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Lange Nacht | Beitrag vom 13.03.2021

Über alle Grenzen hinausDie drei Leben der Ärztin Ingeborg Rapoport

Von Jochanan Shelliem

Porträt der Kinderärztin Ingeborg Syllm-Rapoport (picture alliance / dpa / Bodo Marks)
Die 102 Jahre alte Kinderärztin Ingeborg Syllm-Rapoport bei der feierlichen Übergabe ihrer Promotionsurkunde im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf im Jahr 2015. (picture alliance / dpa / Bodo Marks)

2015 legt die älteste Doktorandin der Welt am Uniklinikum Eppendorf ihre Prüfung zur Promotion noch einmal ab. Mit 80 Jahren Verzögerung erhält Ingeborg Rapoport ihren zweiten Doktortitel, der eigentlich ihr erster gewesen wäre. Das Leben einer Ärztin.

Geboren wurde die Hamburgerin Ingeborg Rapoport als Ingeobrg Syllm im November 1912 in Kamerun. Sie studierte Medizin und schloss 1938 ihre Doktorarbeit an der Universitätsklinik von Hamburg-Eppendorf über die damalige Arme-Leute-Seuche Diphtherie ab. Als ihr die Nazis untersagten, die mündliche Prüfung abzulegen, reiste sie mit 38 Reichsmark in der Tasche allein in die USA.

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In New York und Cincinnati studiert Ingeobrg Syllm noch einmal. Sie lernt in der Ambulanz von Brooklyn das Elend von Familien kennen und wird an die beste Kinderklinik der USA berufen. Dort begegnet sie dem jüdischen Biochemiker Mitja Rapoport, dem sie ihr Leben lang die Treue halten wird. Vier Kinder gehen aus dieser Ehe hervor. Für die Kommunistische Partei der USA besuchen beide Slums und diskutieren sonntags in Arbeiterschlafzimmern über eine bessere Welt. 

Bei Nacht und Nebel verlassen die Rappaports die USA

Als beide 1950 den Stockholmer Appell zur Ächtung von Atomwaffen unterzeichnen, droht ihnen die Vorladung vor das McCarthy-Komitee. Bei Nacht und Nebel verlässt die Familie New York. Schließlich geht sie nach Ostberlin, wo Mitja Rapoport die naturwissenschaftliche Ausrichtung der DDR weitreichend prägt und Ingeborg Syllm-Rapoport die Kinderheilkunde der Charité revolutioniert.

***

Fragen an die Söhne: Was ist das Geheimnis, dass Ihre Mutter noch so fit ist?

Meiki Rapoport, Mathematiker in Bonn:

"Das ist eine gute Frage. Ich glaube, dass sie sich für alles interessiert. Sie fragt zum Beispiel, warum in der Kaufhalle, wenn man an der Kasse steht, warum die Waren einzeln durchgezogen werden und nicht, dass Sie sagen, fünf mal Milch, haben Sie sich schon mal darüber Gedanken gemacht.

Als die Wende kam, wurde ja alles anders und da hat sie das beobachtet. Das hat sie interessiert.

Und allgemein, sie interessiert sich auch für mein Gebiet in dem Sinne, dass sie wissen möchte, was da passiert. Sie interessiert sich für alles, sie hat am Tag mindestens 40 Telefongespräche, es ist dort ständig besetzt."

Tom Rapoport, Zellbiologe, Harvard, Boston:

Ich würde sagen, wenn ich einen  Satz meiner Mutter zitieren soll: "Professor werden kann jeder." Damit war gemeint, dass Titel Schall und Rauch sind und das Eigentliche, was zählt, ist das wissenschaftliche Resultat. Für sie sind Hierarchien nichts.

Für sie spielen Menschen eine Rolle, ob das eine Hausfrau ist oder eine Reinigungsfrau, eine Schwester, ein Professor oder der Staatsmann oder weiß ich was, das spielt keine Rolle für sie.

Ingeborg Rapoport: "In solch einer Familie bin ich aufgewachsen":

"Mein Großvater war Dermatologe in Aachen und ein robuster, eigentlich unmusischer, sehr lebenslustiger, kraftvoller Mensch. Der hat diese kleine Großmutter, die von ihrem Vater die Musik geerbt hatte, geheiratet. Er war stolz auf sie, aber er hat sie nicht verstanden.

Auch er war ein atheistischer Mensch sogar, aber er konnte, als er zu einem Dermatologenkongress ungefähr um 1900 fahren wollte, nicht nach Moskau fahren, wenn er nicht konvertierte. Also sind sie alle protestantisch geworden. Die ganze Familie auf einen Schlag, sie haben nie vorher eine Synagoge gesehen und sind auch nie danach in einen Synagoge gegangen.

Meine Eltern hatten sich gleich nach ihrer Hochzeit nach Kamerun eingeschifft, wo mein Vater als Kolonialkaufmann in einer kleinen deutschen Siedlung in Kribi tätig war. Meine Mutter wurde sehr bald schwanger. Zur Geburt des Kindes fuhren auch Omima und meine Tante Irm, die jüngere Schwester meiner Mutter nach Kribi."

"Mein ganzes Leben wollte ich Ärztin sein."

"Ich operierte meinen Bären, der zu meinem Erstaunen statt eines Blinddarms Sägespäne in seinem Bauch enthielt. Meine Puppen, soweit ich überhaupt mit ihnen spielte, waren stets arm und krank, in Lumpen gekleidet, auf der Flucht vor dem Krieg. Als ich klein war, fand mein Berufswunsch die allgemeine Zustimmung der Familie. Ich wurde als die Enkelin meines Großvaters sozusagen als Fortsetzerin der Arzttradition in der Familie angesehen."

"Man muss den Mut haben, sich zu blamieren!"

"Ich hatte von meinem 13. Lebensjahr an Nachhilfestunden für Kinder begüterter Familien gegen Geld gegeben, das ich für das Studium sparte. Als Fräulein Warnick, eine Dame aus einer dieser Familien, davon erfuhr, bot sie mir ein Stipendium an, das sie bis zu meinem Staatsexamen zahlte, auch dann noch, als ich bereits mit gelbem Judenausweis studierte. Meine kleine Omima gab ihr dieses Geld als meinen 'Anteil an ihrem Erbe' bei ihrer Auswanderung zurück. Ohne Fräulein Warnick hätte ich in Hitler-Deutschland nicht zu Ende studieren können, da für 'Jüdischstämmige' keine Leistungsstipendien mehr gegeben wurden. Mehr noch als das Geld und die Schätze des Perikles ist es ein Leitspruch, den sie mir ins Herz gelegt hat und der diese Lehrerin zur ständigen Begleiterin meines Lebens gemacht hat: 'Man muss den Mut haben, sich zu blamieren.'"

Ingeborg Rapoport über ihren Mann, Samuel Mitja Rapoport:

"Mitja – ich werde ihn so nennen, obgleich er in den USA mit seinem anderen, eigentlichen Namen "Sam" (von Samuel) gerufen wurde –, Mitja also machte mit Katie Dodd Visite auf der Säuglingsstation. Es war ein großer Raum mit vielen Säuglingsbettchen, im Hintergrund eine lange Fensterflucht. So traten mir die beiden entgegen, links Mitja, rechts Katie. Ich muss ihnen wohl vorgestellt worden sein, denn ich kann mir nicht denken, dass ich meine Schüchternheit überwunden und dies von mir aus fertiggebracht hätte. Der eine einzige Augenblick funkelnder, flirtender Neugier in Mitjas Augen genügte, mich in unbeschreibliche Verwirrung zu versetzen. 'Ich gefalle ihm', dachte ich."

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"Ich war dieser neuen Heimat dankbar"

"Man sollte es fast für unmöglich halten – und doch war es so. Ich liebte die USA, das Land, die Menschen, die Vielfältigkeit der Landschaften und der Bevölkerung, die Ideen von Toleranz und Freiheit die ursprünglichen und eigentlichen Amerika.

Ich war dieser neuen Heimat dankbar, dass sie mich vor der Hitlerverfolgung gerettet hat, und bin ein durch und durch loyaler USA-Bürger gewesen.

Es ist absurd zu denken, dass die amerikanischen Kommunisten keine loyalen Citizens seien. Mitja fühlte den USA gegenüber wie ich."

"Die Rapoports – Unsere drei Leben" ist ein Film über zwei warmherzige Wissenschaftler mit streitbaren Ansichten. Der Film erzählt auch von einer großen Liebe zwischen zwei Menschen, die mit ihren über 90 Jahren wirken, als seien sie noch immer frisch verliebt. Ausgezeichnet unter anderem mit dem Grimme Preis 2005.

Abreise aus der zweiten Heimat:

"Ja, ich hab auch keine bitteren Gefühle, ich habe ein zweites Heimatgefühl immer noch für USA und alle ihre politischen Untaten schmerzen mich mehr als bei anderen Ländern.

Sie haben ja auch mein Leben gerettet, mir eine wunderbare Ausbildung gegeben und mir meinen Mann und drei Kinder. Ich habe es auch geliebt, das Land, und liebe es auch immer noch."

Ingeborg Rapoport: "Meine ersten drei Leben"
Neues Leben, Berlin 2021. 528 Seiten, 23,50 Euro

Das dritte Leben der Ärztin Ingeborg Rapoport:

"Im Februar 1952 begrüßte uns Fritz Oberdörster mit seinem strahlendsten Lächeln im Namen des Staatssekretärs für Hochschulwesen der DDR auf dem Bahnhof Friedrichstraße in Berlin. 'Ich gratuliere Ihnen', verkündete er Mitja freudig: 'Man hat Sie zum Kommissarischen Direktor des Instituts für Physiologische Chemie der Humboldt-Universität vorgesehen!'

Wir kamen im Januar oder Februar an, also im kalten Winter und im März, Ende März habe ich schon wieder angefangen zu arbeiten - oder im April - und zwar in Buch in einem großen Magistratskrankenhaus.

Ich wurde sehr schnell Oberärztin dort und habe als Oberärztin dort ein Jahr oder anderthalb Jahre gearbeitet. Dann hatte ich so ein Gefühl, nicht genügend gefordert zu sein.

Ingeborg Rapoport und Gertrud Zucker (Illustr.): "Eselsohren: Ein Lesebuch weint."
Edition Märkische LebensArt, 2017. 80 Seiten, 14,95 Euro

Da hat der Mitja mir vorgeschlagen, ob ich nicht habilitieren wollte, und das habe ich gleich gewollt.

Ich konnte nicht bei Mitja habilitieren, weil ich ja auch die Vorbildung nicht hatte, ich war ja kein Biochemiker, wollte in Pädiatrie habilitieren und da bin ich zu Professor Dost, dem damaligen Leiter der Charité, gegangen und hab ihn gefragt, ob ich nicht bei ihm habilitieren könnte. Und sagte ihm, dass ich die Experimente bei Mitja im Institut machen könnte.

Und da hat er gesagt, 'Naja, wenn Sie zurückkommen und bei mir habilitiert sind, dann müssen Sie bei mir als einfacher Assistent anfangen und kriegen natürlich nicht das Gehalt, das Ihrer Ausbildung dann entsprechen würde.' Und da habe ich gesagt, das ist mir ganz egal. Der war natürlich nicht Genosse und ist ja dann auch geflohen, bei Nacht und Nebel, aber er war mir die ganze Zeit sehr gewogen."

Ingeborg Rapoport und die Neugeborenenmedizin:

"Zunächst war ich wieder Oberärztin an der Klinik und dann vertrat ich oft meinen Chef, der viel krank war und dann habe ich in der Neonatologie mitgeholfen, der Neugeborenenmedizin.

Das hat mich sehr gewurmt: Wir waren ja ungefähr einen Kilometer entfernt von dem geburtshilflichen Teil der Charité und die Kinder mussten, so krank sie waren, so lebensbedroht, mussten sie in einem normalen Krankentransport in unsere Klinik überführt werden. Das war natürlich furchtbar für die Kinder und einige sind schon auf dem Transport gestorben.

Dass das nicht so weitergehen konnte, sahen auch die Geburtshelfer, aber sie wollten gern einen Pädiater ins Haus kriegen, der mehr von den Kindern verstünde als sie, aber das wollte ich nicht. Ich wollte eine größere Veränderung, ich wollte eine Verschmelzung der beiden, dem Teil der Pädiatrie, der sich mit Neugeborenen beschäftigte und der geburtshilflichen Fürsorge für die Kinder. Und erst dann, wenn das auch örtlich realisiert wird und gedanklich erst recht, kann was Gutes für die Kinder herauskommen.

Das ist natürlich nicht nur mir zu verdanken. Das war das Schöne an der DDR: Es gab keine Ellenbogenangelegenheit, sondern die zogen alle am gleichen Strang und das fühlte man auch. Über alle Weltanschauungen hinweg war das ein starkes Bindeglied, und noch heute sagen alte Kollegen, die schöne alte Zeit, erinnern Sie noch und auch das Verhältnis von Ärzten zu Schwestern hat sich ja entscheidend verändert."

Die Ärztin Ingeborg Syllm-Rapoport starb am 23. März 2017 im Alter von 104 Jahren.

Jochanan Shelliem hat Ingeborg Rapoport in Berlin besucht, Szenen der Promotionsfeier am UKE in Hamburg aufgezeichnet, Tom Rapoport am MIT in Boston befragt, zeichnet verantwortlich für die Montage und ist sehr glücklich dieser besonderen Familie begegnet zu sein.
Es sprachen Götz Aly und Wolfram Koch. Die von Katharina Marie Schubert gelesenen Zitate sind der Autobiografie "Meine ersten drei Leben" von Ingeborg Rapoport entlehnt. Ton und Technik: Melanie Inden. Redaktion: Monika Künzel.

Die Sendung wurde erstmals am 2./3. September 2017 ausgestrahlt.

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