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Besser essen | Beitrag vom 11.01.2019

Udo Pollmers MahlzeitRe-Use-Food: Das ist doch noch gut!

Von Udo Pollmer

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Bioabfall (picture alliance/dpa/Foto: Hartmut Schmidt)
Heute noch Bioabfall und morgen ein Mittagessen? (picture alliance/dpa/Foto: Hartmut Schmidt)

Das Frankfurter Zukunftsinstitut hat den neuen Trend "Re-Use-Food" ausgemacht: Auch Essensreste sollen dabei verwertet werdet. Udo Pollmer hat seine ganz eigene Sicht darauf.

Was bringt das neue Jahr? Bevor wir uns aktuellen Prognosen widmen, prüfen wir doch mal jene Vorhersagen, die längst eingetroffen sein sollten. Die bekanntesten hat sich der Club of Rome ausgedacht. 1972 verkündete er, die Welt stünde vor dem Abgrund, bis 1992 seien alle Erdölfelder geplündert. Bald danach würde das Erdgas zur Neige gehen; Kupfer, Blei, Aluminium, Wolfram seien – falls die Wirtschaft weiter wächst – heute längst aufgebraucht. Ab 2010 bräche die Produktion von Nahrungsmitteln jäh ein, 2020 folge eine globale Hungersnot.

"Das grandiose Ausmaß", warnte der Fachautor Ulli Kulke, in dem sich der Club "verschätzte, wäre Anlass genug, heute, (…) vorsichtiger zu sein mit allzu katastrophalen Untergangsszenarien." Die Vereinten Nationen strafen mit ihren Zukunftsberichten den Club of Rome Lügen:

"Inzwischen ist die Lebenserwartung der Menschen von 46 Jahren (…) im Jahr 1950 auf 72 Jahre gestiegen. Kindersterblichkeit, Armut, ansteckende Krankheiten und Analphabetismus sind zurückgegangen. (…) Der State of the Future Index (…) zeigt, dass sich die Welt in den nächsten 10 Jahren voraussichtlich weiter verbessern wird (…)", so deren Prognose.

Allerdings gebe es auch fragwürdige Entwicklungen, die Lösungen erforderten, wie die Künstliche Intelligenz oder die organisierte Kriminalität.

Wachsende Zahl von Erdenbürgern braucht Innovationen

Nicht Wachstum und Fortschritt bedrohen die Welt, wie der Club of Rome unkte, sondern die Stagnation und damit die Armut. Die wachsende Zahl von Erdenbürgern braucht Innovationen zur Lösung ihrer Umweltprobleme und sie erzwingt eine Intensivierung der Landwirtschaft, um bei begrenzter Ackerfläche satt zu werden.

Mit solch simplen Fragen belasten sich unsere Futurologen eher weniger. Sie überlegen, wie das Essen der Zukunft wohl aussehen und schmecken mag. Das Frankfurter Zukunftsinstitut sieht in seiner Glaskugel einen neuen Trend: Das "Re-Use-Food". Als Vorreiter gilt ein Drei-Hauben-Koch. Der "rettet Wurstreste, Gemüseschalen und Kerngehäuse und macht die Sparkochkunst modern."
 
Der Grund für diesen Trend ist nicht minder absurd: Die "Verfütterung von Speiseresten an Tiere (…) machen gesetzliche Auflagen heute praktisch unmöglich, ebenso die Weitergabe an Bedürftige." Dann kriegen wir eben den Schweineeimer aufgetischt. Vielleicht holen sich die ambitionierten Köche noch ein paar Tipps aus den Favelas, dort wo Menschen im Müll nach Re-Use-Essen wühlen.
 
"Was Kunden brauchen", weiß das Institut, sei "ein Gesundheitskurator – jemand, der ihren ernährungsphysiologischen Bedarf kennt, auf Portionsgröße herunterrechnet und das jeweilige Erreichen der empfohlenen Tageszufuhr bestimmter Nährstoffe (…) festhält." Von wollen kann keine Rede sein, es geht ums Sollen.

Weniger Fett funktioniert nur mit Totalüberwachung der Esser

Unsere Nanny im Range eines Ministers hat bereits die neuen Regularien für Fertiggerichte installiert: weniger Fett, weniger Salz, weniger Zucker. Funktioniert auf Dauer aber nur mit Totalüberwachung der Esser, sonst salzen und zuckern die einfach nach.

Wenn’s knapp wird, muss der Bürger seinen Kohl wohl selbst anbauen. Auch diesen Trend kann das Institut klar durch sein magisches Glasauge erkennen: "Von den Küchen, Dachgärten, Balkonen und mit Gemüse bepflanzten Baulücken verbreitet sich das ,Neue Grün' auch wieder mehr und mehr in unsere Bade-, Schlaf- und Arbeitszimmer."

Um Himmels willen – dann summen überm Bett nette Bienchen zum Bestäuben der Kulturen. In der Küche gackern die Hühner, dort dürfen sie im Gesunde-Kräuter-Garten voll-biologisch Ameisen und Schnecken vertilgen. Dann gibt’s täglich frische Eier, zu finden zwischen den Sofakissen.

Wagen auch wir mal eine Prognose: Wir essen auch in Zukunft das, was wir immer gegessen haben. Das kennt unser Körper, das fordert sein Appetit ein Leben lang ein.

Mahlzeit! 

Literatur:

Miersch M: Welterfolg mit Fehlprognosen. Weltwoche vom 25. Oktober 2007

SPON: Wie wir 2037 leben werden. Die Ernährung der Zukunft. Spiegel Online 24.12.2017

Kulke U: Club of Rome: Nach dem Erdöl-Aus kommt die große Hungersnot. Welt.de vom 13. Mai 2012

Meadows DL et al (Club of Rome): The Limits To Growth. Universe Books, New York 1972

Randers J (Club of Rome): 2052: A Global Forecast for the Next Forty Years. Chelsea Green Publishing, White River Junction 2012;

Zukunftsinstitut: Wie wir morgen essen werden. www.zukunftsinstitut.de abgerufen am 26. Dez. 2018

Glenn JC, Florescu E, and The Millennium Project Team: State of the Future version 19.0. The Millennium Project, Washington 2017

Anon: Klöckner einigt sich mit Industrie auf weniger Fett und Salz in Fertiggerichten. Ärzteblatt.de, 16. Oktober 2018

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