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Besser essen | Beitrag vom 07.09.2018

Udo Pollmers MahlzeitWarum die EU beim Genfood mauert

Von Udo Pollmer

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Weizenfeld, vertrocknet und nur niedrig gewachsen, durch die Sommer Trockenheit, Dürre, in Ostwestfalen Lippe, NRW (imago stock&people / Jochen Tack)
Bald können wir trockenheitsresistenten Weizen züchten, versprechen Genetiker. (imago stock&people / Jochen Tack)

Kein Grund zur Weltuntergangsstimmung angesichts des trockenen Sommers 2018, findet Udo Pollmer. Denn es könnte bald neue, gentechnisch veränderte Weizensorten geben, die mit Trockenheit besser zurechtkommen. Nur die EU verschlafe mal wieder die Entwicklung.

Die Obsternte fiel dieses Jahr geradezu gigantisch aus, vielfach brachen die Zweige unter der Last der Früchte. Nun fürchten die Obstbauern den zu erwartenden Preisverfall. Erste Meldungen sprechen davon, dass der Handel teilweise nur noch 15 Cent fürs Kilo bezahlt. Für den Verbraucher ist das sommerliche Wetter allemal Grund zur Freude. Denn dadurch gibt's nicht nur reichlich Obst, durch die warme Witterung ist es dieses Jahr auch besonders süß.

"Die Hitzewelle ist für Afrikas Landwirte ein Segen"

Die Hitzewelle im August, hier gern als Vorbote eines drohenden Weltuntergangs gedeutet, ist für die Landwirte Afrikas ein Segen, falls der vorhergesagte Klimatrend global so bleibt. Die noch in den 80er-Jahren als Dürre- und Hungergebiet verrufene Sahelzone wird allmählich grüner und ernährt immer mehr Menschen. Wir dürfen nicht vergessen: Ein Anstieg der Temperatur heißt global betrachtet nicht etwa mehr Trockenheit, sondern mehr Regen. Die Erdoberfläche wird zu über 70 Prozent von Wasser bedeckt. Dieses verdunstet und regnet über Land ab.

Auch aus China erreicht uns frohe Kunde: Züchtern ist es gelungen, Reis in salzigem Wasser anzubauen. Der Ertrag lag bei stolzen 7,5 Tonnen pro Hektar! Nun soll die Salztoleranz weiter erhöht werden, damit das Getreide eines Tages auch Meerwasser verträgt. Schon jetzt sind die neuen Reissorten von großem Wert.

Denn China verfügt über einhundert Million Hektar Land, das aufgrund seines Salzgehaltes bisher nicht landwirtschaftlich genutzt werden kann. Diese Flächen sollen, so der Wunsch der Regierung, dazu beitragen, eine Bevölkerung zu sättigen, die in wenigen Jahren auf 1,5 Milliarden Bürger angewachsen sein wird. Auch einige Wüstenstaaten im Nahen Osten wollen von den neuen Sorten profitieren.

"Die EU macht sich vor aller Welt lächerlich"

Es gibt mehr gute Nachrichten aus dem Agrarsektor. Kürzlich wurde das Weizengenom von einem internationalen Konsortium unter deutscher Beteiligung entschlüsselt. Dank der CRISPR/Cas-Technik, die die weltbekannte Genetikerin Emanuelle Charpentier, Direktorin eines Berliner Max-Planck-Institutes entwickelt hat, sollte es nun möglich sein, zügig Weizensorten zu züchten, die mit Trockenheit besser zurecht kommen als unsere gegenwärtigen Varietäten. Doch die deutschen Landwirte werden wohl leer ausgehen. Der Europäische Gerichtshof hat entschieden, dass diese geniale Technik in der EU leider nicht sinnvoll genutzt werden darf.

Die Europäer machen sich mit dieser Entscheidung vor aller Welt lächerlich. Nicht nur durch das stete Gerede von den Risiken einer Technik, die seit Jahrzehnten auf der ganzen Welt erfolgreich eingesetzt wird, deren Leistungen jeder Deutsche tagtäglich zigfach, ja hundertfach in Anspruch nimmt, z.B. wenn er zum Arzt geht, beim Biobauern einkauft, sich mit Kosmetik einbalsamiert, seine Kleidung wäscht, Zeitung liest, um nur einige wenige Bereiche herauszugreifen, die Gentechnik nutzen.

Besonders peinlich: Es gibt nicht mal eine Möglichkeit zu erkennen, ob ein Genom mit CRISPR/Cas umgeschrieben wurde. Also werden uns andere Staaten ihr CRISPR/Cas-Saatgut verkaufen, ohne dass es jemand merkt. Allerdings nur solange, wie dieses nicht im Rahmen einer Krise mit einem Handelsembargo belegt wird.

So viel Unverstand ist riskant

Doch statt die Öffentlichkeit über die Risiken von so viel Unverstand zu informieren, fordern zynische Journalisten die Züchter auf, doch endlich ihre Position in der Öffentlichkeit zu vertreten, um die Ängste der Verbraucher zu zerstreuen. Wohlgemerkt, nachdem Gen-Forscher und Züchter bisher nur selten in den Medien zu Wort kamen, und wenn doch, so wurde ihnen oft genug das Wort im Mund verdreht.

Sie haben resigniert, da sie gegen einen Journalismus nichts auszurichten vermochten, der jahrelang so tat, als würden in den Forschungsinstituten Frankensteins Monster entstehen. Nun waschen die Damen und Herren in den Redaktionen ihre Hände in Unschuld.

Auch die Bundesregierung hat reagiert: Statt zu retten, was zu retten ist, hat sie eine gentechnikkritische Lobbygruppe für die Öffentlichkeitsarbeit engagiert. Dafür gibt's dann 200.000.- Euro aus dem Steuersäckel.

Mahlzeit!

Literatur:

Wu Yan: Chinese team succeeds in planting saltwater rice in Dubai’s desert. Chinadaily.com 31. May 2018

Wang B: Rice grown in desert, using seawater with over double the global average yields. Nextbigfuture.com 3. June 2018

The International Wheat Genome Sequencing Consortium: Shifting the limits in wheat research and breeding using a fully annotated reference genome; Science 2018; 361: eaar7191

Schewe J, Levermann A: Non-linear intensification of Sahel rainfall as a possible dynamic response to future warming. Earth System Dynamics 2018; 8: 495–505

Wildermuth V: EuGH-Urteil zur Genschere CRISPR: Forscher müssen auf die Diskussion über Gentechnik eingehen. Deutschlandfunk vom 28. Juli 2018

Bichet A, Diedhiou A: West African Sahel has become wetter during the last 30 years, but dry spells are shorter and more frequent. Climate Research 2018; 75: 155–162

Kaptué AT et al: On regreening and degradation in Sahelian watersheds. PNAS 2015; 112: 12133–12138

Charpentier E: "Dieses Urteil wird Crispr nicht aufhalten". Zeit.de vom 26. Juli 2018

Pollmer U: CRISPR/Cas9-TechnikGenveränderung ist längst in unseren Mägen gelandet. Mahlzeit, Beitrag vom 8. Januar 2016

Fischer L: Crispr/Cas-Urteil des EuGH: Der lange Schatten der Ideologien. Spektrum.de vom 25.07.2018

Merlot J: Neue Beratungsstelle: Bund spendiert Gentechnik-Gegnern 200.000 Euro. Spiegel.de vom 20. August 2018

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