Turit Fröbe: "Eigenwillige Eigenheime"

    Was Dekorationsorgien über Hausbesitzer verraten

    05:57 Minuten
    Ein Plattenbau mit aufgemalten Fachwerkhäusern.
    Aufgemaltes Fachwerk macht Plattenbauten nicht unbedingt schöner. Turit Fröbe dokumentiert solche Entgleisungen in ihrem Buch "Eigenwillige Eigenheime". © 2021 DuMont Buchverlag / Turit Fröbe
    Von Andrea Gerk · 29.03.2021
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    Bausünden ziehen sich wie ein roter Faden durch ihr Werk - jetzt hat die Architekturhistorikerin Turit Fröbe einen Bildband über Scheußlichkeiten an Eigenheimen veröffentlicht: "Eigenwillige Eigenheime". Sie findet: Auch solche Entgleisungen haben Charme.
    "Eigentlich erkennt man eine gut gemachte Bausünde ganz gut", sagt Turit Fröbe. "Da fragt man sich, was ist da passiert? Die tanzt aus der Reihe. Was haben die sich gedacht, die sprengt den Rahmen – sieht anders aus als die Nachbarhäuser."
    Seit mehr als 20 Jahren sammelt Turit Fröbe Bausünden. Das sind architektonische Stilblüten wie die rosarote Shoppingmall Alexa am Berliner Alexanderplatz mit ihrem verrutschten Art-Deco-Stil. Solche baulichen Entgleisungen, sagt Turit Fröbe, seien allemal besser als der mittelmäßige und mutlose Einheitsbrei, der ansonsten unsere Innenstädte prägt.
    Oder vielmehr geprägt hat. Denn viele klassische Bausünden, die für Empörung sorgten, fallen inzwischen der Abrissbirne zum Opfer oder werden hinter Spiegelfassaden versteckt. Die Angst anzuecken sei groß und so dominiere die "langweilige, banale Investorenarchitektur". Zum Glück gibt es aber Einfamilienhaussiedlungen, in denen sich die Bausünde ungebrochener Beliebtheit erfreut.

    Der Drang nach Individualisierung

    "Ganz besonders anfällig für Bausünden sind zum Beispiel Reihenhäuser oder Doppelhaushälften", sagt Fröbe. "Also, diese unmittelbare Nähe zum Nachbarn, die kitzelt eigentlich diesen Drang nach Individualisierung hervor. Und dadurch entstehen oft lustige Sachen. Da zeigt so eine Doppelhaushälfte wirklich: Guck nur mich an, nur meine Hälfte ist wichtig! Und an der werden dann die Wohnwünsche – an der Fassade – verdeutlicht oder in den Außenraum getragen."

    Viele Bausünden entstehen erst nachträglich – durch Umbau, Überformung, Dekoration: da muss eine einsame Säule einen Jalousiekasten tragen, ein Anbau hockt wie eine Kröte über dem Ausgangsgebäude, skulpturale Dekorationsorgien wuchern an Fassaden und in Vorgärten. Ob Villen von der Stange, Gartenzwerg-Kolonien oder ruinös komponierte Gartenmauern – Bausünden stülpen das Innenleben ihrer Bewohner nach außen, sagt Turit Fröbe.
    "Ich behaupte immer, dass Bausünden eigentlich Street-Art sind, dass sie immer eine Message haben. Ganz viele Bausünden zeigen, wo das Haus lieber stünde oder was es lieber wäre. Dann wird ein Haus als Villa umgebaut, kriegt Säulen und irgendwelche Balustraden. Oder es wäre lieber eine Ritterburg oder ein Schwedenhaus. Ganz beliebt natürlich die Toskana-Häuser, die sind ja inzwischen so inflationär, dass es ganze Siedlungen davon gibt."
    Einfamilienhaus mit einem ganz in den Winkel gesetzten Fenster.
    Überbordende Verzierung an Bungalowfensterchen: Was sich die Hausbesitzer wohl dabei gedacht haben?© 2021 DuMont Buchverlag / Turit Fröbe

    Gärten verschwinden

    Mit einer guten Bausünde bringen nicht nur die Bewohner ihre Individualität kreativ zum Ausdruck, auch über den Zeitgeist verraten die architektonischen Sonderlinge einiges. Wenn Plattenbau-Fassaden mit Fachwerkhäusern übermalt werden, handelt es sich um zeittypische Instant-Tendenzen, sagt Turit Fröbe. Alles soll wandelbar bleiben, keiner will sich festlegen oder zu viel Arbeit haben.
    Einfamilienhaus mit einer Treppe auf einem aufgeschütteten Hügel, der zur Eingangstür führt.
    Über Geschmack sollte man nicht streiten. Den Besitzern gefällt die Treppenkonstruktion offenbar.© 2021 DuMont Buchverlag / Turit Fröbe
    Was man auch an Zäunen und Vorgärten sehen kann: "Eigentlich alles, was man mit einem Garten verbindet, das verschwindet gerade. In den Gärten darf kein Leben mehr stattfinden, da darf kein Grün mehr sein. Statt Rasen ist da jetzt ein Schotterbeet, statt Hecke eine Gabione, diese Draht-Kästen mit Steinen drin. Und wenn Pflanzen, dann noch dieser Buchsbaum. Und weil der ja geschnitten werden muss, gibts den auch schon in einer künstlichen Variante, sodass in vielen Siedlungen kein Insekt und kein Lebewesen mehr überlebt. Es ist wirklich dramatisch, das führt mich auch an die Grenzen. Aber diesen Gestaltungswillen dahinter, den finde ich trotz allem faszinierend."

    Wer mit Turit Fröbe einen Bausünden-Spaziergang unternimmt, beginnt auf einmal anders zu sehen. Denn Mottogärten, abenteuerliche Garagenkreationen und andere bauliche Entgleisungen lassen sich wie offene Bücher lesen - vorausgesetzt, man schafft es, so offen und versiert darauf zu schauen wie Turit Fröbe.
    "Ich arbeite mit dem liebevollen Blick. Aber ich muss vielleicht grundsätzlich dazu noch mal sagen: Ich kämpfe für gute Architektur. Das ist mein eigentliches Ziel. Ich möchte, dass es besser wird. So lange aber die gute Architektur fehlt, erfreue ich mich an den Bausünden. Und eine wirklich schreckliche Bilanz, die ich nach 20 Jahren Bausündensammelei ziehen kann, das ist wirklich erschütternd: Dass ich kein Buch zusammenkriegen würde über gute Architektur, die ich zufällig finde. Das ist wirklich traurig."
    Ein Einfamilienhaus mit einem hohen Vorbau auf Säulen.
    Gigantomanie am Eigenheim© 2021 DuMont Buchverlag / Turit Fröbe

    Die Eigenheimsiedlung als Abenteuer-Spaziergang

    Und auch dafür gibt es Gründe, für die Turit Fröbe einem mit ihrem unterhaltsamen, lehrreichen und pointierten Bildband die Augen öffnet. Sodass künftige Spaziergänge nicht mehr nur durch die immer gleichen Parks führen müssen, sondern auch ein Gang durch die nächstgelegene Eigenheimsiedlung zum Abenteuer werden kann:
    "Ich finde es wichtig, den Eigenheimbesitzern gegenüber Gnade walten zu lassen, die wissen es nicht besser. Es fehlt in Deutschland an so einem baukulturellen Bewusstsein in unserer Gesellschaft. Und so lange das nicht da ist, werden wir mit diesen Stilblüten leben müssen. Sie sind charmant und ich fänd‘s schrecklich langweilig, wenn alle in den gleichen Häusern leben würden, mit den gleichen Gärten, von den gleichen Zäunen umgeben."

    Turit Fröbe: "Eigenwillige Eigenheime. Die Bausünden der anderen"
    mit 160 farbigen Abbildungen
    Dumont Buchverlag, 2021
    160 Seiten, 20 Euro

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