Seit 13:05 Uhr Länderreport

Mittwoch, 17.07.2019
 
Seit 13:05 Uhr Länderreport

Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 17.08.2005

Über Aussetzer

Gedächtnislücken als Nebenwirkungen des Denkens

Von Susanne Nessler

Podcast abonnieren
Wie war der Name doch gleich? (dradio.de/Andreas Lemke)
Wie war der Name doch gleich? (dradio.de/Andreas Lemke)

Er liegt Ihnen auf der Zunge, doch Sie kommen nicht auf den Namen eines Freundes? Das dies ganz normal sei, meint der amerikanische Psychologe Daniel Schacter von der Harvard Universität in seinem Buch "Aussetzer. Wie wir vergessen uns zu erinnern". Gut verständlich beschreibt er die Ursachen gedanklicher Fehlleistungen.

Das Wort liegt Ihnen auf der Zunge, doch Sie kommen nicht auf den Namen eines Freundes? Sie identifizieren einen Bankräuber, doch er hat den Überfall nicht begangen? Sie stehen im Supermarkt, und wissen nicht mehr, was Sie einkaufen wollten? Keine Sorge, das ist ganz normal. Gedankenlücken und falsche Erinnerungen sind das logische Ergebnis der Evolution. Eine Art Nebenwirkungen des Denkens.

Dieser Ansicht ist der amerikanische Psychologe Daniel Schacter von der Harvard Universität. Einleuchtend und gut verständlich beschreibt er die Ursachen gedanklicher Fehlleistungen. Unser Gehirn sammelt und sortiert täglich zahlreiche Informationen. Wollen wir sie wieder abrufen, ist ihre Bedeutung für unser aktuelles Leben die entscheidende Triebfeder. Die meisten Erinnerungen sind von der Gegenwart geprägt, sagt Schacter.

Insgesamt sieben Nebenwirkungen, der Autor nennt sie "Gedankensünden" beeinflussen unser Denken. Verdrängung, Fehlinterpretation und Verzerrung sind drei der häufigsten falschen Fährten, auf die uns die Erinnerung lockt. Abhängig von der ursprünglichen Situation des Erlebens speichert unser Gehirn Erlebnisse unterschiedlich. Art und Umstand der Wahrnehmung sowie die Zeit entscheiden, ob und wie wir uns erinnern. Da das menschliche Gehirn, nicht ständig alle Informationen parat haben kann, wählt es nur die wichtigsten aus.

Erschreckende und traumatische Erlebnisse beispielsweise werden meist langfristig gespeichert, weil sie für das Überleben von entscheidender Bedeutung sind. Aus dem selben Grund können sie, aber auch verdrängt werden. Und zwar dann, wenn sie das Leben massiv beeinträchtigen. Diesen Mechanismus belegt der Psychologe fundiert anhand vieler Studien, Experimente, klinischen Berichten und Auswertungen von Zeugenaussagen in Gerichtsprozessen. Ausführlich erläutert werden auch die Funktionsweisen des Gehirns, die Signalübertragungen und Kodierung verschiedener Erlebnisse, sowie die unterschiedlichen Formen der Wahrnehmung. "Aussetzer, wie wir vergessen uns zu erinnern", ist wissenschaftlich anspruchsvoll und gleichzeitig unterhaltsam geschrieben und mit zahlreichen Anekdoten gespickt.

Zum Beispiel wird Bill Clintons offensichtliche Unfähigkeit beschrieben, sich an wichtige Details seines Verhältnisses zu Monica Lewinsky zu erinnern. Der Autor ist Amerikaner, da liegt dieser Vergleich nahe. Doch Daniel Schacter verwendet diese und andere Geschichten nicht bloß als unterhaltende Einschübe, sondern benutzt sie, um wichtige Spielarten des menschlichen Gedächtnisses zu veranschaulichen.

So gelingt dem Autor unterhaltsam die Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse an ein breites Publikum. Er wendet sich direkt an seine Leser, fordert sie auf mitzudenken und erreicht damit ein hohes Maß an Aufmerksamkeit bei der Lektüre.

Das Interessante daran ist, dass er den Leser nicht nur bestätigt oder beruhigt, sondern ihm deutlich macht, wie er z.B. durch gezieltes Nachdenken seinen Gedankenfehlern auf die Schliche kommen kann. Geh kritisch mit deinen Erinnerungen um, empfiehlt der Psychologe, denn sehr viele Gedanken an die Vergangenheit sind nicht so real, wie sie uns erscheinen.

In diesem Kontext warnt der Psychologe auch vor therapeutischen Ansätzen, die die Erinnerungen von Patienten oder Zeugen beeinflussen können. Besonders kritisch setzt sich Schacter mit Techniken auseinander, die Suggestivfragen verwenden. Er zeigt, wie gezieltes Nachhaken und Wiederholen, das Erinnerungsvermögen von Menschen umprogrammieren kann. Der menschliche Verstand lässt sich einfacher überlisten, als man wahrhaben will.

Eine gelungene Darstellung über die Hintergründe des Gedächtnisses. An die man sich oft und gerne erinnert und nach der man manche Gedanken an die Vergangenheit sehr viel genauer und vor allem kritischer betrachtet.

Daniel L. Schacter: Aussetzer. Wie wir vergessen uns zu erinnern.
Übersetzt von Hainer Kober
Lübbe 2005
382 Seiten. 22,00 €.

Buchkritik

weitere Beiträge

Literatur

Das italo-slawische TriestWiderspenstige Anmut
Karl Friedrich Schinkels Aquarell "Blick von den Höhen hinter Triest über die Stadt auf das Meer" (1803).  (dpa / picture-alliance / akg-images)

Ein Ort multikultureller Einflüsse, an dem Süden, Osten und Norden miteinander verschmelzen – das ist Triest. Die slawischen, romanischen und österreichischen Bezüge spiegeln sich auch in der Literatur wider.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur