Türkische Vergangenheitsbewältigung im Kino
In der Türkei ist am Abend ein Spielfilm angelaufen, der zuvor bereits für erregte Debatten sorgte. "Zincirbozan" der erste türkische Kinofilm, der sich mit den Hintergründen des Staatsstreiches vom 12. September 1980 beschäftigt.
"Werte türkische Nation! Die türkische Armee hat die Führung des Landes übernommen."
Ein Schwarzweiß-Fernseher mit schlechtem Empfang, in dem Putschgeneral Kenan Evren seine Ansprache vom 12. September 1980 verliest – nicht umsonst beginnt der Trailer für den Film "Zincirboyan" mit dieser Szene, die Millionen Türken noch heute einen Schauer über den Rücken jagt. Kaum ein Türke über 35, der nicht genau weiß, wo er war, als dieser Satz verkündet wurde – als Panzer durch die Hauptstadt rollten, der Ministerpräsident im Morgengrauen von Soldaten abgeholt wurde und die Generäle die Regierungsgewalt übernahmen.
Noch heute ist die Türkei von diesem Staatsstreich gezeichnet – nicht zuletzt durch ihre Verfassung, die ihr damals von den Militärs diktiert wurde. Warum hat es dann mehr als ein Vierteljahrhundert gedauert, bis der erste Kinofilm über diesen Putsch gedreht wurde? Weil das Kapitel noch nicht abgeschlossen ist, sagt der Politologe Kürsat Bumin von der Istanbuler Bilgi-Universität:
"Über all das ist in der Türkei bisher nicht gesprochen worden. Zwei Klauseln in unserer Verfassung, die ja aus dieser Periode stammt, verbieten uns noch immer, die Ereignisse und Entscheidungen dieser Periode zu hinterfragen oder juristisch aufzuarbeiten. Bis heute darf hierzulande niemand dafür vor Gericht gestellt werden."
Und das ist nur die juristische Seite. Auch sozialpsychologisch hat die Vergangenheitsbewältigung in der Türkei noch nicht einmal begonnen, sagt Bumin:
"In anderen Ländern mit traumatischer Vergangenheit wird darüber gesprochen, diskutiert, gestritten, damit die Gesellschaft das Trauma verarbeiten und gesunden kann. In der Türkei ist das bis heute nicht geschehen. Der Putsch ist bis heute weder juristisch noch politisch noch psychologisch aufgearbeitet worden."
"Zincirbozan" lässt diese Zeit der Gewalt nun wieder aufleben. Der Spielfilm beginnt 1979 mit dem Mord an dem linken Journalisten Abdi Ipekci durch den rechtsextremen Killer Mehmet Ali Agca, der später als Papst-Attentäter international bekannt wurde. Die bürgerkriegsähnlichen Kämpfe jener Jahre, die Unfähigkeit der Politiker in Ankara und der Staatsstreich der Militärs werden in dem Film aufgerollt, einige der schmerzlichsten Kapitel der neueren türkischen Geschichte also. Ein Beitrag zur überfälligen Aufarbeitung? Auf jeden Fall, meint der Schauspieler Ege Aydan, der in dem Film mitwirkt:
"So viele Menschen sind damals gestorben! Das Land hat eine unglaubliche Zeit durchgemacht, und im Grunde haben wir alles vergessen. Als ich das Drehbuch gelesen habe, kamen mir die Tränen, da wurde mir erst klar, wie viel wir verdrängt haben. Deshalb wollte ich bei diesem Film unbedingt mitspielen."
Nicht alle sind so überzeugt wie die Mitwirkenden, dass "Zincirbozan" einen konstruktiven Beitrag zur Aufarbeitung der Vergangenheit darstellt. Der Film gibt weder den Militärs noch den Politikern die Schuld am Staatsstreich. Nein, die USA seien es gewesen, die den Putsch eingefädelt und die Türken ins Unglück gestürzt hätten – so lautet die Hauptthese von "Zincirbozan".
Washington habe sich der türkischen Regierung entledigen wollen, um Griechenland in die NATO zurückholen zu können, und die Türken deshalb in eine Falle gelockt – so wird die Geschichte des Putsches in "Zincirbozan" erzählt. Kürsat Bumin sieht darin nur einen weiteren Versuch, der eigenen Vergangenheit aus dem Weg zu gehen:
"Es ist nicht richtig, die Verantwortung auf Amerika abzuschieben, die Verantwortung liegt hier im eigenen Land. Schließlich hat die türkische Armee nicht nur 1980 geputscht, sondern mehrmals in unserer Geschichte. Statt alles auf Amerika zu schieben, müssten wir uns fragen, wie wir in ein so totalitäres System hineinschlittern konnten, wie es zu dieser Gewalt kommen konnte, wie wir so demokratiefeindlich werden konnten."
Wie notwendig eine echte Auseinandersetzung mit dem Staatsstreich und seinen Folgen ist, das wird gerade in diesen Tagen wieder deutlich. Im zugespitzten Streit um die bevorstehende Präsidentschaftswahl rufen Anhänger der Opposition in Ankara die Armee bereits öffentlich zu einem neuen Staatsstreich auf, um die Wahl des islamischen Ministerpräsidenten Erdogan ins höchste Staatsamt zu verhindern. Das Kapitel Staatsstreich sei für die Türkei noch nicht abgeschlossen, meint auch der Schauspieler Suavi Eren, der in "Zincirbozan" den Putschgeneral spielt:
"Wir wollen mit diesem Film alle an diese Zeit erinnern. Denn wir haben so viel vergessen davon. Und wir dürfen nicht vergessen! Denn es kann jederzeit wieder einen solchen Putsch geben, jederzeit."
Davon ist nicht nur der Schauspieler überzeugt. Doch längst nicht alle Türken hätten etwas dagegen. Weit davon entfernt, sich ernsthaft mit dem letzten Staatsstreich auseinandersetzen zu wollen, lasse sich die türkische Gesellschaft nur zu bereitwillig von der Armee herumkommandieren, meint die Menschenrechtlerin Eren Keskin, die wohl mutigste Kritikerin des Militärs im Land:
"Die türkische Republik ist schon als militaristischer Staat gegündet worden, das ist das Problem. Die Türkei ist von Soldaten gegründet worden und schafft es einfach nicht, ein ziviles Land zu werden. Die Mehrheit der Bevölkerung in diesem Land denkt so wie der Staat, und das muss sich erst ändern. Denn selbst die Zivilisten sind nicht zivil in der Türkei, das ist das Problem."
Dass ein Film wie "Zincirbozan" dazu beitragen könnte, das zu ändern, das bezweifelt Eren Keskin. Manchmal zweifelt sie sogar daran, ob es überhaupt noch zu ändern ist:
"Ich denke, das ist ein sehr langer Prozess. Das Land muss erst einmal an einen Punkt kommen, an dem die Entmilitarisierung und Demokratisierung von der Gesellschaft selbst gewünscht und betrieben werden. Und davon sind wir in der Türkei noch sehr weit entfernt."
Ein Schwarzweiß-Fernseher mit schlechtem Empfang, in dem Putschgeneral Kenan Evren seine Ansprache vom 12. September 1980 verliest – nicht umsonst beginnt der Trailer für den Film "Zincirboyan" mit dieser Szene, die Millionen Türken noch heute einen Schauer über den Rücken jagt. Kaum ein Türke über 35, der nicht genau weiß, wo er war, als dieser Satz verkündet wurde – als Panzer durch die Hauptstadt rollten, der Ministerpräsident im Morgengrauen von Soldaten abgeholt wurde und die Generäle die Regierungsgewalt übernahmen.
Noch heute ist die Türkei von diesem Staatsstreich gezeichnet – nicht zuletzt durch ihre Verfassung, die ihr damals von den Militärs diktiert wurde. Warum hat es dann mehr als ein Vierteljahrhundert gedauert, bis der erste Kinofilm über diesen Putsch gedreht wurde? Weil das Kapitel noch nicht abgeschlossen ist, sagt der Politologe Kürsat Bumin von der Istanbuler Bilgi-Universität:
"Über all das ist in der Türkei bisher nicht gesprochen worden. Zwei Klauseln in unserer Verfassung, die ja aus dieser Periode stammt, verbieten uns noch immer, die Ereignisse und Entscheidungen dieser Periode zu hinterfragen oder juristisch aufzuarbeiten. Bis heute darf hierzulande niemand dafür vor Gericht gestellt werden."
Und das ist nur die juristische Seite. Auch sozialpsychologisch hat die Vergangenheitsbewältigung in der Türkei noch nicht einmal begonnen, sagt Bumin:
"In anderen Ländern mit traumatischer Vergangenheit wird darüber gesprochen, diskutiert, gestritten, damit die Gesellschaft das Trauma verarbeiten und gesunden kann. In der Türkei ist das bis heute nicht geschehen. Der Putsch ist bis heute weder juristisch noch politisch noch psychologisch aufgearbeitet worden."
"Zincirbozan" lässt diese Zeit der Gewalt nun wieder aufleben. Der Spielfilm beginnt 1979 mit dem Mord an dem linken Journalisten Abdi Ipekci durch den rechtsextremen Killer Mehmet Ali Agca, der später als Papst-Attentäter international bekannt wurde. Die bürgerkriegsähnlichen Kämpfe jener Jahre, die Unfähigkeit der Politiker in Ankara und der Staatsstreich der Militärs werden in dem Film aufgerollt, einige der schmerzlichsten Kapitel der neueren türkischen Geschichte also. Ein Beitrag zur überfälligen Aufarbeitung? Auf jeden Fall, meint der Schauspieler Ege Aydan, der in dem Film mitwirkt:
"So viele Menschen sind damals gestorben! Das Land hat eine unglaubliche Zeit durchgemacht, und im Grunde haben wir alles vergessen. Als ich das Drehbuch gelesen habe, kamen mir die Tränen, da wurde mir erst klar, wie viel wir verdrängt haben. Deshalb wollte ich bei diesem Film unbedingt mitspielen."
Nicht alle sind so überzeugt wie die Mitwirkenden, dass "Zincirbozan" einen konstruktiven Beitrag zur Aufarbeitung der Vergangenheit darstellt. Der Film gibt weder den Militärs noch den Politikern die Schuld am Staatsstreich. Nein, die USA seien es gewesen, die den Putsch eingefädelt und die Türken ins Unglück gestürzt hätten – so lautet die Hauptthese von "Zincirbozan".
Washington habe sich der türkischen Regierung entledigen wollen, um Griechenland in die NATO zurückholen zu können, und die Türken deshalb in eine Falle gelockt – so wird die Geschichte des Putsches in "Zincirbozan" erzählt. Kürsat Bumin sieht darin nur einen weiteren Versuch, der eigenen Vergangenheit aus dem Weg zu gehen:
"Es ist nicht richtig, die Verantwortung auf Amerika abzuschieben, die Verantwortung liegt hier im eigenen Land. Schließlich hat die türkische Armee nicht nur 1980 geputscht, sondern mehrmals in unserer Geschichte. Statt alles auf Amerika zu schieben, müssten wir uns fragen, wie wir in ein so totalitäres System hineinschlittern konnten, wie es zu dieser Gewalt kommen konnte, wie wir so demokratiefeindlich werden konnten."
Wie notwendig eine echte Auseinandersetzung mit dem Staatsstreich und seinen Folgen ist, das wird gerade in diesen Tagen wieder deutlich. Im zugespitzten Streit um die bevorstehende Präsidentschaftswahl rufen Anhänger der Opposition in Ankara die Armee bereits öffentlich zu einem neuen Staatsstreich auf, um die Wahl des islamischen Ministerpräsidenten Erdogan ins höchste Staatsamt zu verhindern. Das Kapitel Staatsstreich sei für die Türkei noch nicht abgeschlossen, meint auch der Schauspieler Suavi Eren, der in "Zincirbozan" den Putschgeneral spielt:
"Wir wollen mit diesem Film alle an diese Zeit erinnern. Denn wir haben so viel vergessen davon. Und wir dürfen nicht vergessen! Denn es kann jederzeit wieder einen solchen Putsch geben, jederzeit."
Davon ist nicht nur der Schauspieler überzeugt. Doch längst nicht alle Türken hätten etwas dagegen. Weit davon entfernt, sich ernsthaft mit dem letzten Staatsstreich auseinandersetzen zu wollen, lasse sich die türkische Gesellschaft nur zu bereitwillig von der Armee herumkommandieren, meint die Menschenrechtlerin Eren Keskin, die wohl mutigste Kritikerin des Militärs im Land:
"Die türkische Republik ist schon als militaristischer Staat gegündet worden, das ist das Problem. Die Türkei ist von Soldaten gegründet worden und schafft es einfach nicht, ein ziviles Land zu werden. Die Mehrheit der Bevölkerung in diesem Land denkt so wie der Staat, und das muss sich erst ändern. Denn selbst die Zivilisten sind nicht zivil in der Türkei, das ist das Problem."
Dass ein Film wie "Zincirbozan" dazu beitragen könnte, das zu ändern, das bezweifelt Eren Keskin. Manchmal zweifelt sie sogar daran, ob es überhaupt noch zu ändern ist:
"Ich denke, das ist ein sehr langer Prozess. Das Land muss erst einmal an einen Punkt kommen, an dem die Entmilitarisierung und Demokratisierung von der Gesellschaft selbst gewünscht und betrieben werden. Und davon sind wir in der Türkei noch sehr weit entfernt."
