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Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 30.05.2014

TunesienWallfahrt im Schatten des Terrorismus

Jüdische Gemeinde in Djerba empfindet Pilger als Schutz für sich

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Menschen schwenken eine Fahne unter freiem Himmel. (Deutschlandradio / Igal Avidan)
Prozession vor der El-Ghibra-Synagoge auf Djerba in Tunesien (Deutschlandradio / Igal Avidan)

Jedes Jahr zum jüdischen Lag-Baomer-Fest findet die Wallfahrt zur Synagoge El-Ghriba auf der tunesischen Insel Djerba statt. Seit bei einem Anschlag von Al-Qaida 2002 21 Menschen starben, ging die Zahl der Pilger drastisch zurück. Tunesien versprach der jüdischen Gemeinde vor Ort Schutz. Doch das allein genügt offenbar nicht.

Wenn man den Innenhof der alten Karawanserei (Herberge für Pilger) im tunesischen Dorf Erriadh betritt, ist man von der Szene sofort überwältigt. Die Musik klingt arabisch, aber die meisten Männer hier tragen eine Kippa, eine jüdische Kopfbedeckung. Händler verkaufen Kippot mit der Abbildung der Synagoge El-Ghriba, jüdischen Silberschmuck, handgestickte Trachten und Süßigkeiten. Quer über den Innenhof flattern viele tunesische Fähnchen. Vom Dach herunter blicken Uniformierte auf die tanzenden Juden, die von fünf Musikern begleitet werden.

Ein kleiner, braun gebrannter und stämmiger Mann mit einer kräftigen rauen Stimme organisiert die Auktion jüdischer Kultgegenstände. Wie die meisten Besucher, stammt auch er aus Djerba und pilgert jährlich hierher – aus Paris.

Ein weiterer Pariser Pilger ist Mas'ud-Jacques Cohen. Er wurde auf Djerba geboren, feierte in der Ghriba seine Bar Mitzwa und Hochzeit. Mit 28 Jahren erlebte der Silberschmied in dieser Synagoge sein ganz persönliches Wunder:

"Wir feierten gerade das Simchat-Tora-Fest und trugen die Thorarollen im Kreis herum. Ich stand mit dem Rücken zum Eingang, als ein tunesischer Polizist die Synagoge betrat, das Feuer eröffnete und mich ins Bein traf. Sehen Sie, hier drang die Kugel hinein und hier wieder hinaus. Ich wurde ins benachbarte Krankenhaus eingeliefert, später in der Hauptstadt Tunis operiert. Meine Frau drängte mich dann, nach Frankreich auszuwandern."

Wo ihr schwer verletzter Vater, der Gemeinderabbiner, seinen Wunden erlag. Zwei andere Juden wurden bereits in der Synagoge erschossen.

2002 steuerte ein junger Tunesier seinen Flüssiggastransporter in die El-Ghriba-Synagoge. 21 Menschen starben in dem Feuerball, darunter 14 deutsche Urlauber. Später bekannte sich das Terrornetz al-Qaida zu dem Anschlag, der von einem zum Islam konvertierten Deutschen geplant wurde. Dieser Anschlag, aber auch zwei Morde an weltlichen tunesischen Politikern, die versuchte Entführung einiger Juden und anti-jüdische Demonstrationen erschreckten viele Pilger. 2011 wurde die Wallfahrt aus Sicherheitsgründen abgesagt und in den Folgejahren ging die Zahl der angereisten Touristen von 8000 auf wenige Hundert zurück.

Eine Gedenktafel erinnert seit Kurzem an den zweiten Terroranschlag. Pikanterweisehängt sie am Wachhäuschen auf dem Weg zur Synagoge direkt über einem Rollstuhl, der wohl auf einen gebrechlichen Gast wartet.

Die Ghriba-Synagoge ist die wichtigste touristische Attraktion auf der Ferieninsel. Daher wurde sie gleich nach dem Anschlag renoviert. Im Innenraum glänzen die blauen Säulen, bunten Keramikfliesen und Glasfenster. Ältere Beter mit dem traditionellen roten Fes oder Filzhut sitzen barfuß auf dunklen Holzbänken, unterhalten sich, trinken Feigenschnaps, kosten Rosinen und Mandeln und beten – ungestört von den vielen Besuchern und vielen Frauen.

Der Metalldetektor piepst bei allen

Die tunesische Regierung, deren Kasse leer ist, legt viel Wert auf die Wallfahrt. Daher besuchte Staatspräsident Moncef Marzouki den Ort am Jahrestag des Terroranschlags und versprach, die jüdische Gemeinde zu schützen. Wenige Tage vor der Pilgerfahrt kam auch der Innenminister, um die Sicherheitsmaßnahmen zu überprüfen, am Feiertag selbst die Tourismusministerin.

Weil der Tourismus nach der Revolution 2011 um fast die Hälfte schrumpfte und sich bis heute nur wenig erholte, erstattete die Regierung im Mai trotz heftiger Proteste radikal-islamischer Parlamentarier, auch israelischen Touristen die Einreise – obwohl beide Staaten keine diplomatischen Beziehungen unterhalten. Eingefädelt hat diese Vereinbarung der 88-jährige Unternehmer Roger Bismuth, Präsident der jüdischen Gemeinde in Tunesien und bis 2011 Mitglied des Oberhauses des Parlaments:

"Ich habe dies der tunesischen Regierung vorgeschlagen, die beschloss, dass die Israelis ohne Visum einreisen können. Man nimmt den israelischen Pass am Flughafen und ersetzt ihn mit einem Passierschein, den man wiederum bei der Ausreise gegen den Pass tauscht. Niemand in Tunesien unterstützt Israel, aber der Tourismus ist extrem wichtig für Tunesien. Nun geht es seit drei Jahren langsam bergauf, aber richtig gut ist es nicht, weil Touristen hier generell unsicher sind – nicht nur jüdische. Einige wenige Touristen wurden angegriffen, was in Europa für große Schlagzeilen sorgte. Zugleich hat seit der Revolution kein einziger Jude Tunesien verlassen."

In diesem Jahr kamen zur Wallfahrt rund 500 Tunesier und 2000 Touristen – darunter etwa 200 Israelis.

Bereits einen Kilometer vor der Synagoge muss man sich ausweisen und die letzten 500 Meter zu Fuß zurücklegen, vor den Augen zahlreicher Polizisten und erst nach einer oberflächlichen Kontrolle der Handtasche. Im Wachhäuschen wird das Handgepäck durchleuchtet und alle Besucher passieren den Metalldetektor. Dieser piepst bei allen, denn keiner muss seine Hosentaschen leeren, was aber die Polizisten nicht stört.

Die Wallfahrt zur Synagoge El-Ghriba findet jährlich am Lag-Baomer-Fest statt, an dem Juden des Aufstands gegen die römische Besatzung gedenken. Zugleich erinnern sie an den legendären Rabbi Schimon Bar-Jochai, der als wichtigster Autor der jüdischen Mystik oder Kabbala gilt. Aber warum gedenkt man seiner ausgerechnet in Djerba und dazu noch mit einem Fest an seinem Todestag? Rabbiner Daniel Cohen stammt aus Khara Kebira ("großes Viertel"), dem weitgehend jüdischen Dorf, sechs Kilometer von der Ghriba-Synagoge entfernt:

"Am Lag-Baomer-Fest starb Rabbiner Shimon Bar-Yochai. An diesem Tag feiert man ihn aus zwei Gründen: Zum einen hörte die Seuche auf, der Tausende jüdische Religionsschüler in diesen 33 Tagen zum Opfer gefallen waren. Viele Juden rasieren sich oder schneiden sich die Haare an diesem Tag, der diese Trauerzeit beendet. Der Todestag eines Gerechten wie Rabbi Bar-Yochai ist ein Feiertag, weil er in den Garten Eden kam. Lediglich zwei Rabbiner werden an ihrem Todestag gefeiert."

1.250 Juden leben in Khara Kabira. Am Haupteingang zum Dorf stehen zwei bewaffnete Uniformierte neben einem gepanzerten Wagen. 50 Meter weiter stehen einige Beamte in Zivil. Nach einer Befragung begleiten uns zwei von ihnen auf den Weg in die jüdische Religionsschule. Ein Beamter will wissen, welche Fragen ich stellen würde. Ich verrate ihm nur die erste: "Wie heißen Sie?"

Ist Tunesien seinen Juden wirklich treu?

Diese Frage stelle ich kurz danach am Eingang der Religionsschule, wo einige Jungs auf den Schulbeginn warten. Aber der Religionslehrer will seinen Namen nicht verraten und weist auf den Ratsvorsitzenden dieser frommen Gemeinde hin, Josef Uzan. Der 52-Jährige betreibt einen Schmuckladen auf dem Markt der angrenzenden Stadt und engagiert sich seit Jahren ehrenamtlich für die Gemeinde, die er als das Zentrum des Judentums in Tunesien anpreist.

Uzan: "Wir haben hier zwei Religionsschulen und zehn Synagogen, einen jüdischen Kindergarten und eine Mädchenschule. In dieser Schule lernen Kinder von sieben Uhr morgens bis neun Uhr abends. Wir bilden hier Religionsschüler aus, Schächter, Schriftgelehrte für Thorarollen und Mesusot, Schriftkapseln am Türpfosten. Das gelingt uns dank Spendern aus dem jüdischen Ausland, die unsere Arbeit schätzen."

Und die Gehälter der 50 Lehrer und Betreuer decken. Staatliches Geld wolle er nicht, um fremde Einmischung zu verhindern, sagt Uzan, der zwar nur dem Allmächtigen vertraue, aber eng mit der Polizei zusammenarbeitet, denn die arabischen Nachbarn seien - wie er sagt –, heute Freunde und morgen Feinde. Auf der Straße laufen die jüdischen Kinder jedoch mit Kopfbedeckung und an manchen Häusern ist eine siebenarmige Menorah gemalt.

Zurück zum Fest im Pilgerhof von El-Ghriba. Ich komme ins Gespräch mit einem Israeli, der aus Djerba auswanderte und sich nun mit seinem früheren Religionslehrer unterhält. Es ist der selbe Lehrer vom Dorf Khara Kabira, aber jetzt stellt er sich freundlich vor: Meir Saban. In Tunesien herrsche viel Freiheit, sagt er, aber die jüdischen Pilger sieht er zugleich als eine Art Schutzschild für die einheimischen Juden. Er jedenfalls liebt Tunesien, sagt Meir Saban:

"Wer in Israel geboren wurde, dem liegt Israel am Herzen. Ich liebe dieses Land auch und war dort vor zwei Jahren zu Besuch. Aber ich wurde auf Djerba geboren und mir fällt es sehr schwer wegzuziehen. Ein Kanarienvogel singt, wenn er fröhlich ist. Wenn er traurig ist, fliegt er einfach weg."

Zum Höhepunkt der Pilgerfahrt folgen Hunderte von Menschen in einer Prozession dem prächtigen Leuchter, der Menorah aus Silber und Gold, die mit bunten Tüchern und grünen Zweigen dekoriert wurde. Diese Wunderlampe steht auf einem Karren hinter einem Mädchen, das sich in die tunesische Fahne hüllt. Vor der Revolution zogen die Juden nämlich zwei Stunden lang um das ganze Dorf. Jetzt endet ihr Festzug an der ersten Absperrung der Polizei, wo damals die Autobombe explodierte. Der Pariser Zeremonienmeister zieht nun die tunesische Fahne über seinen Kopf und beginnt, die tunesische Nationalhymne zu singen.

Die Menschenmenge folgt ihm mit Begeisterung, als plötzlich ein Hubschrauber am Himmel auftaucht. Die bewaffneten Polizisten stehen am Rande und beobachten dieses Geschehen stumm. Jacques Cohen bekundet, er liebe Djerba zu Tode, was auf Hebräisch "sehr viel" bedeutet. Die Ironie ist dem Überlebenden des Terroranschlags nicht entgangen. Die Juden seien tunesische Patrioten, versichert Cohen. Aber ist Tunesien seinen Juden wirklich treu?

"Ich glaube schon, ja, das glaube ich wirklich."

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