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Kompressor | Beitrag vom 28.07.2017

TV-Doku über Sleaford ModsGefeierte Helden der Arbeiterklasse

Christian Werthschulte im Gespräch mit Timo Grampes

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Andrew Fearn (l) und Jason Williamson (r) vom britischen Post-Punk/Hip-Hop-Duo Sleaford Mods bei einem Auftritt in Lissabon. (picture alliance / dpa / Jose Sena Goulao)
Andrew Fearn (l) und Jason Williamson (r) sind Sleaford Mods. (picture alliance / dpa / Jose Sena Goulao)

Es wird viel geflucht: Die Arte-Doku "Bunch of Kunst" porträtiert die Post-Punk-Band "Sleaford Mods". Deren dreckig produzierte Songs handeln vom Alltagsfrust in Brexit-Land. Nach dem Film finde er das Duo "Sleaford Mods" noch sympathischer als vorher, sagt der Journalist Christian Werthschulte.

Timo Grampes: Die "beste Rock'n'Roll-Band der Welt" sagt Iggy Pop über die Sleaford Mods. Das Zitat kommt aus einem Film über die Band aus Nottingham. "Bunch of Kunst" heißt er. Heute abend wird er auf Arte gezeigt und ist danach auch in der Mediathek verfügbar. Christian Werthschulte hat ihn schon gesehen. Was genau wird denn in "Bunch of Kunst" erzählt?

Christian Werthschulte: Es geht natürlich erstmal um die Band Sleaford Mods: Dahinter stecken Sänger Jason Williamson, der früher auf dem Sozialamt gearbeitet hat, und der Laptop-Frickler Andrew Fearn. Die beiden produzieren sehr dreckigen Elektro-Punk, über dem Jason Williamson seinen Frust über den Alltag in Großbritannien in der Zeit von Brexit und Austerität herausbrüllt.

Sleaford Mods im besten East-Midlands-Akzent, mit vielen Schimpfwörtern und mit ziemlich viel Humor. Nicht umsonst ist der Filmtitel ja auch ein Wortspiel: Denn "Bunch of Kunst" (Bunch of Cunts) ist ja auf Englisch eine ziemliche Beleidigung.

Grampes: Man stolpert erstmal über diesen Titel, da bleibt man daran hängen. Wieviel wird denn geflucht in diesem Film?

"Es wird schon ziemlich viel geflucht"

Werthschulte: Es wird schon ziemlich viel geflucht. Aber das Fluchen gehört auch ein bisschen dazu. Der Film zeigt die Sleaford Mods sehr direkt in einem sehr privaten Umfeld. Und gleichzeitig stellt auch noch das dritte Bandmitglied vor: Steve Underwood, ein ehemaliger Busfahrer. Mittlerweile betreibt er in Nottingham das Indie-Label Harbinger Sounds. Der ist der Manager und Freund der Sleaford Mods und als solcher hat er mindestens eben soviel Anteil am Erfolg der der Band.

Steve Underwood: "Jason, Andrew, ich und alle anderen, die mit Sleaford Mods zu tun haben, sind alle sehr unterschiedliche Menschen. Keiner von uns strebt nach Ruhm und Erfolg. Das ist nicht wichtig für uns."

Werthschulte: "Bunch of Kunst" zeigt dann zwei Jahre im Leben der Sleaford Mods. In dieser Zeit werden sie von einem kleinen Club-Act mit 200 Zuschauern zu einer der wichtigsten Bands des Vereinigten Königreichs. Am Ende des Films spielen sie dann schließlich sogar vor 2000 Leuten. Und das obwohl alle Bandmitglieder schon Mitte 40 sind: Also wirklich eine ziemliche Ausnahmeband.

Grampes: Wie ist denn nun dieser Film gedreht, der diese Ausnahmeband zeigt?

"Die Band aus dem Blickwinkel der Handkamera"

Werthschulte: Der ist so aus der Nahperspektive gedreht. Die Regisseurin Christine Franz, die ist quasi immer auf Augenhöhe - egal ob im Backstage-Bereich oder vor der Bühne. Sie verzichtet auf diese typischen Rockstar-Shots: Es gibt keine Aufnahmen mit der Krankamera, es gibt auch keine Weitwinkel-Perspektiven.

Sondern man sieht die Band aus dem Blickwinkel der Handkamera. Da ist man dann dabei in ihrem ungeheizten Proberaum oder auch auf Tour im VW Golf. Und man erfährt viele Sachen: Zum Beispiel, dass Andrew Williamson 15 Jahre lang in Aushilfsjobs gearbeitet hat und, dass seine Frau erzählt, dass er Probleme hat, nach einer Tour wieder in den Familienalltag zu finden. Ich fand interessant, dass mit der Dauer des Films diese immer mehr zunehmen. Es gibt dann weniger Konzertaufnahmen, dafür erhält man mehr Einblick in das Privatleben der Sleaford Mods. Außerdem verzichtet der Film komplett auf Off-Kommentare. Er ist wirklich mehr nach dem Motto "Zeigen statt erzählen" gedreht.

Grampes: Also war die Regisseurin wirklich nah daran. Nun haben die Protagonisten ja eine sehr bemerkenswerte Lebensgeschichte, eine bemerkenswerte Biografie. Welche Erklärung gibt denn "Bunch of Kunst" für den Aufstieg der Sleaford Mods?

Werthschulte: Der Film lässt das so ein bisschen offen. Die Sleaford Mods gelten ja quasi als neue Propheten der Arbeiterklasse. So sehen das zumindest ihre Fans:

"Ein Sleaford-Mods-Konzert ist eine Katharsis. Es geht um all die Dinge, die man bei der Arbeit und im Alltag runterschlucken muss. Und plötzlich steht da dieser Typ auf der Bühne und spricht all das aus. Es tut so gut, das zu sehen."

"En altes Versprechen des Punk"

Werthschulte: Interessant ist aber, dass die Band sich gar nicht so sehr in dieser Prophetenrolle sieht, sondern eher als normale Typen: Sie sind nervös, sie machen sich über solche Zuschreibungen lustig. Sänger Jason Williamson sagt an einer Stelle sogar, das ist "bollocks", also Unsinn.

Letztlich ist das aber vielleicht auch Teil des Erfolgs. Die Sleaford Mods lösen da ein bisschen ein altes Versprechen des Punk ein: Jeder, der vor der Bühne steht, könnte theoretisch auch auf der Bühne stehen. Und der Film macht dabei mit. Er zeigt nämlich die Band in erster Linie abseits der Bühne - und ist auf eine Art gefilmt ist, die sozusagen erstmal jeder nachmachen könnte. Das ist schon sehr do-it-yourself-mäßig.

Und ich glaube, dass die Sleaford Mods gerade deshalb als Working-Class-Heroes funktionieren, weil sie wirklich nicht so etwas Heroisches haben.

Grampes: Was ist denn Ihr Fazit zum Film über die Sleaford Mods?

Werthschulte: Es ist ein toller, ein außergewöhnlicher Film. Fast alle Musikfilme haben ja die Tendenz, die Musiker etwas zu überhöhen. Egal, ob das jetzt ein Biopic ist - wie etwa das über Tupac Shakur - oder die HBO-Doku über Dr Dre, die gerade gezeigt wird. Es gibt nur sehr wenige Musikfilme, die Musiker zeigen, wo sie so deutlich Zweifel an dem äußern, was sie eigentlich tun. Mir fällt eigentlich nur der US-Tourfilm der Hamburger Band Die Goldenen Zitronen ein. Und bei den Sleaford Mods hat jetzt "Bunch of Kunst" dazu geführt, dass ich die Bands nun noch sympathischer finde als vorher. Auch wenn diese Flucherei manchmal doch etwas heftig ist.

Grampes: Besten Dank!. Christian Werthschulte war das über "Bunch of Kunst", den Film über eine der Bands der Stunde: das britische Duo Sleaford Mods. Zu sehen ist er am Abend auf Arte und danach auch in der Mediathek verfügbar.

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