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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 22.10.2019

Über das Lamentieren und KlagenJammern ist gelebte Demokratie

Überlegungen von Rolf Schneider

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Gegner des Bahnprojektes Stuttgart 21 demonstrieren im August 2014 in Stuttgart. (picture alliance/dpa/Sebastian Kahnert)
Gegner des Bahnprojektes Stuttgart 21 demonstrieren im August 2014 in Stuttgart. (picture alliance/dpa/Sebastian Kahnert)

Der Jammer-Ossi ist in die Jahre gekommen, aber er lebt noch. Denn es gibt immer etwas zu jammern. Und das ist nicht nur verständlich, sondern wichtig. Denn Jammern ist eine Form des sozialen Widerstands, findet der Schriftsteller Rolf Schneider.

Zu den bleibenden Resultaten der politischen Ereignisse von 1989/90, die in die deutsche Wiedervereinigung mündeten, gehört der Jammer-Ossi. Es gibt ihn immer noch, seit 30 Jahren, dieweil sein Gegenstück, der Besser-Wessi, inzwischen in der gesamtdeutschen Wirklichkeit aufgegangen ist. Das Jammern hat keinen guten Leumund. Ein Jammerlappen fällt eher der Verachtung anheim, das Jammertal ist eine unwirtliche Gegend. Jammern wird als lästig empfunden, als unzivilisiert oder unbeherrscht. Andererseits gibt es ihn, seit Urzeiten, er ist Teil unserer Existenz, der individuellen wie der gesellschaftlichen. Er ist Ausdruck von Unbehagen, von Unpässlichkeit und Leid, er ist für dies alles das emotional begründete und vokal gestimmte Ventil.

Klagen ist besser angesehen als Jammern

Zudem scheint er allgegenwärtig. Deutschlands Dialekte haben eigene Synonyma, wie granteln, barmen und meckern. Sie decken die Grundbedeutung nicht zur Gänze, doch überwiegend ab und bieten Raum für regionale Eigenheiten. Daneben existiert die ritualisierte Form des Jammern: das Klagen. Die Ritualisierung kann religiös ausfallen oder juristisch. Beides genießt ein höheres Ansehen als das Jammern.

"Du wirst voll Trunkenheit und Jammer werden; denn der Becher deiner Schwester Samaria ist ein Becher des Schauderns und Entsetzens!"

So heißt es beim jüdischen Propheten Ezechiel, den Luther Hesekiel nennt. Der hier geäußerte Jammer bezieht sich auf die deprimierenden Umstände der babylonischen Gefangenschaft. Auch sonst ist das Alte Testament voll von dem, was kirchenlateinisch lamentatio heißt, ein weiteres Synonym für Jammern ist.

Unterschiede beim weltweiten Jammern

Es gibt Gegenden und Ethnien, die besonders ausgiebig jammern, andere hingegen weniger. Nordamerikanern liegt das Jammern fern; selbst wenn sie sich im Elend befinden, behaupten sie, es gehe ihnen glänzend. Skandinavier scheinen da anders, was vielleicht schon durch die endlosen Winternächte bedingt ist. Bei Herman Bang, August Strindberg und Ingmar Bergman wird ausführlich gelitten und gejammert.

Wir können das gleichermaßen in unserem eigenen Vaterland beobachten. Die Leute im Rheinland scheinen zum Jammern weniger begabt als die Einwohner Thüringens und Sachsens, die auch die Kerntruppe der Jammer-Ossis stellen. Genetisches und Politisches fallen hier tragisch zusammen.

Jammern auf hohem Niveau

Nun wäre zu vermuten, dass Arme besonders zum Jammern neigen. Dem ist gewiss so, aber es beschränkt sich darauf nicht. Selbst gehobenes Publikum in Ostdeutschland jammert gerne. Dies trägt den bezeichnenden Titel "Jammern auf hohem Niveau" und verrät so etwas wie ein schlechtes Gewissen und das Eingeständnis, dass der Jammeranlass eigentlich hinnehmbar sei. Wieso trotzdem gejammert wird? Weil es außerdem Protest ist und Ausdruck des Bedürfnisses, Dinge zu ändern. Allenthalben geht es um wünschbaren Wandel, um Verbesserung der Zustände, um nackte Politik.

Gesamtgesellschaftliches Grundgeräusch

Jammern ist gelebte Demokratie, so wie der Streik, die Versammlung, die Demonstration, die Wahl. In feudalistischen Zeiten, die keine Wahlen kannten, die Streik und Demonstration verboten und blutig niederzwangen, blieb das Jammern die einzig zulässige Form sozialen Widerstands. Er fand reichliche Anwendung. Alte Kirchenbücher verzeichnen, wie die Geistlichkeit Tatsache, Ausmaß und Gründe des Jammers zur Kenntnis nahm, um sie nach oben weiterzureichen.

In Diktaturen wie dem Stalinismus verhielt es sich ähnlich, nur dass nicht Pfarrer die Notizen verfertigten, sondern Spitzel der Geheimpolizei. Der Jammer als gesamtgesellschaftliches Grundgeräusch wurde solcherart der Obrigkeit angetragen, die darauf reagieren mochte oder nicht. Die Klage ist strukturiert und einigermaßen fest umrissen. Der Jammer ist diffus und kann uferlos sein. Das ist gelegentlich sein Nachteil, meist ist es seine Macht. Sie läuft auf Demokratie hinaus, ob der Jammerlappen im Jammertal, also auch der Jammer-Ossi, dies nun weiß oder nicht.

Rolf Schneider, Schriftsteller, steht im Mai 2019 in einem Haus im Land Brandenburg.  (picture alliance/dpa/Soeren Stache)Schriftsteller Rolf Schneider (picture alliance/dpa/Soeren Stache)Rolf Schneider, geboren 1932 in Chemnitz, war Redakteur der kulturpolitischen Monatszeitschrift Aufbau in Berlin (Ost) und wurde dann freier Schriftsteller und Essayist. Wegen "groben Verstoßes gegen das Statut" wurde er im Juni 1979 aus dem DDR-Schriftstellerverband ausgeschlossen, nachdem er unter anderem in einer Resolution gegen die Zwangsausbürgerung Wolf Biermanns protestiert hatte.

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