Über das Alter in verschiedenen Gesellschaften

Hände eines alten Mannes © AP
Rezensiert von Edelgard Abenstein · 02.01.2006
Pat Thane und die Autoren dieses Bandes untersuchen Aspekte und Bedingungen des Alters in verschiedenen Gesellschaften von der Antike bis heute. Was hieß es zu unterschiedlichen Zeiten, alt zu sein? Oder: Ab welchem Alter galt man überhaupt als alt? Das Buch erzählt eine fesselnde Kulturgeschichte von großer Aktualität, in der Vorurteile und Stereotypen gesamthaft aufgearbeitet und vielfach widerlegt werden.
Das Alter ist allein deshalb eine besondere Phase im Leben - weil es so lange dauert. Es beginnt nach landläufiger Meinung im fünften Lebensjahrzehnt und führt manchmal bis jenseits der 100 Jahre. Die "Jugend" und das "Erwachsenenalter" sind dagegen deutlich kürzer.

An Ratgeberliteratur zum Thema mangelt es nicht, auch nicht an soziologischen, psychologischen oder demographieorientierten Abhandlungen. Was aber bisher gefehlt hat, war ein kulturhistorischer Streifzug durch diesen Lebensabschnitt im Wandel der Zeit.

Wer denkt, dass es die Alten in früheren Zeiten leichter hatten, wird darin sogleich eines Besseren belehrt. Im Mittelalter wurden alte Frauen schnell der Hexerei verdächtigt, die jungen Griechen verhöhnten ihre Großväter als "alte Geizkrägen", und im Italien der Renaissance meinte man aufseufzend, nur mit dem täglichen Glas Rotwein den "ergrauenden Launen" des Alters beizukommen.

Pat Thane räumt in ihrem Buch mit einigen Vorurteilen auf, früher seien die Menschen etwa weniger alt geworden, und wenn, dann habe man sie ehrfürchtiger behandelt. Es stimmt zwar, dass vor dem 20. Jahrhundert die durchschnittliche Lebenserwartung fast überall in Europa bei etwa 40 Jahren lag. Aber das bedeutete nicht, dass die meisten Menschen bereits in diesem Alter starben. Vielmehr sind diese Zahlen durch sehr hohe Sterblichkeitsraten von Kindern und Säuglingen verfälscht. Wer also damals die ersten Lebensjahre überstand und das Erwachsenenalter erreichte, hatte gute Chancen, 60 Jahre oder älter zu werden.

Wie alt war man, wenn man "alt" war? Wie lebte es sich in früheren Zeiten als Greis? Wurde man respektiert oder abgeschoben? Wann ging man in den Ruhestand, oder gab es diese Möglichkeit überhaupt nicht?

Das Buch verfolgt diese Fragen in sieben Abschnitten, von der Antike über das Mittelalter, und dann in Jahrhundertschritten, vom Zeitalter des Humanismus bis in die Gegenwart. Herausgegeben wurde es von der Londoner Professorin für zeitgenössische Geschichte, Pat Thane. Sie hat eine Reihe von Historikern um sich geschart, die diese fesselnde, flüssig lesbare Kulturgeschichte entworfen haben aus Literatur und Kunst, aus Theaterstücken, Statistiken, Lebensbeschreibungen, medizinischen Ratgebern, Gesetzestexten, Sprichwörtern und Benimmbüchern.

Die Fülle von Antworten wird ergänzt um zahlreiche Bilder aus allen Museen der Welt, von griechischen Statuen und Vasen über Handschriften und Gemälde von Rembrandt bis Lucian Freud. Sie geben einen faszinierenden Einblick, wie Künstler seit über zweitausend Jahren alternde oder alte Menschen wahrgenommen und dargestellt haben, ob es der greise Liebhaber ist oder die eitle Witwe, alte Päpste oder sich verzweifelt in Jungbrunnen stürzende Männer und Frauen, der erschöpfte Krieger oder ein von der Mühsal des Arbeitslebens gezeichneter Bauer.

Natürlich fällt es angesichts des thematischen Umfangs nicht schwer, Lücken in der Darstellung zu finden. So fielen die literarischen Beispiele im 19. und 20. Jahrhundert etwa deutlich magerer aus als in den vorangegangenen Epochen. Unbefriedigender noch ist die Tatsache, dass außer einigen wenigen französischen Studien keinerlei fremdsprachige Sekundärliteratur berücksichtigt wurde.

Bei den zahlreichen, qualitativ hochwertigen Illustrationen werden leider zumeist die Titel der Bilder vermisst, Angaben zum Zeitpunkt ihrer Entstehung, oft auch die Vornamen der Maler und immer ihre Lebensdaten. Dabei wäre es, bei einem solchermaßen durch das Thema geschärften Blick, durchaus interessant, das Alter der Künstler zu erfahren.

Dennoch ist diese Kulturgeschichte ein wahrer Meilenstein innerhalb der Tiradenliteratur dieser Tage, ob sie nun "Methusalem-Komplex" heißt, "Mit 50 wird das Leben leichter" oder "Schöne junge Welt". Denn sie zeigt hochgelehrt, anschaulich und spannend, wie man werden kann, was niemand gerne ist, alt, ohne alt zu sein. Schließlich, so lautete mit Cicero das Gebot zu allen Zeiten, werde "das Alter ...nur dann respektiert, wenn es um seine Rechte kämpft und sich seine Unabhängigkeit und Kontrolle über das eigene Leben bis zum letzten Atemzug bewahrt". Wie das zu geschehen hätte, auch darüber gibt das Buch Auskunft. Der berühmte Arzt der Spätantike, Claudius Galenus, empfiehlt gegen etwaige Altersanfälle - das laute Lesen. Stoff dazu bietet Pat Thanes Kulturgeschichte zuhauf.


Pat Thane (Hg.):
Das Alter. Eine Kulturgeschichte.

Aus dem Englischen von Dirk Oetzmann und Horst M. Langer.
Primus Verlag Darmstadt, 2005,
320 Seiten, 39,90 Euro.