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Besser essen | Beitrag vom 21.09.2018

Udo Pollmers MahlzeitDie Risiken und Nebenwirkungen von Probiotika

Von Udo Pollmer

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Eine junge Frau hält sich eine Wärmflasche auf den Bauch.  (David Ebener/dpa)
Helfen Probiotika gegen Reizdarm? Udo Pollmer hat nachgeforscht. (David Ebener/dpa)

Probiotika gelten als Wundermittel gegen Darmbeschwerden. Allerdings ist die Wirkung kaum belegt. Auch die Tiermedizin hat schon Erfahrungen damit gesammelt – und da mangelt es nicht an Warnungen.

Die Zeiten, als Antibiotika noch im Ruf von lebensrettenden Wundermitteln standen, sind vorbei, zumindest vorläufig. Jetzt ist das Gegenteil gefragt, die Probiotika. Keime werden nicht mehr unterschiedslos vergiftet, die aufgeklärte Zeitgenossin entsendet lieber eine Art Polizeitruppe in ihren Darm: Dort sollen die Probiotika gezielt den Bösewichtern unter den Mikroben Handschellen anlegen und sie dann abführen. Mehr kann man im Darm nicht tun.

Die intensive Beschäftigung mit dem Darminhalt beschränkte sich früher auf Kleinkinder in der analen Phase. Jetzt sind diese Geschäfte in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Gesundheitsaffine Mitbürger sind ganz Ohr, wenn Darmsanierer aus dem Nähkästchen oder gar dem Nachttöpfchen plaudern. Die Erwartungen sind enorm, seit Ratgebersendungen versprachen, Dicke könnten durch Fäkalienspenden von Schlanken mühelos abnehmen. Aus "druckfrischen" Spenden sollten sich probiotische Keime heranzüchten lassen, die als Zutat im Joghurt die Kundschaft in Verzückung versetzen.

Warnung vor Resistenzen

Da wenden wir uns doch lieber einer weniger wundergläubigen Sparte zu, der Tiermedizin. Da fehlerhafte Produkte im Stall schnell zu Schadensersatzklagen führen können, sind die Erkenntnisse von Veterinären vertrauenswürdiger als von Fernsehdoktores. Natürlich wird auch für Nutztiere intensiv nach Alternativen zu Antibiotika gesucht. Natürlich haben die Forscher auch zahllose Probiotika getestet. Leider fielen die Ergebnisse im Stall ziemlich durchwachsen aus.

Dafür mangelt es nicht an Warnungen: Beispielsweise vor der Förderung von Resistenzen. Manche probiotischen Keime betätigen sich im Darm als Drehscheiben: Sie nehmen die Resistenzgene von anderen Keimen auf und reichen sie bei Bedarf an Krankheitserreger weiter. Dann versagen die Antibiotika dank Probiotika. Auch sehen die Forscher den Einsatz bei immungeschwächten Tieren kritisch. Übertragen auf den Menschen hieße dies: Probiotika sind nix für kleine Kinder, nix für alte Leute, nix für Kranke und nach einer Behandlung mit Antibiotika auch keine gute Idee.

Studien voller methodischer Fehler

Dabei werden Probiotika gerade diesem Personenkreis wärmstens empfohlen. Werfen wir also einen Blick auf die Datenlage beim Menschen: Eine aktuelle Übersichtsarbeit widmete sich Bauchweh und Verstopfung bei Kindern und Jugendlichen: In der Zusammenschau von 16 qualitativ hochwertigen Studien fand sich keine nennenswerte Wirkung.

Und wie sieht‘s aus bei Reizdarm? Da gibt’s ebenfalls eine Reihe von Studien, die allerdings, wie eine soeben erschienene Analyse zeigt, so voller methodischer Fehler sind, dass sie keine vernünftige Aussage erlauben. Mit genügend statistischem Schabernack lassen sich bekanntlich beim Publikum große Hoffnungen wecken. Die Hersteller werden den Autoren ihre Liebesdienste zu danken wissen.

Da taucht eine weitere Frage auf: Wenn die Probiotika keinen überzeugenden Nutzen haben, wie sieht es dann mit Nebenwirkungen aus? Die Antwort liefert eine dritte, ebenfalls soeben erschienene Übersichtsarbeit. Ergebnis: Nebenwirkungen, vor allem schwerwiegende, werden in aller Regel verschleiert oder ganz unterschlagen. Na danke!

Patienten mit massiven Blähungen

Zum Glück gibt es immer wieder Ärzte, die dies nicht hinnehmen wollen: An der Medizinischen Hochschule in Georgia (USA) wunderten sie sich über Patienten, die über massive Blähungen klagten und zugleich unter Benommenheit und Verwirrtheit litten. Umsichtige Diagnostik brachte des Rätsels Lösung: Im Dünndarm hatten sich große Kolonien probiotischer Keime angesiedelt. Dort bildeten sie neben allerlei Gasen auch Laktat. Dieses kann neben Kopf- und Rückenschmerzen ernste neurologische und psychiatrische Symptome auslösen, wie Bewusstseinsstörungen, Sehstörungen, Muskelschwäche, Lähmungen und Anfälle. Daher die Verwirrtheit der Patienten.

Zum Glück gibt es eine wirksame Therapie bei Fehlbesiedelungen des Darmes durch Probiotika. Man putze das ganze System mit einem kräftigen Antibiotikum durch. Das brachte den Geblähten wieder einen entspannten Darm und vor allem einen klaren Kopf.

Mahlzeit!

Literatur:

Liao SF, Nyachoti M: Using probiotics to improve swine gut health and nutrient utilization. Animal Nutrition 2017; 3: 331-343

Wegh CAM et al: Effectiveness of probiotics in children with functional abdominal pain disorders and functional constipation. A systematic review. Journal of Clinical Gastroenterol ogy 2018; epub ahead of print

Shapiro J et al: Risk of Bias Analysis of systematic reviews of probiotics for treatment of irritable bowel syndrome. Clinical Gastroenterology and Hepatology 2018; epub ahead of print

Bafeta A et al: Harms reporting in randomized controlled trials of interventions aimed at modifying microbiota. A systematic review. Annals Internal Medicine 2018; 169: 240-247

Rao SSC et al: Brain fogginess, gas and bloating: a link between SIBO, probiotics and metabolic acidosis. Clinical and Translational Gastroenterology 2018; 9: e162

Hanschke N: Spektrum neurologischer Erkrankungen mit isolierter Laktaterhöhung im Liquor  cerebrospinalis bei zunächst unklarer Diagnose. Dissertation, Universität Ulm 2015

Teuber M et al: Antibiotikumresistente Bakterien: eine neue Dimension in der Lebensmittelmikrobiologie. Lebensmittel-Technologie 1996; 29: 182-198

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