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Besser essen / Archiv | Beitrag vom 04.05.2018

Udo Pollmers MahlzeitWunschdenken in der Agrarpolitik

Von Udo Pollmer

Ein Frau hält eine frisch ausgegrabene Kartoffel in der Hand. (imago/Westend61)
Weil die Nachfrage groß, das Angebot aber kleiner wird, müssen Bio-Kartoffeln für den hiesigen Markt teilweise aus Ägypten importiert werden. (imago/Westend61)

Weil die Nachfrage nach Bio-Lebensmitteln wächst, damit versuchen Produzenten und Politik Schritt zu halten. Das hat teilweise Folgen, die mit Umweltschutz nichts mehr zu tun haben, meint Udo Pollmer.

Der Bio-Landbau eilt von Erfolg zu Erfolg, das Angebot so vielseitig wie billig. Bei Fleisch sind viele Kunden besonders empfindlich. Die Nachfrage nach Bio-Schweinefleisch steigt jedes Jahr um 20 Prozent. Doch tatsächlich werden in Deutschland nur 0,5 Prozent der Schweine biologisch erzeugt.

Der Preis, den der Erzeuger für sein Bioschwein erhält, ist immerhin zwei- bis dreimal so hoch wie der für konventionelle Tiere. Dazu kommen Zuschüsse beim Stallumbau. Doch das reicht nicht, weil der Aufwand ungleich höher ist, die Produktivität jedoch gering. Biofuttermittel sind teuer: Die Futtererbsen liefert Litauen, das Biosoja kommt aus China und der Futterweizen aus der Ukraine. Da eine Mangelernährung nicht gerade tierfreundlich ist, geben manche Betriebe die Bioschiene wieder auf.

Nun gibt es für die Mäster einen Silberstreif am Horizont: Die neuen Vorschriften zur Düngung kommen dem Vieh zugute. Das zeigen Erfahrungen aus Dänemark. Auch dort wurde die Stickstoff-Düngung rigoros heruntergefahren. Ergebnis: Fehlt es an Stickstoff, sinken nicht nur die Erträge, sondern auch die Qualitäten beim Getreide. Dänemark – einst ein Exporteur von Brotgetreide - wurde zum Importeur. Das gleiche droht jetzt Deutschland. Seine Kornkammern liefern dann statt Brotgetreide vermehrt Futtergetreide für die Schweine – egal ob bio oder konventionell. Dann wird Fleisch billiger und Brot teurer.

Freilandhaltung hat seine Tücken

Auch die Haltung von Tieren im Freien, die Wunschvorstellung vieler Verbraucher, hat ihre Tücken: Mästet man freilandtaugliche Rassen wie die Bentheimer Landschweine, so setzen sie reichlich Speck an. Dafür braucht man dann dreimal so viel Futter. Der nicht verwertete Anteil kommt hinten wieder raus. Dadurch wird der Boden überdüngt. Dazu kommen die Emissionen an "Duftstoffen" wie Ammoniak, die ebenfalls mit Vorschriften gedeckelt werden. Man muss sich entscheiden: Entweder Landwirtschaft oder Umweltschutz. Aber nur eins von beiden deckt den Tisch.

Im Freiland können sich die Schweine leichter Krankheiten wie Brucellose, Leptospriose oder Schweinepest einfangen. In den vergangenen Jahren waren deshalb wiederholt Massentötungen von Bio-Muttersauen erforderlich, weil sie im Freiland an Seuchen erkrankten, die auch für den Menschen bedrohlich sind. Der restriktive Einsatz von Arzneimitteln bei Biotieren tut sein Übriges.

Um das Einschleppen von Keimen zu verhindern, brauchen diese Flächen eine doppelte Umzäunung. Der äußere Zaun muss zwischen 1,5 und 2 Meter hoch sein. An der Außenseite des Zaunes stehen die Drähte unter Strom, einem halben Meter tief wird Maschendraht eingegraben, damit Füchse, Marderhunde, Waschbären und Karnickel weder drüber klettern können noch den Zaun unterwühlen.

Bio-Kartoffeln aus Ägypten

Wohin unreflektierte Wünsche führen, sieht man im Kartoffelbau. Das Angebot an Bio-Kartoffeln und damit der Preis werden in erster Linie vom Drahtwurm bestimmt – mangels wirksamer Biomittel. Von der geringeren Ernte ist etwa ein Drittel vom Wurm befallen und kann nicht vermarktet werden. So verschwenden wir Lebensmittel schon auf dem Acker. Mangels eigener Ernten kommen Bio-Kartoffeln aus Ägypten. Der Anbau in der Wüste verbraucht jede Menge Wasser. Bei uns gibt’s zu wenig Saisonarbeiter zum Verlesen – in Ägypten helfen die Kinder gerne mit.

Dann machen wir Ökobilanzen und behaupten, diese Verschwendung schone unsere Umwelt. Das Trugbild funktioniert nur, weil jetzt andere für uns die Kartoffeln anbauen, die oft selbst nicht genug zu beißen haben. Da spenden wir dann bereitwillig, damit sie sich Essen ohne Umweltgeschwafel kaufen können.

Wer glaubt, er bekäme besseres Essen, wenn er Tiere mit Paragraphen füttert und Äcker mit Ideologie düngt, treibt die ordnungsgemäße Landwirtschaft in den Ruin. Es soll bitte der Landwirt entscheiden, wie er arbeitet. Wer ihn allerdings durch Geldgeschenke, Subventionen genannt, verleiten möchte, gegen besseres Wissen eine verschwenderische Anbauform zu praktizieren, schädigt die Umwelt. Gute Biobauern brauchen keine Subventionen, und fähige konventionelle auch nicht. Mahlzeit!

Quellen:

Hörning B et al: Freilandschweinehaltung. Kuratorium für Technik und Bauwesen in der Landwirtschaft e. V. (KTBL) Darmstadt
Willer H, Lernoud J: The World of Organic Agriculture 2018. FiBL, IFOAM 2018
Reuter J: Bio-Kartoffeln verschwinden von Feldern im Altenburger Land. Leipziger Volkszeitung Online 7. Sept. 2017
Anon: Bio Kartoffeln – Anbauflächen für den LEH leiden am meisten. Pressemitteilung Bio-Kartoffelerzeuger e.V. vom 21. Okt. 2017
Gersmann H: Bio wird billiger. Sächsische Zeitung Online vom 15. Feb 2018
Freiland Verband: Freilandhaltung von Zuchtsauen. FREILAND – Verband für ökologisch-tiergerechte Nutztierhaltung, Wien 2008
Richter R: Ohne Ökoförderung nicht rentabel. Bauernzeitung 2017; Sonderheft Mai: 6-8
Meyer K: Freilandhaltung aus Überzeugung. Bauernzeitung 2017; Sonderheft Mai: 12-15
Schaak D: Futter für die Veredelung. Bauernzeitung 2017; Sonderheft Mai: 16-18
Frühschütz L: Wie Bio-Schweine leben. Schrot & Korn 2012; H.4
Wucherpfennig C: Jetzt auf Bio-Schweine umstellen? Top agrar 2016; H.1/ S10-S15
Anon: Bio-Schweine häufig krank. Animal Health Online, Meldung vom 27.06.2015
Weß L: Öko-Kolonialismus. Salonkolumnisten, Beitrag vom 5. Jan. 2018
DLG-Ausschuss Ökolandbau: Herausforderungen bei Strukturen, Wegen, Preisbildung und Risikomanagement meistern. DLG Mitgliedernewsletter Nr. 14 vom 6. April 2018
AgE: Weizen bei 8,4 Prozent Protein: Dänen dürfen wieder mehr düngen. Agrarheute Online, Meldung vom 2. Dez. 2015

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