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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 11.01.2006

Über das Khasarenreich

Abenteuerroman: "Der Messias-Code"

Rezensiert von Marko Martin

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Peinliche Buchtitel-Piraterie: In direkter Übersetzung heißt Halters Buch "Der Wind der Khasaren" (AP)
Peinliche Buchtitel-Piraterie: In direkter Übersetzung heißt Halters Buch "Der Wind der Khasaren" (AP)

Der französische Autor Marek Halter stellt in "Der Messias-Code" die Nachfahren des kaukasischen Bergvolks der Khasaren, die das Judentum zur Staatsreligion erhoben, in den Mittelpunkt. Der Thriller spielt sowohl im 10. Jahrhundert wie in der Gegenwart und ist ein Lesegenuss.

Vor fünf Jahren erschien in Frankreich ein Roman, dessen Titel in wortwörtlicher deutscher Übersetzung "Der Wind der Khasaren" gelautet hätte. Sein Autor Marek Halter - Maler, engagierter Menschenrechtler, vor allem aber populärer Erzähler spannender Geschichten mit politisch-religiösem Hintergrund – führte die Leser diesmal in den Kaukasus, wo ein kleines Bergvolk inmitten mächtiger Erdöl-Rivalitäten um seine Erinnerung kämpft.

Weshalb aber trägt das Buch, soeben im Berliner Aufbau-Verlag erschienen, nun den Titel "Der Messias-Code"? Weder geht es hier nämlich um den Messias noch (trotz einiger dramaturgisch geschickt gebauter Episoden um unlesbare Karten, verschollene Manuskripte etc.) um irgendeinen Code, so dass die Mogelpackung vermutlich wohl allein im Wunsch begründet lag, auf der "Da Vinci-Code"-Dan-Brown-Welle mitzureiten.

Dass die Marketing-Angestellten literarischer Verlage nicht in jedem Fall Zeitgenossen sind, die Bildung und Büchern zugetan sind, ist wahrlich keine Neuigkeit, doch überrascht dann doch die dümmliche Dreistigkeit, mit der einem Buch ein derart lügnerisches Etikett aufgeklebt wird. Marek Halters Geschichte thematisiert nämlich gerade den Kampf gegen das Vergessen, handelt es sich doch bei jenem Bergvolk um Nachfahren jener Khasaren, die vor tausend Jahren zwischen Schwarzem und Kaspischem Meer lebten, das Judentum zur Staatsreligion erhoben und die damals noch kaum entwickelten Völker Osteuropas mit der Kunst, aber auch der Verwaltungstechnik von Persern und Byzantinern bekannt machten.

Spätestens seit Arthur Koestlers in den fünfziger Jahren erschienenem populärwissenschaftlichen Sachbuch "Der dreizehnte Stamm" ist diese Geschichte nicht mehr gänzlich unbekannt, doch unternimmt es Halter in seinem humanistisch intendierten Abenteuerroman, die Handlung nicht nur im zehnten Jahrhundert, sondern auch in der Gegenwart spielen zu lassen.

Nicht allein, dass russische ebenso wie kaukasische Chauvinisten nie und nimmer zugeben könnten, wie viel ihre Kultur dem untergegangenen Khasarenreich verdankt, auch handfeste Wirtschaftsinteressen in Georgien und Aserbaidschan stehen gegen den Traum junger Idealisten, die Geschichte ihres Volkes zu bewahren. Als der Pariser Schriftsteller Marc Sofer – ein Alter Ego Halters – bei einer Lesung auf die dortigen Vorgänge angesprochen wird und anschließend selbst in den Kaukasus reist, treibt alles auf einen explosiven Höhepunkt zu.

Nicht allzu avanciert in Stil und Struktur, jedoch den Gesetzen des Thrillers treu, ohne jemals das Ethische zu vernachlässigen, bietet Marek Halters darüber hinaus geschmeidig ins Deutsche übersetzter Schmöker einen Lesegenuss, für den man sich nicht schämen muss. Derlei überlässt man ohnehin lieber den geschichtslosen Werbe-Automaten mitsamt ihren peinlichen Buchtitel-Piraterien.

Marek Halter:
Der Messias-Code.

Roman.
Aus dem Französischen von Manfred Flügge.
Aufbau Verlag,
Berlin 2005, 374 S., brosch.,
8,95 Euro

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