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Besser essen | Beitrag vom 22.03.2019

Udo Pollmers MahlzeitFrühe Pubertät und der Angriff der Hormone

Von Udo Pollmer

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Das Bild zeigt eine Gruppe von Schülern in einem Schulgebäude. (picture alliance / dpa / imageBROKER / Uwe Umstätter)
Bei jungen Menschen spielen die Hormone in der Pubertät verrückt: Gut, wenn dann keine zusätzlichen von außen dazukommen. (picture alliance / dpa / imageBROKER / Uwe Umstätter)

Kinder kommen immer früher in die Pubertät. Die Ursache: von außen zugeführte Hormone. Welche sind schlimmer, die, die im Essen und in Verpackungen sind? Oder die in kosmetischen Produkten? Unser Experte Udo Pollmer hat die Antwort.

Die Beobachtung, dass Kinder immer früher in die Pubertät kommen, führte zum Verdacht, eine wichtige Ursache sei die Belastung mit hormonellen Substanzen, mit endokrinen Disruptoren.

Die Forschung konzentriert sich dabei auf Weichmacher wie Bisphenol A und Phthalate sowie auf Konservierungsstoffe wie PHB-Ester (Parabene) bzw. Phenole, wie sie in Kosmetik und Plastikverpackungen vorkommen.

Über die Verpackung können sie ins Essen geraten und werden verspeist. Der Anteil aber, der aus Kosmetik über die Haut aufgenommen wird, dürfte erheblich größer sein.

Eine aktuelle Studie von US-Pädiatern, die großes Echo in unseren Medien hervorrief, fand, dass Kinder, die früher pubertieren, tatsächlich größere Mengen verdächtiger Substanzen über ihren Urin ausscheiden als Spätzünder.

Biochemische Überlegungen und Versuche im Reagenzglas lassen einen ursächlichen Zusammenhang mit der Pubertät plausibel erscheinen. Medizinische Fachgesellschaften und Umwelt- wie Verbraucherschützer beklagten, dass immer noch Chemikalien zugelassen seien, die die Gesundheit der Bevölkerung gefährdeten.

Doch der Grund für das Resultat ist simpel: Sobald die Kids in die Pubertät kommen, beginnen sie sich für Haargel, Duftwässerchen und Hautcremes zu interessieren. Da die fraglichen Stoffe über die Haut aufgenommen werden, steigen die Gehalte im Urin mit der Pubertät.

Taschenspielertricks der Umweltmedizin

Hier wurde also Ursache und Wirkung verwechselt. Nachdem die Umweltmedizin wild entschlossen ist, die von ihr postulierte Gefahr durch endokrine Disruptoren zu beweisen, aber außer Reagenzglas-Ergebnissen bisher nichts Brauchbares vorzuweisen hat, greift sie offenbar zu Taschenspielertricks.

Nicht etwa Spuren geheimnisvoller Weichmacher und Konservierungsstoffe in Kosmetik stehen heute im Verdacht, beim Menschen hormonelle Effekte auszulösen, sondern Inhaltsstoffe, die bisher als unverdächtig galten: ätherische Öle, speziell Lavendelöl und Teebaumöl.

Bei Kindern und Jugendlichen können sie ein Wachstum der Brüste anregen, Gynäkomastie genannt. Auslöser waren intensiv duftende Haut- und Haarpflegeprodukte. Ja, sogar Kölnisch Wasser mit Lavendelnote ließ bei einigen Jungs die Brüste sprießen.

Als sie die fraglichen Produkte wegließen, bildete sich das Ärgernis zurück. Da Gynäkomastie relativ häufig auftritt, die Ursache aber meist unerkannt bleibt, wäre eine Untersuchung des Einflusses ätherischer Öle sinnvoller als das Theater um die Weichmacher.

Ein Zusammenhang mit einer frühen Pubertät ist hier aber ebenso wenig belegt wie für Weichmacher. Dafür konnte inzwischen eine unterschätzte ernährungsbedingte Ursache dingfest gemacht werden: Nämlich Formula-Milch auf Sojabasis für Säuglinge.

Das hormonelle System des Babys ist empfindlich

In den ersten Lebensjahren ist das hormonelle System des Säugers besonders empfänglich. Eine Langzeit-Untersuchung aus den USA bestätigt nun, dass der Konsum von Sojamilch auch beim Menschen dazu führt, dass die Pubertät früher einsetzt.

Das Ergebnis ergänzt eine Follow-up-Studie mit jungen Erwachsenen. Frauen, die als Säugling mit Sojaformula ernährt wurden, klagten über stärkere Menstruationsbeschwerden als Frauen, denen Formula aus Kuhmilch gereicht worden war.

Ein Vergleich mit Muttermilch fehlt leider. Die Forscher folgern, "dass die Fütterung von Soja im Säuglingsalter mit Menstruationsschmerzen im Erwachsenenalter verbunden ist".

Die Gehalte an Phytoöstrogenen in Soja-Formula sind so beachtlich, dass sie die Genexpression umprogrammieren, die die Entwicklung der Gebärmutter steuert. Die Folgen halten bis ins Erwachsenenalter an. Zahlreiche Versuche bestätigen die üblen Folgen von Sojahormonen nach der Geburt auf die Funktion der Gebärmutter von Säugetieren.

Die Gründe für eine frühe Pubertät sind sicher vielfaltig, doch "endokrine Disruptoren" wie Bisphenol A aus Plastiktüten oder -Flaschen sind, wie auch in vitro-Versuche mit Hormonrezeptoren bestätigen, im Vergleich zu den Hormonen aus Soja bedeutungslos: Das gilt sowohl für die Menge als auch für die Wirksamkeit. Nicht die Verpackung, der Inhalt ist das Problem. Mahlzeit!

Literatur:
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