Ausstellung "Tuntenhaus 1990" in Berlin

    "Der Mauerfall war eine Möglichkeit für neue Freiräume"

    13:53 Minuten
    Zwei Männer halten ein Symbol der DDR
    Im "Tuntenhaus" lebten vor allem schwule Männer als Kommune zusammen, erst später kamen auch Männer aus der ehemaligen DDR dazu. © Schwules Museum / Michael-Oesterreich
    Bri Schlögel im Gespräch mit Max Oppel · 04.07.2022
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    Die Ausstellung "Tuntenhaus 1990" erinnert an die schwule Kommune in Berlin-Friedrichshain kurz nach dem Mauerfall. Bri Schlögel hat mit Hilfe eines 90er-Jahre-Dokumentarfilms einen der Räume re-inszeniert und lässt so die Zeit des Umbruchs aufleben.
    1990 besetzten schwule Westberliner Männer im Osten der Stadt ein Haus und lebten dort bis zur Räumung rund ein halbes Jahr als kommunistische Kommune. In der Ausstellung „Tuntenhaus Forellenhof 1990 – Der kurze Sommer des schwulen Kommunismus“ erinnert das Schwule Museum in Berlin an diese Zeit.

    Annäherung dank detailgetreuer Nachbildung

    Dafür ist die Küche dieses Experiments zum Zusammenleben von Bri Schlögel originalgetreu nachgebildet worden. Ein Dokumentarfilm der BBC diente als Vorlage dafür.
    „Was dann dabei rauskommt, ist in einer faszinierenden Art und Weise banal, das finde ich toll: Banal im Sinne von absolut nachvollziehbar, wie es eben damals wirklich war.“
    Der Raum lässt vermuten, dass eben erst vielleicht noch eine große WG-Debatte stattgefunden hat, Fragen zur sexuellen Gleichberechtigung und Identität diskutiert wurden.
    Ein Küchentisch mit einer Zeitung und Lebensmitteln
    Detailgetreue Nachbildung der Kommune-Küche - auch die Zeitung "Neues Deutschland" liegt auf dem Tisch© Schwules Museum / Peter Runkewitz

    Freiraum für Experimente des Zusammenlebens

    Bei ihrer Recherche und Gesprächen mit ehemaligen Bewohnern des Projekts habe sie herausgefunden, dass der Fokus hauptsächlich auf dem „zusammenwohnen zu wollen“ gelegen habe, „um zu gucken, was passiert in dem Moment, wo es wirklich einen Freiraum gibt.“ Dabei sei es weniger um das Erproben einer ideologischen Idee gegangen.
    „Das Momentum war der Mauerfall, die Möglichkeit, dass freie Räume geschaffen werden konnten und dass schwule Männer aus West-Berlin in dieses Haus im Osten in Friedrichshain gezogen sind – später sind dann auch Männer aus dem Osten dazugekommen.“

    Gefahr durch Nazis

    Speziell sei gewesen, dass die Männer als „Tunten“ – das Wort „queer“ habe es noch nicht gegeben – dieses Kommuneprojekt als Hausbesetzer gelebt hätten, so Schlögel. Man vergesse leicht, dass die schwulen Männer mit dem offensiven Statement „wir machen hier als Tunten“ sehr sichtbar in Erscheinung getreten seien.
    „Man hat sich nicht in einen Schutzraum zurückgezogen, sondern das Gegenteil: man hat sich zum absoluten Angriffspunkt gemacht – für die Nazis vorwiegend, indem man praktisch das weibische, also das, was sie ja so unglaublich hassen, weiter performt hat.“

    Geschichte für die Nachwelt

    Die Ausstellung erzähle eine Geschichte für Menschen, die diese Zeit nicht erlebt hätten:
    „Vielleicht einfach nur, um zu sagen: es ist etwas möglich gewesen, was man sich heute nicht mehr vorstellen kann – es war aber trotzdem so.“
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