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Politisches Feuilleton | Beitrag vom 12.04.2021

Typisch deutschFetisch Doktortitel

Ein Kommentar von David Ranan

Annette Schavan (CDU) bekommt am 12.02.2013 in Ehingen in Baden-Württemberg von Narrenzunftmeister Lothar Huber einen Orden umgehängt (picture alliance / dpa | Stefan Puchner)
Ein Orden vom Narrenzunftmeister für Annette Schavan - nach ihrem Rücktritt als Bildungsministerin aufgrund einer Plagiatsaffäre. (picture alliance / dpa | Stefan Puchner)

Der Doktortitel scheint in Deutschland fürs Renommee immer noch so wichtig zu sein, dass ihn sich so manch einer erschummelt, wundert sich Politikwissenschaftler David Ranan. Da sollten sich die Titel liebenden Deutschen doch besser um Ehrentitel bemühen.

In der Bäckerei, in der ich gelegentlich mein Baguette kaufe, spricht die freundliche Frau Müller jeden anständig-angezogenen und aussehenden Stammkunden mit "Doktor" an. So wird regelmäßig Herr Huber, mein Nachbar, strahlend mit "Was darf es für Sie heute sein, Herr Doktor Huber"? begrüßt. Da nützt es auch nichts, wenn der nette Herr Huber wiederholt erklärt, er wäre kein Doktor, bitte nur "Herr Huber". Beim Zahlen, verabschiedet sich Frau Müller mit: "Also auf Wiedersehen Herr Doktor Huber!"

Offenbar möchte die freundliche Frau Müller – wissend, wie süchtig Deutsche nicht nur auf ihre Backwaren, sondern auch auf akademische Titel sind – ihre Kunden nicht nur mit leckerem Brot, sondern auch mit klangvollen Anreden verwöhnen.

Hätten Karl-Theodor zu Guttenberg, Annette Schavan und die nicht wenigen anderen, deren Doktorarbeiten sich in den letzten Jahren als Plagiate herausgestellt haben, nur in unserer Bäckerei ihr Brot gekauft, so wäre ihnen vielleicht die ganze Blamage erspart geblieben. Doktor ohne Mühe – nur bei Bäckerei Müller.

Doktorplagiate aus Deutschland sind wikipediawürdig

Wikipedia widmet dem Thema "deutscher Dissertationen mit Plagiaten" sogar eine eigene Seite: Diese enthält Namen bekannter Personen, die in ihrer Promotionsarbeit heimlich von anderen abgeschrieben haben.

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Warum wollen aber so viele Deutsche mit einem Doktortitel glänzen? Und man findet sie nicht nur in der Politik. Schaut man sich einige der großen Anwaltskanzleien in Deutschland an, so tragen dort über 50 Prozent der Partner einen Doktortitel. In deren Londoner Büros jedoch kaum einer. In England promovieren Juristen fast nur, wenn sie eine akademische Laufbahn für sich planen.

Der Doktortitel ist der höchste akademische Grad und bestätigt, dass man die Fähigkeit, selbstständig wissenschaftliche Arbeit zu leisten, bewiesen hat. Warum aber promovieren so viele Deutsche, obwohl sie nicht vorhaben, eine akademische oder wissenschaftliche Laufbahn zu begehen?

Alternative Ehrentitel

Die Antwort findet man in der Empörung eines ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten zum mittlerweile gescheiterten Versuch der Bundesregierung, den Doktortitel – der halt kein Bestandteil eines Namens ist – aus deutschen Pässen und Ausweisen zu entfernen. Günther Beckstein, genauer gesagt: Dr. jur. Günther Beckstein, erklärte, ein Doktorgrad "sei nicht nur Ausdruck einer besonderen wissenschaftlichen Leistung; er ist vielmehr auch im täglichen Gebrauch zur höflichen Anrede üblich".

Vielleicht sollten sich diejenigen, die sich mehr um den Titel als für die wissenschaftliche Arbeit interessieren, lieber um Ehrentitel bemühen. Mit Ehrentiteln wie Doktor h.c., honoris causa, verhält es sich etwas anders. Universitäten vergeben einen Titel, der eigentlich mit akademischer Arbeit verbunden ist, mit dem Zusatz h.c. "Doktor, ehrenhalber" – auch ohne akademische Arbeit – an Personen, die sich den Universitäten mittels Geldzuwendungen oder anderswie nützlich machen.

In einigen Bundesländer wie Hessen und Baden-Württemberg vergibt sogar die Politik selbst Ehrenprofessuren. So ehrte Ministerpräsident Kretschmann seinen Vorgänger Erwin Teufel mit einer Ehrenprofessur. Die Visitenkarte des armen Teufels dürfte extra-groß sein, um die Ehrenprofessur, drei Ehrendoktortitel, acht Universitäts-Ehrensenatoren-Posten, mehrere Verdienstkreuze und Medaillen unterzubringen.

Porträt des israelisch-britisch-deutschen Politikwissenschaftlers David Ranan. (Adi Halperin) (Adi Halperin)David Ranan ist ein israelisch-britisch-deutscher Politikwissenschaftler und Autor. Zuletzt erschien von ihm "Muslimischer Antisemitismus: Eine Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden in Deutschland?". Ende 2020 erscheint sein nächstes Buch, das sich mit politischer Terminologie und ihrer Manipulation beschäftigt.

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