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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 30.01.2015

Typisch deutsch?Preußische Tugenden nostalgisch verklärt

Von Erik von Grawert-May

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Katharina Thalbach salutiert vor dem Wappen Preußens (imago/teutopress)
Die Schauspielerin Katharina Thalbach salutiert vor dem Wappen Preußens; Aufnahme aus der TV-Reihe "Preußen - Chronik eines deutschen Staates" (imago/teutopress)

Preußen wird vor allem eines gutgeschrieben: Tugenden aller Art. Im Ausland werden sie gern auf ganz Deutschland übertragen. Historisch gesehen sei das nicht haltbar und politisch auch nicht lobenswert, meint der Ethiker Erik von Grawert-May. Viel besser wäre ein demokratisches Update.

Preußen? Spätestens seit die Alliierten es 1947 für abgeschafft erklärten, ist es tot. Nach Sebastian Haffner, dem pfiffigen Historiker, zu urteilen, ging es bereits 1871 zugrunde, als es im Kaiserreich aufging. Das Große, Pompöse, das Nationale war ihm zufolge keine preußische Idee - als hätte Bismarck lediglich seinen westlichen Nachbarn nachgeäfft: die Grande Nation.

Solange Preußen dagegen sein vergleichsweise spät erworbenes Königreich nur erweiterte, stand es staatspolitisch quer zu seinen Nachbarn: Im 17. Jahrhundert damit, dass es mehrere Konfessionen nebeneinander duldete, im 18. mit seiner aufgeklärten Toleranz. Einem Monarchen wie dem Alten Fritz war die Religion gleichgültig – was für ein sperriger Herrscher im zeitgenössischen Europa.

Angesichts dessen dürfte es etwas irritierend sein, dass die Deutschen heute wieder für preußische Tugenden gelobt werden, für Tugenden, die nach Anzahl und Herkunft unbestimmt sind, die genauso gut als christlich oder calvinistisch, aufklärerisch oder gar obrigkeitsstaatlich geprägt angesehen werden könnten.

Und doch gelten Beständigkeit und Zuverlässigkeit, Treue und Ehrlichkeit, Mut und Tapferkeit, Gehorsam und Selbstdisziplin, Fleiß und Qualität als typisch preußisch und somit heute ungeprüft als typisch deutsch.

Freiheit statt partnerschaftliche Treue

Neulich lauschte ich einer Dame, die über ihre Tochter und deren Freunde sprach. Es sei ein weit verbreiteter Irrtum, sagte sie, dass die jungen Leute keine Regeln mehr kennten, nicht mehr tugendhaft seien. Sie folgten durchaus einem Kompass. 80 Prozent würden für Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit und Treue eintreten, gerade in der Familie.

Allerdings wüssten sie meist gar nicht, dass dies preußische Tugenden seien. Sie hätten sie einfach. Aber haben wir es wirklich mit einer Renaissance des preußischen Tugendkatalogs zu tun?

Das würde ja bedeuten, alle Bemühungen, die Monarchie zu überwinden, wären im Grunde spurlos an uns vorübergegangen, angefangen von den Stein-Hardenbergschen Reformen über die Weimarer Einübung in die republikanischen Verfahren bis zum neuen demokratischen Anlauf nach dem Zweiten Weltkrieg.

Für die Ehrlichkeit scheint es, durchaus eine Renaissance zu geben. Von jung und alt wird sie regelmäßig an erster Stelle als Verhaltensregulativ genannt. Dazu gehört auch die partnerschaftliche Treue, die junge Leute voneinander erwarten.

Diese aber steht im Lichte einschlägiger Statistiken ziemlich dürftig da. Danach sind mehr als 50 Prozent der Bundesbürger einander untreu, jeder Zweite betrügt also den anderen. Wenn nicht alles täuscht, hat sich hier die demokratieverpflichtete Liebe zur Freiheit Bahn gebrochen – Freiheit in unserem ganz privaten Raum.

Tugenden neu-preußisch definieren

Alte Tugenden mögen sich heute noch als wertvoll erweisen, nur hilft es nicht weiter, sie nostalgisch zu verklären und zu historisieren. Verbinden sie sich mit republikanischen Errungenschaften, werden sie neu bestimmt, sind eher demokratisch denn preußisch geprägt.

Vielleicht könnte man Tugend dann als neu-preußisch verstehen, wenn damit Interesse, Engagement und auch Mut gemeint ist, sich für die Freiheit der anderen einzusetzen, die gegen einen autoritären Staat kämpfen – wie beispielsweise die Menschen in der Ukraine.

Auch Disziplin und Opferbereitschaft kämen so zu neuen Ehren, ließen wir Menschen außerhalb Europas an unserem Reichtum teilhaben oder würden unseren Wohlstand nicht zu ihren Lasten mehren.

Um noch einmal mit Sebastian Haffner zu argumentieren: Preußen ist nicht erst 1947, sondern bereits 1871 abgeschafft worden. Die besten seiner Ambitionen waren noch nicht national, aber schon republikanisch beeinflusst. Wenn sie also etwas besaßen, was noch heute von Belang ist, dann könnte dies der gemeinsame Wille sein, dass Freiheit nicht teilbar sein darf.

 

Erik von Grawert-May (privat)Erik von Grawert-May (privat)Erik von Grawert-May, aus der Lausitz gebürtiger Unternehmensethiker, lebt in Berlin. Letzte Veröffentlichungen "Die Hi-Society" (2010), "Roma Amor - Preussens Arkadien" (2011), "Theatrum Belli" (2013). www.grawert-may.de

 

 

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