfindung der Feuerwaffen macht Gemeine und Adelige auf dem Schlachtfeld gleich; der Buchdruck bietet ihrem Geist die gleichen Hilfsmittel; die Post trägt die Aufklärung zur Hütte des Armen wie an das Tor der Paläste; der Protestantismus lehrt, dass alle Menschen in gleicher Weise imstande sind, den Weg zum Himmel zu finden. Das sich entdeckende Amerika öffnet dem Glück tausend neue Wege."

Doch wie die Gleichheit mit der Bedürfnis nach Freiheit in Einklang bringen? Freiheit ist für Tocqueville mehr als ein Bündel von Rechtsgarantien zum Schutz der individuellen Unabhängigkeit und Sicherheit. Freiheit ist für ihn eine Form der Lebensführung, ein moralisches Ordnungsprinzip, das ein Bewusstsein für Pflichten und Toleranz mit einschließt und so die Gemeinschaft von innen heraus regeln soll. Womit gerade der Bürger gefordert ist. Denn ohne seine aktive, verantwortliche Teilnahme am politischen Leben lässt sich in Tocquevilles Augen kein Staatsapparat mit seiner übermächtigen Bürokratie wirksam kontrollieren. Ohne sein permanentes Mitwirken lässt sich keine Gesellschaft der größtmöglichen Rechts- und Chancengleichheit verwirklichen.

Viele der Prophezeiungen Tocquevilles sind eingetreten. Zunächst die, dass Russland und die USA die beiden großen Weltbeherrscher sein würden. Später dann die, dass sich die Walze der Demokratisierung weltweit durchsetzen würde. Der Mensch, so Tocqueville, sei vom Glauben seiner Gleichberechtigung nämlich nicht mehr abzubringen. Bis zur so genannten "Globalisierung" ist es da nur ein Schritt. 1840 notiert er:

"In demokratischen Zeitaltern bewirkt die gesteigerte Beweglichkeit der Menschen und die Ungeduld ihrer Wünsche, dass sie unaufhörlich ihren Standort wechseln und dass die Bewohner der verschiedenen Länder sich vermischen, sich sehen, sich angehören und nachahmen. Nicht nur die Angehörigen eines gleichen Volkes werden sich so ähnlich; die Völker selber gleichen sich wechselseitig an, und alle zusammen bilden für das Auge des Betrachters nur mehr eine umfassende Demokratie, in der jeder Bürger ein Volk ist. Das rückt zum ersten Male die Gestalt des Menschengeschlechts ins helle Licht."

"Jeder Bürger ein Volk" – das ist Tocquevilles großer Traum vom selbst bestimmten und doch der Gemeinschaft verpflichteten Individuum. Die Gefahren jedoch unterschlägt er nicht: die der lähmenden Gleichförmigkeit, der Orientierungslosigkeit in der Masse, der Entfremdung, der Herrschaft der öffentlichen Meinung. Tocquevilles Zielvision der Geschichte ist letztlich das weltweite, aber stabile Mittelmaß:

"Als nur die Reichen Uhren besaßen, waren diese fast alle ausgezeichnet. Jetzt stellt man nur noch mittelmäßige her, aber alle besitzen welche. So drängt die Demokratie den menschlichen Geist nicht nur zu den nützlichen Künsten hin, sie veranlasst die Handwerker, sehr rasch viele unvollkommene Dinge herzustellen, und den Verbraucher, sich mit diesen Dingen zu begnügen [...] Da man nicht mehr auf das Große zielen kann, sucht man das Gefällige und Hübsche; man geht eher auf den Schein als auf das Echte aus."

Auch im Privaten versucht Tocqueville, so Oliver Hidalgo, seine neuen demokratischen Überzeugungen zu leben.

Hidalgo: "Er hat in seinem Privatleben beispielsweise sich gegen die Konvention der Familie gestellt, indem er eine bürgerliche Engländerin geheiratet hat – also das war ja doppelt falsch: bürgerlich und Engländerin, da gab's also ganz gravierende Widerstände. Er hatte sich zuvor schon einmal in eine bürgerliche Engländerin verliebt, diese Liaison hat er dann beendet. Er hat es dann gewagt - nachdem er Erfolg als Autor hatte, 1835 -, sich gegen den Willen der Familie mit der Engländerin zu vermählen.

Er hat auch in bestimmter Hinsicht immer versucht, nach außen bestimmte Zeichen zu setzen. Also er hat, soweit ich weiß, den ihm angestammten Adelstitel nicht getragen. In seiner Geburtsstadt war ein Platz in der Kirche für ihn reserviert, den er nicht wahrgenommen hat. Man muss auch sagen, er war dann der Erbe des Schlosses Tocqueville, obwohl er der jüngste Sohn war. Das hätte es in der Aristokratie früher auch nicht gegeben. Also er war der leistungsfähigste der drei Brüder und insofern auch da das demokratische Prinzip durchaus zu bemerken."

Und er versucht sich in der praktischen Politik. Von 1839 bis 1848 ist Tocqueville Abgeordneter seines heimatlichen Wahlbezirks in der Deputiertenkammer. Die Februar-Revolution von 1848 bewertet er aus Furcht vor sozialistischen Verhältnissen zunächst mit Skepsis. Doch mit der Ausrufung der 2. Republik scheint er seinem großen Ziel, dem Aufbau demokratischer Verhältnisse in Frankreich, näher denn je.

Karlfriedrich Herb: "Es gibt also eine ganz reizvolle Perspektive, wenn man die Inhalte seiner Analyse der Demokratie mit seiner eigenen Position, mit seinem eigenen Lebensweg vergleicht, und da kann man sagen, dass Tocqueville eigentlich in mehrfacher Hinsicht zwischen den Welten gelebt hat. Natürlich einmal zwischen der Welt, die er nur noch aus der Erinnerung seiner Väter kannte, dem Ancien Régime, also einer Welt, die zurückblickte, und der modernen Welt, die er vor Augen hatte und die er verstehen wollte. Dann natürlich geografisch zwischen Europa und Amerika. Und dann vielleicht auch die Welt der Aktion, der vita activa und die Welt der Politik.

Tocqueville hat sich eigentlich in allen Fällen immer in einer Zwischenposition befunden, und vielleicht wird der innere Zwiespalt, die Unentschiedenheit, die das Werk kennzeichnet und auch den Autor, am deutlichsten vielleicht dort, wo es um das religiöse Bekenntnis geht. Also Tocqueville war der Meinung, dass der Mensch, vor allen Dingen der demokratische Mensch nicht ohne religiöse Gewissheit leben kann. Und er hatte diese Gewissheit aber bereits sehr früh verloren. Und mit etwas Mut könnte man sagen, dass der Aristokrat Tocqueville damit sozusagen das Schicksal des demokratischen Menschen schon vorlebt – nämlich, dass er sieht, dass die Demokratie aus Bedingungen existiert, die sie selber nicht hervorzubringen wagt, und dass diese Bedingungen aber selber fragwürdig gewesen sind."

Zu Tocquevilles Paradoxien gehört, dass er seine Glaubenszweifel im Werk nicht erwähnt. Wir kennen sie nur aus seiner privaten Korrespondenz. Oliver Hidalgo, Politikwissenschaftler aus Regensburg:

"Wovon er allerdings überzeugt war, das war von der Überlegenheit der christlichen Moral. Er war davon überzeugt – und das war dann eben kein Widerspruch zur Demokratie -, dass das Christentum anderen Religionen wie dem Islam, dem Heidentum, dem Hinduismus überlegen ist. Wenn man ihn genau liest, dann merkt man auch, dass er die Demokratie als genuin christliche Idee aufgefasst hat: die Gleichheit wurde ursprünglich von der christlichen Morallehre evoziert oder zum ersten Mal formuliert, und deswegen ist auch nicht zufällig die Demokratie ein Phänomen, das er in der christlichen Welt gesehen hat. Eine weltweite Demokratisierung korrespondiert in dem Fall auch einer Christianisierung - und deswegen war das für ihn überhaupt kein Widerspruch, Algerien zu kolonisieren und gleichzeitig Demokrat zu sein."

Auch wenn Tocqueville nicht dem rassistischen Denken auf den Leim geht, so doch dem imperialistischen. Womit auch sein vielleicht bedeutendster Denkfehler höchste Aktualität besitzt. Denn auch die amerikanische Bush-Regierung stellte ihre zweite Irak-Invasion als Kampf für demokratische und christliche Werte dar.

Doch auch wenn Tocqueville in der kolonialen Frage nationalistisch denkt und auf beiden Augen blind erscheint, tut er alles für die Durchsetzung der Demokratie in Frankreich. An der Ausarbeitung der neuen Verfassung ist er maßgeblich beteiligt. Doch auch seine Wahl in die Gesetzgebende Versammlung und sein Aufstieg zum Außenminister Mitte 1849 können den Absturz der Republik nicht verhindern. Louis-Napoléon Bonaparte, der neu gewählte Präsident, kippt sie 1851 mit einem Staatsstreich.

Wie viele Abgeordnete wird auch Tocqueville vorübergehend festgenommen. Nach seiner Freilassung legt er die praktische Politik ad acta und widmet sich im inneren Exil, bereits tuberkolose-krank, seinem letzten großen historisch-soziologischen Werk über das Ancien Regime und die Revolution. Während der Arbeit am 2. Band stirbt Alexis de Tocqueville am 16. April 1859 in Cannes.

Und: Hat Alexis de Tocqueville Recht behalten? Sind wir bereits Opfer jener "Tyrannei der Mehrheit", vor der er die demokratischen Nationen der Zukunft warnte? In jedem Fall: wer seine Studie "Über die Demokratie in Amerika" liest, sieht unsere demokratische Gegenwart mit anderen Augen. So hat es auch der Pariser Schriftsteller Jean-Christophe Rufin empfunden. Deshalb hat er die Prophetien und Warnungen Tocquevilles und seine persönliche Sicht des politischen Status Quo zu Beginn des 21. Jahrhunderts hoch gerechnet. Entstanden ist der beklemmende Science-Fiction-Roman "Globalia".

"Wir leben heute, wie ich finde, in einer Gesellschaft, die nicht Verbote praktiziert, sondern Freiheiten, die nicht die Beschränkung kennt, sondern den Überfluss, die nicht auf Autorität gründet, sondern auf Individualismus. Für mich lag das Interesse darin, auf diesen Begebenheiten eine Utopie aufzubauen, die zeigt, wie sich eine freiheitliche, individualistische Überflussgesellschaft gegen den Menschen wenden kann, wie sie zu einem gefährlichen Unterdrückungssystem werden kann, in dem die Freiheit letztlich bedroht ist."

aus "Globalia": ""Wie jede individuelle Handlung war die Sexualität in Globalia natürlich frei. Allerdings war eine Schwangerschaft im Interesse einer wirksamen Bevölkerungssteuerung – die für die Harmonisierung aller wirtschaftlichen Notwendigkeiten sorgte – ein "meldepflichtiges Ereignis", das strengen Regeln unterlag. Man musste es dem Ministerium für gesellschaftliche Harmonie mitteilen. Die Frauen brauchten sich bei dieser Meldung überhaupt keine Sorgen zu machen: In fast allen Fällen genehmigte man die Abtreibung. Seit langem galt die politische Priorität der individuellen Entfaltung. Studieren, Berufserfahrungen sammeln, reisen, die eigene Kreativität entwickeln, das alles wurde gefördert, unterstützt, sogar im Interesse der gesellschaftlichen Harmonie finanziert. Das "Recht auf ein langes und erfülltes Leben" war in der Verfassung festgeschrieben."

Dank der Perfektionierung des Organaustauschs haben die Alten in "Globalia" das Sagen. Die Jugend ist durch Geburtenkontrolle zur Minderheit degradiert. Die Politik begnügt sich mit der Inszenierung des schönen demokratischen Scheins. Die wahre Macht liegt bei einer Handvoll Wirtschaftsbosse, die sich den Weltmarkt unter sich aufgeteilt haben.

Doch gibt es noch mehr Anspielungen auf die Weltmacht USA. Denn der Staat "Globalia" verlegt seine Kriege in die so genannte "Non-Zone", die außerhalb der riesigen Glaskuppeln liegt, mit denen das Klima kontrolliert wird. Mehr noch: nach Bomben-Angriffen auf vermeintliche Terroristen schicken sie, um die Fernsehzuschauer bei Laune und Moral zu halten, sogleich die humanitären Hilfsorganisationen hinterher. Die Demokratie in Amerika, die in Alexis de Tocquevilles Augen ein Vorbild für Europa sein sollte, scheint ihr Image verspielt zu haben – zumal sich ihre Entscheidungsträger nur ungern kritisieren lassen. Jean-Christophe Rufin:

"Sehen Sie, es gibt da zwei verschiedene Probleme. Zum einen haben die USA eine sehr große Science-Fiction-Produktion, so dass die Nachfrage nach Übersetzungen gering ist – das ist der offizielle Vorwand. Aber es gibt noch eine andere Dimension: eine Kritik am globalen und mehr noch am amerikanischen System, die aus Frankreich kommt, stößt dort im Moment auf Ablehnung. Man darf die derzeitige tiefe Krise der französisch-amerikanischen Beziehungen nicht unterschätzen: im politischen Alltag, aber vor allem im Bereich der Ideen."

Nicht nur seine Tocqueville-Lektüre hat Jean-Christophe Rufin zu seinem Roman "Globalia" inspiriert. Er hat darin auch seine Erfahrungen als Mitbegründer der Organisation "Ärzte ohne Grenzen" und als Präsident des Vereins "Aktion gegen den Hunger" verarbeitet, die ihn ständig mit den Notlagen in der dritten Welt konfrontieren. Für das westliche demokratische System sieht Rufin jedenfalls nur eine Chance: Es müsse sich von innen erneuern.

"Die Botschaft des Buches ist vielfältig, aber ganz einfach ausgedrückt, besagt sie: Dass wir in einer Demokratie leben, heißt nicht, dass uns dieses System automatisch Gutes bringen wird. Wir müssen gegenüber diesem politischen System genauso in einer Haltung des Widerstands verharren, wie wir es gegenüber einem erwiesenermaßen totalitären System tun würden. [...] Ich wollte damit erklären, dass wir heute vielleicht am Ende der Geschichte angekommen sind mit dem Triumph der Demokratie und der Marktwirtschaft - und es scheint ja auch keine überzeugenden Alternativen zu geben. Aber das heißt nicht, dass uns dieses System das Glück bringt und wir das politische Feld einfach verlassen dürfen."

Auch diese Warnung könnte von Alexis de Tocqueville stammen. Keiner hat dem repräsentativen demokratischen Massen-Bürger der Zukunft tiefer in die Seele geschaut als er. Tocqueville zum Letzten:

"Ich erblicke eine Menge einander ähnlicher und gleichgestellter Menschen, die sich rastlos im Kreise drehen, um sich kleine und gewöhnliche Vergnügungen zu verschaffen, die ihr Gemüt ausfüllen. Jeder steht in seiner Vereinzelung dem Schicksal aller fremd gegenüber [...] Entwickelt sich in einem dieser demokratischen Völker die Vorliebe für materielle Genüsse schneller als die Bildung und die freiheitliche Gewohnheit, so kommt ein Augenblick, da die Menschen vom Anblick begehrter Güter wie außer sich sind. Man braucht derartigen Bürgern Rechte, die sie besitzen, nicht erst entreißen, sie lassen sie selber gern fahren."

"Globalia": ""Globalia ist eine ideale Demokratie. Jeder ist in seinem Handeln frei. Die natürliche Neigung der Menschen besteht allerdings darin, die Freiheit zu missbrauchen, um die der anderen zu beeinträchtigen. DIE GRÖSSTE BEDROHUNG DER FREIHEIT IST DIE FREIHEIT SELBST. Wie verteidigt man die Freiheit gegen sich selbst? Indem man allen Sicherheit garantiert. Sicherheit ist Freiheit. Sicherheit ist Schutz. Schutz ist Überwachung. ÜBERWACHUNG IST FREIHEIT."

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