Seit 09:05 Uhr Im Gespräch
Samstag, 05.12.2020
 
Seit 09:05 Uhr Im Gespräch

Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 21.06.2017

Türkinnen aus drei Generationen in Deutschland"Uns war Bildung wichtiger als unser Leben"

Von Rebecca Hillauer

Podcast abonnieren
Eine junge Frau hält einen türkischen und einen deutschen Reisepass in den Händen. (picture alliance / dpa / Daniel Bockwoldt)
Ob türkische, deutsche oder doppelte Staatsbürgerschaft - für viele türkischstämmige Menschen ist das Leben in Deutschland ein Leben zwischen den Identitäten (picture alliance / dpa / Daniel Bockwoldt)

Drei Türkinnen in Deutschland aus drei Generationen erzählen von ihren Erfahrungen: Wie es war, nach Deutschland zu kommen, wie es war, hier aufzuwachsen. Alle drei eint der Schock darüber, wie stark Erdoğans Einfluss unter den Deutschtürken geworden ist.

Semra, Jahrgang 1950, ist Alevitin, verwitwet, hat zwei erwachsene Töchter, sie arbeitete bis zur Rente als Kontrolleurin in einer Firma, die Hüftprothesen herstellte:

"Ich bin Deutschland 1966 mit meinem Mann. Ich war 16. Nach der Schule sofort habe ich geheiratet. [lacht] Ich hab kein Kopftuch gehabt, nein. Ich hab kein Gefühl gehabt, ich bin Gastarbeiterin. Mir gegenüber ist nie ein böses Wort gefallen. Die Türken haben gern hier gearbeitet damals. Ich bin aus der Türkei gekommen zum Arbeiten, nicht um Hausfrau zu sein, sondern um zu arbeiten. Mein Mann war Schreiner."

Haci Halil Uslucan ist Professor für Psychologie, er leitet an der Universität Duisburg-Essen das Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung. Er selbst ging als Junge noch in der Türkei zur Schule. Er sagt:

In Deutschland wird man nicht so schnell reich

"Die erste Generation war wirklich eine Gastarbeitergeneration, mit dem Ziel: möglichst schnell in Deutschland reich werden und zurückkehren. Aber es hat sich bei vielen recht schnell herausgestellt, dass man in Deutschland nicht so schnell reich wird. So dass die Vorstellung, kurz in Deutschland zu bleiben, dann zurückzukehren, möglichst viel zu sparen und wenig zu konsumieren, für viele ja nicht aufgegangen ist.

Heute hört man noch bei meiner Elterngeneration den Satz: 'Ja, ja, wir kehren schon zurück - aber dann nicht mehr im Flugzeug, sondern unter dem Flugzeug, also als Leiche zur Aufbewahrung.' Das ist so eine zynische Zusammenfassung dessen, dass die ursprünglichen Rückkehrpläne nicht mehr haltbar sind."

Tragen in Deutschland alle Frauen Schürzen?

Semra, inzwischen 67 Jahre alt, erinnert sich mit einem Lächeln daran, wie sie vor 51 Jahren als blutjunge Frau im ländlichen Schwaben ankam - und welchen Kulturschock sie erlebte:

"Damals – Türkei, die Frauen getragen wunderschöne Seidenkleider, mit hohe Absatz, schöne Frisur, mit rote Lippenstift und rote Nägel. Sie waren zuhause mit ihren Kindern. Aber in Deutschland jede Frau und jede Mann haben gearbeitet, da haben sie die ganze Woche keine Zeit gehabt zu pflegen. Dann sehe ich die Frauen, ach, nur mit dieser Schürze laufen! Ganze Kittelschürzen waren die. Ich habe überlegt: 'Ist das Mode? Oder was war das?' Ich habe gedacht, die tragen alle so. Aber dann haben sie jeden Sonntag schön angezogen."

Bäuerinnen im Oberspreewald in der Niederlausitz trennen Kraut von frisch geernteten Rüben. (dpa picture alliance/ Goll)Semra war überrascht, als sie deutsche Frauen die ganze Woche über in Kittelschürzen sah. (dpa picture alliance/ Goll)

Semra war knapp ein Jahr in Deutschland und 17 Jahre jung, als ihre erste Tochter geboren wurde. Sie blieb nur kurze Zeit nach der Geburt zuhause.

"Dann habe ich arbeiten müssen wieder. Was machen wir mit unserem Kind? Meine Hausbesitzerin, mit Ehepaar, die haben auch zwei Kinder gehabt, sie hat zu mir gesagt, sie passt meine Tochter auf, ich soll weiterhin arbeiten."

Eine Identität zwischen Deutsch und Türkisch

Serin ist die ältere Tochter von Semra, geboren 1967 in Baden-Württemberg. Sie ist Integrationspädagogin, getrennt lebend, hat keine Kinder:

"Das war eine deutsche Familie, die mich aufgenommen hat. Die Eltern haben dafür bezahlt, das waren Tageseltern. Aber gefühlsmäßig waren sie mehr für mich."

Ihre vermeintlich türkischen und deutschen Charakterzüge beschreibt sie so:

"Die Pünktlichkeit, sorgfältig arbeiten. Verstand, Vernunft, ohne große Dramatik. Das ist sehr deutsch an mir. Was türkisch ist… Ich kann mich so wenig identifizieren, was türkisch ist an mir… Doch, Spiritualität ist türkisch an mir."

Serin lebt noch heute in dem Haus, in das ihre Eltern 1968 gezogen waren, zusammen mit einer Tante und einem Onkel aus der Türkei. Außerdem wohnten dort noch die Hausbesitzer - ihre Zieheltern.

"Es war eine deutsche Großfamilie mit Großeltern, Eltern und Kindern. Wir haben alle hier gelebt. Zwei Großfamilien lebten hier. Das war sehr schön."

Serin war elf, als sie eine kleine Schwester bekam. Nurjan, Semras jüngere Tochter, wurde 1978 geboren, sie ist heute Architektin, verheiratet und hat einen Sohn. Sie sagt über sich:

"Deutsch an mir finde ich meine Disziplin, mein kleinkariertes Denken in vielen Dingen, und geradlinig. Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit. Und die Ehrlichkeit – das ist deutsch. Türkisch ist bei mir die Lebensfreude. Oder mit der Masse immer zusammen zu sein – das ist bei mir türkisch."

"Bohnen, Kartoffeln, Nudeln, Spätzle"

Semra und ihre beiden Töchter sehen sich fast jeden Tag, oder sie telefonieren zumindest. Oft essen sie auch zusammen zu Mittag, meistens in der Wohnung der Mutter, die sie und ihr Mann vor Jahren gekauft haben. Semra vermisst materiell nichts. Als sie 1966 nach Deutschland kam, sei das anders gewesen, erzählt sie:

"Damals war ja nur sehr wenige Häuser Badewanne oder Dusche gehabt hier. Auch sogar Plumpsklo gehabt, das waren keine Spülklos. Zweitens war nicht so viel Sorte gehabt Gemüse, Obst. Da war ja auch sehr arm Deutschland damals. Also muss ich ehrlich sagen, da war damals die Türkei wie ein Schlaraffenland - dieses Gemüse, dieses Obst. Und dann bist du hergekommen - und einfach nichts. Einfach Bohnen, Kartoffeln. Nudel, Spätzle." [lacht]

Ein Obststand in einer Markthalle (picture alliance / dpa / Roland Holschneider)Semra vermisste anfangs in Deutschland das große Angebot an Obst und Gemüse, das es in ihrem Heimatland gab. (picture alliance / dpa / Roland Holschneider)

Anfangs fuhr die Familie noch jedes Jahr in den Sommerferien mit dem Auto in ihre alte Heimat Anatolien. Nurjan, die jüngere Tochter, erinnert sich genau, wie es war, wenn die Familie, das Auto voll bepackt, wieder nach Deutschland zurückkam.

"Anstatt dass wir irgendetwas gekauft haben, haben unsere Eltern Paprika und Auberginen und das ganze Gedöns gebracht. Weil es besser geschmeckt hat, weil es sie in Deutschland nicht gab, weil es Teil der Kultur war. Das war mehr als peinlich, da musste man sich fremd schämen. Weil das musste der Grenzschutzbeamte, die Polizisten mit ansehen. Die haben schon bisschen gelächelt darüber. Und das hat mir meinen Nationalstolz natürlich angekratzt."

Nurjan empfindet die Szene noch heute als Sinnbild von Rückständigkeit und achtet in ihrer eigenen Familienplanung darauf, auf der Höhe der Zeit zu sein. Ihr Sohn ist inzwischen fünf Jahre alt und besucht einen Montessori-Kindergarten. 

Die jüngsten Kinder wachsen als "global player" auf

Serin, die ältere Schwester, die sich mehr deutsch fühlt, hat einen Türken geheiratet; Nurjan, die jüngere, hat einen Schweden mit italienischen Wurzeln zum Ehemann. Ihr Sohn wächst mehrsprachig auf.

"Mein Sohn - ich wollte nicht, dass er die Schwierigkeiten hat, die wir hatten. Ich wollte, dass er von Anfang an ein Global Player ist."

Nach Ansicht von Serin, die inzwischen von ihrem türkischen Mann getrennt lebt, hat sich seit ihrer eigenen Jugendzeit gar nicht so viel verändert:

"Die türkische Community ist eng verbunden. Man mischt sich viel ein, man redet über die Töchter der anderen. Ich war so unbedarft. Ich bin mit Shorts rum gelaufen und wusste nicht, dass es irgendwann meinem Vater wehtun könnte, oder dass er das hören musste, wie schrecklich ich herumlaufe. Die Waagschale zu halten zwischen dieser türkischen Außenwelt und dieser familiären Innenwelt - und dann noch mit einer deutschen Basis – das war eine emotionale Katastrophe."

Chance Ambuigitätstoleranz

Junge Frauen, von hinten aufgenommen, in knapper Sommerbekleidung (dpa picture alliance/ Matthias Merz)Knappe Hosen im Sommer: Für Serin als Mädchen eine Gradwanderung, weil die türkischen Freunde der Eltern immer mitredeten. (dpa picture alliance/ Matthias Merz)

Das Gefühl der Zerrissenheit, das Serin beschreibt, erleben auch nicht migrierte Menschen. Psychologen sprechen von "Ambiguitätstoleranz". Sie birgt auch eine große Chance, meint Haci Halil Uslucan:

"Man muss viel ambiguitätstoleranter sein: Man muss Vieldeutigkeiten, Widersprüche, Widersinnigkeiten aushalten lernen, irgendwie vereinbaren können. Das macht die Psyche auch stärker. Migranten müssen sich kognitiv immer mit doppelten Netzwerken auseinandersetzen. Man kann seine Herkunft zwar ablehnen, aber auch dann bauen sie ein Verhältnis auf - und ihr Verhältnis zur Mehrheitsgesellschaft. Das ist schon ein Spezifikum."

Nurjan, die jüngere Schwester, dazu:

"Ich empfinde mein Leben und das von anderen Migrantenkindern wie Faust. Faust sagt: 'Ach, hab zwei Seelen in meinem Leben'. Du gehst in die Türkei und bist der Deutsche, du kommst hierher und bist der Türke. Und genau das lernst du von Null auf. Und genau diesen Punkt wollte ich meinem Sohn nicht antun."

Die jüngere Generation fühlt sich oft weniger integriert

Haci Halil Uslucan kennt dieses Phänomen, das man in der Migrationsforschung "Integrationsparadoxon" nennt: Dass junge Menschen, die in Deutschland geboren, aufgewachsen und äußerlich gut integriert sind, sich gar nicht so sehr als Teil der deutschen Gesellschaft fühlen, viel weniger als ihre Eltern oder Großeltern, die vor Jahrzehnten als Gastarbeiter ins Land kamen.

"Der Elterngeneration - für sie ist die Referenz das Herkunftsland. Der deutsche Staat ist viel großzügiger, hier haben wir, was weiß ich, Wohngeld, Sozialhilfe, obwohl wir nicht vollwertige Bürger dieses Landes sind. Sie fühlen sich hier wohl, als Teil der Gesellschaft. Für die jüngere Generation gilt das ja nicht. Sie haben nicht die Referenz Türkei, sondern 'Wie geht es dem Max, wie geht es dem Sebastian - und wie geht es mir?' Dann rebellieren sie natürlich stärker, wenn sie Unrechtsbehandlung wahrnehmen. Die Eltern würden sagen, mit dem zweiten Platz sind wir zufrieden."

Die ältere Generation fühlt sich in Deutschland wohl

Semra, die Mutter: "Ich bin in Deutschland sehr, sehr wohl gefühlt und sofort angepasst. Dann habe ich sehr viel Kontakt gehabt immer. Nachbarschaft. Überall bin ich hingegangen tagsüber.

Wir waren ja ein sehr liebes Paar. Mein Mann hat mir nicht verbietet. Ich durfte ja tanzen gehen, wir haben auch viel gemeinsam unternommen. Mein Mann war ganz anderer Türke als normal. Mein Mann hat gerne gekocht, ich bin nur gearbeitet, mein Mann war Hausfrau [lacht]. Hausmann. Wir haben gar nicht geachtet, was die andere sagt, wir haben nur unser Leben genießt."

Nurjan: "Er hat eben meine Mutter mit dem Essen unterstützt. Aber er war ein gnadenloser türkischer Papa. Ist auch ins Café gegangen. Finanziell hatte meine Mutter immer die Hosen an. Mama war der Organisator und die Zukunft denken. Und mein Papa hat für heute und jetzt gelebt. Und was morgen ist – darüber haben wir eben einen Deal mit Gott abgeschlossen."

Serin: "Ich glaube, dass wir eine fortschrittliche Familie waren, schon immer, trotz anatolischem Hintergrund. Frauen und Männer wurden bei uns nie getrennt behandelt. Es gab immer nur einen unausgesprochenen: 'Du kannst machen, was du willst, aber bringe mir ja keine Schande ins Haus!' Das galt für die weibliche Seite meiner Familie."

Nurjan: "Dann haben auch meine ganzen Freundinnen gesagt, meine türkischen Freundinnen: 'Ihr seid nicht wie Türken'. Weil meine Freundinnen zur Diskothek über das Fenster raus gesprungen sind. Und ich war so dumm und habe gesagt: 'Habt ihr keine Haustüre?' Weil ich das nicht verstehen konnte, wie man nachts vom Fenster raus und rein gehen konnte – weil, ich durfte es ja machen."

Semra: "Sehr frei erzogen habe ich meine Töchter, ja. Aber wir haben in unsere Töchter auch Vertrauen gehabt."

Serin: "Man wusste von einem Jungfernhäutchen, aber was das wirklich zu bedeuten hatte, das hat keiner ausgesprochen. Ich glaube, es liegt daran, dass ich wirklich eine wunderbare moderne aufgeklärte türkische Familie habe. Aber die damals sicher auch in tiefem Zwiespalt steckte: Wir wollen die Mädchen nicht unterdrücken, wir wollen, dass die Mädchen schon gebildet sind - aber wie vermitteln wir diesen Mädchen, dass das nicht geht?"

Das Problem der gesellschaftlichen Emanzipation

Neben dem Problem, in einer patriarchalen Kultur als Mädchen erwachsen zu werden, hatte Serin wie andere Deutschtürken der zweiten Generation damit zu kämpfen, sich auch gesellschaftlich zu emanzipieren:

"Wir hatten auch alle Ausbildungen begonnen - mussten ein Bild repräsentieren: Sind nicht mehr wie in den 70ern oder die erste Gastarbeitergeneration. Das war auch für die Jungen dasselbe Problem. Wir haben Taschengeld ausgegeben für Bücher und nicht für Jeans oder Schuhe. Uns war die Bildung wichtiger als unser Leben."

Diese Seite der Migrationsgeschichte wird in Deutschland viel zu wenig beachtet. Der Psychologie-Professor Haci Halil Uslucan von der Universität Duisburg-Essen sagt:

"Migration ist eine große Gewinngeschichte gewesen. Was Bildung betrifft. Wenn man da die Elterngeneration vergleicht, in der Türkei hat es bis '98 nur eine fünfjährige Schulpflicht gegeben. Jetzt hat die nachfolgende Generation in Deutschland mindestens 8 bis 10 Jahre Schule. Das ist ein riesiger Aufschwung. Für viele Familien ist das ja auch eine Aufwärtsmobilität. Der familiäre Status wird gehoben – und das ist ein Zeichen des Migrationserfolges. Das ist letztlich ja das große Ziel, das eigene Leben soll sich verbessern und das der Nachfahren soll sich verbessern."

Säkulare türkische Intellektuelle sitzen zwischen allen Stühlen

Dennoch - Serin, erinnert sich, wie einsam und isoliert sie und andere der zweiten Generation sich gefühlt haben, als säkulare türkische Intellektuelle, wie sehr sie zwischen allen Stühlen gesessen haben:

"Wir waren die verlorene Generation, die nicht gesehene. Die keinen Ehrenmord vorzuweisen hat, keine Zwangsheirat vorzuweisen hat. Die immer brav zur Ausbildung gegangen sind, brav zur Schule gegangen sind. Aber was in den vier Wänden für ein Kampf für die Bildung! Es ging immer nur um eines: Ich will lernen! Und das ging ja auch nur mit Hilfe der Deutschen. Lehrer, Rektoren, die haben Mädchen meiner Generation auf Schulen angemeldet, die kannten wir gar nicht, dass es so weiterführende Schulen gibt."

Haci Halil Uslucan sagt: "In der Karriere vieler erfolgreicher Türkeistämmiger hat es solche Personen gegeben, so wichtige Schlüsselfiguren außerhalb der Familie, die ein Stück Orientierung gegeben haben, was für die Eltern zu hochschwellig war, oder was sie einfach nicht wussten. Und da sind so Brückenfiguren, die ermutigen, die empowern, enorm wichtig."

Serin: "Fairerweise muss ich sagen, dass die typische Community sich dann auch etwas gelockert hat in der Generation meiner Schwester. Es schossen auch die türkischen Diskotheken wie Pilze aus dem Boden. Sie war in einer türkischen Spaßgesellschaft, die sind dann frei gewesen. Die wussten von uns, wo es lang geht. Die brauchten ja dann praktisch die deutsche Gesellschaft nicht mehr, wir hatten ja die Türen geöffnet und gesagt: Da geht ihr hin."

Ähnliche Generationenkonflikte bei Deutschen und Türken

Aufstieg durch Bildung, Abkehr von traditionellen ländlichen Milieus, Konflikte mit den Eltern, die misstrauisch das Abwandern der Kinder in Großstadtmilieus beobachteten und die Entfremdung von der Herkunft zu verhindern suchten: Diese Generationenkonflikte der bundesdeutschen 60er-, 70er-Jahre-Gesellschaft spielten sich unter anderen Vorzeichen auch in türkischen Familien ab.

Auch bei der 1978 geborenen Nurjan, der jüngeren Schwester, gehörten Kämpfe und Rebellion zum Erwachsenwerden. Weil sie mehrfach von der Schule flog, ging sie schließlich in der nahen Großstadt aufs Abendgymnasium und nabelte sich Zug um Zug vom kleinstädtischen Elternhaus ab:

"Dann habe ich angefangen zu leben, also so zu leben, wie ich eigentlich leben wollte. Und wie man mich nicht sehen wollte, glaube ich. Davon hat meine Familie nicht viel mitgekriegt. Die kennt nur die Oberflächlichkeit von mir, oder wie ich da sein muss. Aber das richtige oder wahre Ich kennen nur meine Freunde. Wir haben Epochen-Party gemacht, wir haben aber auch Epochen von Büchern gelesen und uns über Kunst unterhalten. Wir waren uns unserer Pflichten schon bewusst, dass wir auf jeden Fall studieren gehen wollen, dass wir uns auf jeden Fall weiterbilden wollen, dass wir die Welt entdecken wollen."

Für ihre 1967 geborene ältere Schwester Serin sah das damals ganz anders aus:

"Mit dem Erschaffen einer türkischen Freizeitgesellschaft - das war nicht gut für die Integration. Das war wieder so ein Kollektivdenken, wo Musik aus der Türkei importiert wurde, wo Politik aus der Türkei importiert wurde. Es sah wieder so aus, als dass dieses Kollektiv sich in der dritten Generation erneuert hat, was in der dritten war. Und wir in der zweiten hassten das. Wir wollten ja authentisch, frei, individuell sein."

Erschrocken über den zunehmenden Islamismus

Individualität war für Serin und ihre Generation ein hohes Gut. Der zunehmende Islamismus hat für sie viel mit dem Wiederaufleben eines Kollektivdenkens zu tun, das ihre Generation überwinden wollte:

"Und das erschreckt mich natürlich sehr. Die gläubigen Hodschas in meiner Generation, die waren freundliche Menschen, die haben nicht manipuliert und keine Propaganda gemacht. Man hat bei ihnen den Koran lesen dürfen."

Die elf Jahre jüngere Nurjan berichtet: "An der FH, wo ich studiert habe, war es das erste Mal, dass ich mit Islamisten konfrontiert worden bin. In der Realschule oder am Abendgymnasium habe ich keinen einzigen Kopftuchmenschen gesehen. ... An der Universität habe ich entdeckt, was für eine Community wirklich dahinter steckt. Die eine Fraktion war die Gülen-Fraktion, die andere die Erdoğan-Fraktion. Sie wollten dich immer in die Gemeinschaft rein ziehen. Das war das Penetrante an der ganzen Sache. Sie wollten, dass du immer mit denen befreundet bist. Ich habe dann erschrocken meine Schwester angerufen und die: 'Um Gottes willen, halte dich da bloß raus!'"

"Die gehen ja alle mit dem Kopftuch in die Schule!"

Mutter Semra sagt: "Nach 2000 hat sich viel geändert mit den Türken hier. Schade. Meine Generation hat ja kaum türkische Frauen Deutsch sprechen können, immer mit Dolmetscher. Dann die zweite Generation, die haben schon ihre Schule, ihren Beruf gemacht. Aber jetzt dritte Generation - das finde ich nicht o.k., die gehen ja alle mit dem Kopftuch in die Schule!"

Und Nurjan beklagt, dass sie inzwischen für viele Deutsche nicht mehr als Muslimin gilt, weil sie kein Kopftuch trägt und nur noch Frauen mit Kopftuch als echte Musliminnen gelten.

"Dann denke ich mir, geht`s noch? Ich bin doch auch der Islam! Kein Deutscher sieht mich: 'Du hast kein Kopftuch! Bist du wirklich Muslim?' Erst waren wir Gastarbeiter, dann waren wir Ausländer, dann waren wir Immigrantenkinder - jetzt sind wir Islamkinder!"

Viele Türken isolieren sich von den Deutschen

Für Nurjan sind die deutschen Medien mitschuldig an dieser Entwicklung:

"Du bist gar kein Islamist und dann siehst du dauernd Erdoğan, Erdoğan, Erdoğan, Erdoğan im Fernsehen! Ich bin ein Gegner von Erdoğan, aber ich habe wirklich gesagt: 'Noch einmal Erdoğan bei Anne Will - dann habe ich ein Erdoğan-T-Shirt an!" Ist Erdoğan so wichtig für euch?"

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan (dpa)Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan - für deutsche Medien wichtiger als für manche Deutsch-Türken? (dpa)

Der Aufstieg Erdoğans hat in den Augen der drei Frauen alles verändert. Mutter Semra sagt:

"Türkische Leute jetzt treffen alle Türken, treffen sie sich in alle mögliche Moscheen, im Verein, türkisch. Früher hatte man noch ein bisschen mit Deutsche umgehen oder befreundet. Aber heute sind die Türken zurückgezogen."

Und Nurjan: "Ich kenne viele Leute hier, die pro Erdoğan denken, auch Leute, mit denen ich groß geworden bin. Das war nicht  enttäuschend - aber du wirst vorsichtiger. Weil du einfach denkst, bespitzelt der dich? Oder bespitzelt die dich? Seit das mit Erdoğan wirklich zu Gange geht, schaue ich, obwohl ich extrovertiert bin, dass ich eher meine Gosch halte und sage: 'Jetzt bist du ruhig'. Weil ich keinen Bock habe, von denen Stress zu bekommen. Und ich mich selber und meine Familie gefährde."

Serin dazu: "Die Verbundenheit aus der Geschichte der türkischen Gastarbeiter – man ist Nachbarn, man hilft sich. Und da ist es egal, wer welcher politischen Meinung ist. Aber dass man sich dann nicht mehr traut, Hilfe zu holen, oder dass man sich nicht mehr besuchen geht oder dass Freundschaften daran zerbrechen - das ist schon hart. Diesen Schutzraum - das gibt es nicht mehr."

Und nochmal Nurjan: "Momentan gibt es keine Anlaufstellen, wenn etwas eskalieren würde, dass du nicht alleine stehst. Und die Deutschen sind nicht so weit, um uns zu begreifen, weil die von außen nichts mitkriegen. Du bist ja schon in der türkischen Community gefangen."

Erdoğan-Begeisterung als Trotzreaktion

Dass so viele Türkeistämmige in Deutschland sich jüngst beim Referendum auf die Seite Erdoğans schlugen, wertet Migrationsforscher Haci Halil Uslucan nicht zuletzt als emotionale Reaktion auf einen unsensiblen Umgang mit der Türkei:

"Beim Referendum hat man gesehen, dass sehr stark eine Form von Türkei-Politik betrieben wurde, die viele Türken als Türkei-Bashing wahrgenommen haben. Das hat viele animiert hier, die vielleicht eher skeptisch waren, die vielleicht eher bedächtig waren, zu sagen: 'Warum ist Europa plötzlich gegen uns?' Über Inhalte des Referendums ist ja kaum diskutiert worden. Die Wahrnehmung war: Die sind alle gegen die Türkei - also müssen wir für unser Land sein."

"Wir haben natürlich Nein gestimmt", sagt Mutter Semra. "Eine Freundin von mir hat mich sehr, sehr böse angemacht. Die hat mich gestempelt wie ein PKK."

Trotz ihrer Verbundenheit mit Deutschland ist sie bis heute keine deutsche Staatsbürgerin geworden – aus Bequemlichkeit, meint sie. Tochter Serin hat zwar die doppelte Staatsbürgerschaft, hat aber nicht gewählt:

"Ich habe nicht gewählt, weil ich der Meinung bin, ich lebe nicht in der Türkei, ich weiß nicht, wie es den Menschen dort geht. Und wenn die Leute den dort mögen oder wollen, dann ist es deren Entscheidung und nicht meine."

"Meine Bundeskanzlerin ist Frau Merkel"

Nurjan, die jüngere Tochter, hätte gewählt. Durfte aber nicht, weil sie nur die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt – und das ganz bewusst:

"Niemals würde ich den türkischen Pass nehmen, niemals. Weil ich fühle mich als Deutsche sicherer. 'Meine Bundeskanzlerin ist Frau Merkel - und nicht der Erdoğan', sag' ich heute noch als Türkin."

Dass zur Zeit die Zahl der Rückkehrer in die Türkei die der Zuwandernden nach Deutschland übersteigt, können die drei Frauen nicht nachvollziehen. Keine von ihnen könnte sich vorstellen, in der Türkei zu leben. Sogar Mutter Semra nicht.

"Ich lebe jetzt hier 50 Jahre, kann ich in der Türkei mich nicht anpassen. Und auch - warum soll ich so rumlaufen, Kopftuch, so mit langen Kleidern? Meine Heimat jetzt ist Deutschland. Hier wohnen ja acht Parteien, und ich sage das auch: 'Oh, die Kehrwoche wird gemacht!' Ich habe das angenommen wie deutsches System. Das gefällt mir."

Zeitfragen

175 Jahre "Struwwelpeter""Sieh' einmal, hier steht er"
Coverillustration des Buches "Der Struwwelpeter" von  Heinrich Hoffmann (Picture Alliance / dpa / imageBROKER | bilwissedition)

Als der Struwwelpeter vor 175 Jahren erschien, waren die Geschichten, die Heinrich Hoffmann für seinen Sohn zu Weihnachten geschrieben hatte, auf dem Kinderbuchmarkt etwas völlig Neues. Es war der Beginn einer großen Erfolgsgeschichte. Mehr

Impfstoff gegen Covid-19Kein Grund zur Euphorie
Symbolbild eines Glasfläschchens, auf dem "Vaccine Covid-19" steht, dazu eine behandschuhte Hand und eine Spritze. (picture alliance / ZUMAPRESS / David Talukdar)

Auch wenn jetzt in Großbritannien ein erster Corona-Impfstoff eine Zulassung bekommen hat, ist die Pandemie damit noch nicht besiegt, warnen Experten. Denn es bleiben viele Unwägbarkeiten - und ein ethisches Dilemma bei der weiteren Impfstoff-Forschung.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur