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Besser essen | Beitrag vom 22.02.2019

Udo Pollmers MahlzeitKornkammern sorgen für Wohlstand

Von Udo Pollmer

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Weizenfeld, vertrocknet und nur niedrig gewachsen, durch die Sommer Trockenheit, Dürre, in Ostwestfalen Lippe, NRW (imago stock&people / Jochen Tack)
Eine Landwirtschaft, die Überschüsse produziere, sei die Grundlage jeder Hochkultur, sagt Udo Pollmer. (imago stock&people / Jochen Tack)

Noch steigen die Getreideernten weltweit. Es solle aber niemand glauben, dass dies auch so bleibt, warnt Udo Pollmer. Für den drohenden Niedergang macht er "abstruse" Umweltschutzauflagen und zahllose Vorschriften für Landwirte verantwortlich.

Mit der Sesshaftwerdung des Menschen entstanden die Kornkammern dieser Welt, die seither die Ernährung der Bevölkerung sichern. In der Wildnis sättigt ein Quadratkilometer nur ein bis zwei Personen. Wird er gerodet, können davon dank moderner Anbautechnik mehrere tausend Menschen leben. Kornkammern sorgen für Wohlstand, wecken aber auch die Begehrlichkeiten der Nachbarn. Hunger war stets die wichtigste Triebkraft von Eroberungskriegen.

So eroberten die Legionen Roms, auch um die wachsende Bevölkerung mit Getreide zu versorgen, Sizilien. Später, nach der Niederlage Karthagos im Dritten Punischen Krieg kam die Provinz Afrika als ergiebige Kornkammer dazu. Und nach dem Sieg über Kleopatra wurde das Überschwemmungsland des Nils der dritte Brotkorb Roms. So wahrte das Imperium die innere Stabilität.

Landwirtschaft als Grundlage jeder Hochkultur

Eine Landwirtschaft, die Überschüsse produziert, ist die Grundlage jeder Hochkultur. Dadurch können Städte versorgt werden, in denen eine arbeitsteilige Gesellschaft entsteht. Mit dem Wachstum der Siedlungen entstanden soziale Hierarchien und eine Verwaltung, die wiederum zur Entwicklung der Schrift beitrug. Wer von Sonnenaufgang bis –untergang auf dem Feld schuftet, konstruiert keine Kraftwerksturbinen, schreibt keine Symphonien oder hält nach Jupitermonden Ausschau.

Kornkammern sind nicht naturgegeben, wenn auch von der Natur begünstigt. Sie werden von Menschen über Generationen erschaffen. Selbst das fruchtbare Schwemmland des Nils verdankte schon zu Roms Blütezeit seine zwei Ernten künstlicher Bewässerung. Viele Kornkammern entstanden durch Rodung, durch den Aufbau von Humus mittels Düngung. Sie verschwinden durch Erschöpfung der Böden, durch Klimaabkühlung oder durch Kriegshandlungen. Bleibt fruchtbares Land nur wenige Jahre sich selbst überlassen, dann verbuscht es und geht für die Erzeugung von Nahrung verloren.

Die wachsende Verstädterung unser Welt wird abgefedert vom technischen Fortschritt: Heute wird doppelt so viel Getreide gehandelt, wie noch zwanzig Jahre zuvor. Damals waren die USA, die EU, Kanada, Australien und Argentinien die wichtigsten Exporteure. Heute sind es Russland, die Ukraine, Kasachstan und Rumänien. Um 1990 mussten die Schwarzmeer-Anrainer noch 30 Millionen Tonnen importieren, heute exportieren sie bereits 100 Millionen Tonnen – Tendenz steigend.

Nordafrika braucht Mais für die Geflügelmast

Die Ukraine belieferte die EU in den vergangenen Jahren mit enormen Mengen an Futterweizen. Durch den technischen Fortschritt, durch Züchtung, Agrochemie und Maschineneinsatz ändert sich dies: die Ukraine und auch Russland ernten statt Futterweizen zunehmend wertvolles Brotgetreide. Damit schwindet der Vorsprung unserer Landwirtschaft, die ebenfalls den Weltmarkt bedienen möchte. Dort trumpft die Ukraine inzwischen mit Mais auf. Das wissen die Menschen in Nordafrika, im Nahen und Mittleren Osten zu schätzen. Sie brauchen Mais für die Geflügelmast, um die Menschen endlich mit ausreichend Fleisch zu einem günstigen Preis versorgen zu können.

Angesichts der zahllosen Vorschriften für unsere Landwirte, ihrer Pflichten zur ausufernden Dokumentation, der abstrusen Auflagen, die angeblich dem Schutz der Natur dienen, wird die Qualität unserer Ernten allmählich wieder sinken. Das zeigen auch Erfahrungen aus Dänemark. Dort wurde unter dem Vorwand des Umweltschutzes der Einsatz von Düngemitteln und Pflanzenschutz stranguliert. Nach einigen Jahren lieferten Böden, die vorher sogar den Export von teurem Brotgetreide erlaubten, zunehmend billigen Futterweizen für die Schweine.

Die Handelsströme ändern sich ständig. Wer glaubt, durch populistische Auflagen für Landwirte, Auflagen, über die die ganze Welt den Kopf schüttelt, der Menschheit einen Dienst zu erweisen, lebt in einer bedrohlichen Filterblase. Noch steigen die Getreideernten weltweit, es soll aber niemand glauben, nur weil unsere Regale über Jahrzehnte voll waren, dass dies auch in Zukunft so bleibt. Eine Missernte, Unruhen in einer Erzeugerregion oder ein Handelskrieg - und die Menschen schieben erst Kohldampf und dann Panik.

Mahlzeit!


Literatur:

Chilla B: Neue Kornkammern versorgen die Welt. DLG-Mitteilungen 2019; H.1: 18-21

Diamond J: Guns, Germs, and Steel: The Fates of Human Societies. Norton, New York 1997

Eriksen LB: impact of fødevare- og landbrugspakken for future Danish wheat production. Cereal Network - Annual Meeting 2017

Rickman GE: The grain trade under the Roman Empire. Memoirs of the American Academy in Rome 1980; 36: 261-275

Dieterich J: Von der Kornkammer Afrikas zum Armenhaus. Stuttgarter Nachrichten, 11. Oktober 2018

Karl H, Noleppa S: Kosten europäischer Umweltstandards und von zusätzlichen Auflagen in der deutschen Landwirtschaft. Eine Analyse und Hochrechnung für durchschnittliche Betriebe und  den Sektor. HFFA Research Paper 05/2017

Gaupp Fetal: Dependency of crop production between global breadbaskets: a copula approach for the assessment of global and regional risk pools. Risk Analysis 2017; 37: 2212-2228

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