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Besser essen | Beitrag vom 06.04.2018

Udo Pollmers MahlzeitVitamine - das böse Erwachen

Von Udo Pollmer

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Teller mit bunten Pillen (imago)
Keineswegs so gesund wie behauptet: Vitamin-Präparate (imago)

Was jahrzehntelang als "lebensnotwendig" empfohlen wurde, entpuppt sich immer mehr als Risiko. Nach der aktuellen Forschungslage, so Udo Pollmer, fördern die Pillen und Pulver gerade jene Krankheiten, die sie eigentlich verhindern sollten, wie Krebs oder Missbildungen.

Die Schlacht um die Vitamine tobt nun schon gut 100 Jahre und noch immer kann das Publikum im Getümmel keinen Sieger erspähen. Aber über all dem Lärm tönen klar die Fanfaren der Hersteller. Sie schreiben ihren Pillen und Pülverchen immer neue Wundertaten zu, die vergleichbare Produkte, wie das geweihte Wasser von Lourdes, weit in den Schatten stellen. Derweil lösen rigorose Versuchsreihen in der Fachwelt regelmäßig betroffenes Schweigen aus.

Aktuell hat es das umsatzstarke Vitamin D erwischt. Stiftung Warentest kam zum Schluss, die üblichen Heilsversprechen seien nicht haltbar, zudem könne eine langfristige Überdosierung sogar zu Herzrhythmusstörungen führen. Auch die Hamburger Gesundheitswissenschaftlerin Ingrid Mühlhauser vermag keinen Nutzen für die Allgemeinheit zu erkennen und warnte ebenfalls vor Überdosierungen, die vor allem bei Senioren die Gefahr eines Sturzes erhöhen.

Begonnen hatte die Serie der Katastrophen bereits 1992 mit den sogenannten antioxidativen Vitaminen, die angeblich "freie Radikale" jagen und dabei eine breite Bremsspur an Gesundheit im Körper hinterlassen. Als erstes kam ß-Carotin, das Provitamin A auf den Prüfstand. In großen doppelblinden, placebokontrollierten Studien mit zigtausenden Teilnehmern stieg sowohl der Lungenkrebs als auch der Herzinfarkt bedrohlich an. Betroffen waren vor allem Raucher. Nichtraucher sind mit Leberschäden noch gut bedient. Gut zehn Jahre später, 2003, konstatierte die Fachpresse "Das Ende der Supplementierung mit antioxidativen Vitaminen".

Vitaminschlucker sterben früher

Die Branche stand vor einem Scherbenhaufen, aber sie gab nicht auf. Nun hob sie das Vitamin E auf ihren Schild. Doch nirgends fand sich ein greifbarer Nutzen. Die letzte Hoffnung begrub im Jahre 2005 die HOPE-Studie: Die Pillenschlucker hatten häufiger Herzversagen erlitten. Praktisch zeitgleich kam eine Metaanalyse zu dem Ergebnis: "Eine Dosis-Wirkungs-Analyse ergab einen statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen der Vitamin E-Dosis und der Sterblichkeit." Will sagen: Vitaminschlucker sterben früher.

Doch derartige Resultate solider wissenschaftlicher Studien werden von vielen Vitaminforschern geflissentlich übergangen. Biostatistiker – unter Führung des geachteten John Ioannidis aus Boston – empörten sich, dass in der Fachpresse völlig unbeeindruckt weiter vom Nutzen des dubiosen Vitamins fabuliert wird. Angesichts der erhöhten Sterblichkeit könnte man sagen, Vitaminexperten gehen für eine Handvoll Dollar über Leichen.

Derweil kam das Vitamin C an die Reihe, ein Stoff der von seinen Gläubigen längst heiliggesprochen wurde: Nachdem sich nicht mal Grippeviren von dem sauren Pulver beeindrucken ließen, wurde nun in eine ganz andere Richtung ermittelt: Viele Sportler schwören auf das Pulver, weil es die Leistung fördern würde. Pustekuchen, das Vitamin untergräbt Trainingseffekte. Damit nicht genug: Antioxidative Vitamine – so die jüngste Hiobsbotschaft, diesmal für Krebspatienten – beschleunigen die Entstehung von Metastasen.

Zweifelhalfte Gesundheitsförderer

Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Doch inzwischen breiten sich rabenschwarze Flecken auf der weißen Weste der bisher unbescholtenen B-Vitamine aus. Das vermeintlich harmlose Vitamin B2 bekam bereits neue biologische Funktionen zugewiesen und wird nun in Verbindung mit Tageslicht oder UV wahlweise als Insektengift oder Desinfektionsmittel verwendet. Dann kam die Folsäure als vermeintlicher Retter der Schwangeren. Sie sollte die Säuglinge vor Missbildungen schützen, nun steht sie im dringenden Verdacht, selbst welche auszulösen – und zwar an den Nieren. Zudem fördert es Schwangerschaftsdiabetes bei den Müttern.

Angesichts dieser Schockwellen fand das jüngste Ergebnis beim Thema Vitamin B6 nur wenig Aufmerksamkeit: Männer, die zehn Jahre lang B6-Supplemente eingenommen hatten, erkrankten doppelt so oft an Lungenkrebs wie ohne die edlen Gesundheitsförderer, von denen man angeblich nie genug kriegen kann.

Übrigens: Bisher gab‘s keinerlei Probleme mit den natürlichen Vitamin-Gehalten im Essen. Mahlzeit!
 

Literatur:

Wolz L: Vitamin-D-Tabletten: Wie sinnvoll sind Ergänzungsmittel? Interview mit Prof. Mühlhauser, Spiegel.de, 5. März 2018

Jung B: Stiftung Warentest entzaubert Vitamin-D-Hype. DAZ.online 1. März 2018

Stiftung Warentest: Vitamine: Viele Präparate sind deutlich zu hoch dosiert. Test.de 21. Sept 2017

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Heyden S: Das Ende der Supplementierung mit antioxidativen Vitaminen. Aktuelle Ernährungsmedizin 2003; 28: 113-120

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Pollmer U: Ein Vitamin wirft lange Schatten: B2 hat eine glänzende Zukunft – aber bitte nicht im Essen. Deutschlandfunk Kultur, Mahlzeit. Beitrag vom 11.07.2014

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