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Fazit / Archiv | Beitrag vom 25.12.2013

Türkei Museum oder Moschee?

Nationalisten wollen die Hagia Sophia in Istanbul für Muslime zum Gebet öffnen

Von Susanne Güsten

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Streitobjekt: die Hagia Sophia in Istanbul (picture alliance / dpa / Marius Becker)
Streitobjekt: die Hagia Sophia in Istanbul (picture alliance / dpa / Marius Becker)

Sie wurde als Kirche errichtet, war Moschee und ist heute ein Museum. Nun ist Streit um die Hagia Sophia ausgebrochen. Türkische Nationalisten wollen Muslimen erlauben, wieder dort zu beten.

"Zincirler kirilsin, Ayasofya acilsin!"

Eine Mahnwache für die Hagia Sophia in Istanbul. "Sprengt unsere Ketten, öffnet die Hagia Sophia", skandieren die Demonstranten. Dabei ist die Hagia Sophia natürlich nicht geschlossen – für 25 Lira kann jeder eine Eintrittskarte kaufen. Als Museum steht der 1500-jährige Kirchenbau seit 1938 allen Besuchern offen – gleich welchen Glaubens. Gottesdienste und Gebete sind allerdings verboten in dem Museum, sowohl für Christen als auch für Muslime. Und damit haben sich viele Türken nie so richtig abfinden können. Vor allem die Nationalisten fordern schon lange die Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee, in jüngster Zeit immer energischer. Die Nationalistenpartei MHP brachte nun einen entsprechenden Gesetzentwurf im Parlament ein, den der federführende Abgeordnete Yusuf Halacoglu so begründete:

"Die Hagia Sophia ist das Symbol der Eroberung von Istanbul durch die Türken, deshalb muss sie uns wieder zum Gebet geöffnet werden. Ein entsprechendes Gesetzesvorhaben habe ich dem Parlament vorgelegt."

Die Nationalisten sind in der Volksvertretung zwar in der Opposition, doch ihrem Vorstoß werden dennoch gute Chancen zugemessen. Im Regierungslager gibt es jedenfalls deutliche Sympathien für das Vorhaben, wie Vizeministerpräsident Bülent Arinc kürzlich bei einem Überraschungsauftritt vor der Hagia Sophia deutlich machte.

"Wir stehen hier vor der Hagia Sophia und spüren es in der Seele: Die Hagia Sophia spricht zu uns, sie will uns etwas sagen. Bisher war es in diesem Lande wohl möglich, Moscheen einfach zu Museen zu erklären. Aber jetzt gibt es eine neue Türkei. Ich blicke heute auf diese traurige Hagia Sophia und bin zuversichtlich, dass sie bald wieder froh sein kann."

In der Türkei stehen Wahlen an: Kommunalwahlen und Präsidentschaftswahlen im kommenden Jahr, die Parlamentswahlen im Jahr darauf. Mit der Hagia Sophia als Wahlgeschenk an die überwiegend moslemische Bevölkerung dürften sich viele Stimmen fangen lassen – weniger aus religiösen Motiven, sondern vielmehr aus nationalistischen Beweggründen. Denn bei der Hagia Sophia geht es um das empfindliche Selbstbewußtsein der erst 90 Jahre alten türkischen Nation, erklärt die liberale Historikerin Asye Hür.

"Die Eroberer-Ideologie ist in der islamischen Welt ein wichtiger kultureller Kodex, sie ist auch hier in der Türkei noch dominant. Danach verwandelt man bei der Eroberung einer Stadt deren wichtigstes Gotteshaus in eine Moschee – das bezeichnet man als Recht des Schwertes. Diese Eroberer-Ideologie lastet noch immer auf der türkischen Identität, sie lässt uns keine Ruhe: Weil wir das unruhige Gefühl haben, dieses Land gehöre uns noch immer nicht vollständig, solange die Hagia Sophia Museum ist und nicht Moschee."

Wäre die Hagia Sophia nach Gründung der Türkischen Republik 1923 weiter Moschee geblieben, wie sie das im Osmanischen Reich war, dann wäre die Identitätskrise des neuen Staatsvolkes vielleicht weniger heftig und langwierig ausgefallen, meint die Historikerin. Darin stimmen ihr auch Kollegen aus dem nationalistischen Lager zu, so wie der Geschichtsprofessor Mehmet Celik.

"Die Türkische Republik ist 90 Jahre alt, sie hat eine Nationalhymne und die schönste Nationalfahne der Welt; sie wird international als unabhängiges Land anerkannt. Dennoch fühlt sich diese Nation in ihrer innersten Seele bis heute nicht wirklich unabhängig, sie fühlt sich noch immer vom Westen gegängelt und bevormundet. Sie wird sich erst wirklich unabhängig fühlen, wenn die Hagia Sophia wieder zur Moschee wird. An dem Tag, an dem der Muezzin dort wieder zum Gebet ruft, werden den Menschen die Tränen in die Augen steigen – und zwar auch denen, die gar nicht zum Gebet zu gehen."

Ganze 15 Millionen Unterschriften sammelte ein nationalistischer Jugendverband in diesem Frühjahr unter seine Petition, die Hagia Sophia wieder zur Moschee zu machen. Ganz klar in der Minderheit sind Türken, die so denken wie die Historikerin Ayse Hür.

"Mit ihrer Architektur und ihrer Geschichte ist die Hagia Sophia in jeder Hinsicht ein Konstrukt der christlichen Kultur, ein Produkt christlichen Denkens. Sie gehört zum christlichen Kulturkreis. Gut, ihr habt diesen christlichen Bau erobert, habt dort jahrhundertelang als Moslems gebetet, aber das ändert nichts daran, dass dies ein christlicher Bau ist, dem ihr ein paar Minarette aufgesetzt habt."

Diese Haltung läuft auf eine Zurückweisung der Eroberer-Ideologie der Türkei hinaus, die den Jahrestag der osmanischen Eroberung von Konstantinopel vor 560 Jahren noch immer alljährlich mit Prunk und Paraden feiert. Nur wenige haben dazu so viel kritische Distanz wie Ayse Hür.

"Ich sehe in der Eroberung nichts Rühmliches. Krieger dringen in die Heimat anderer Völker ein, reißen deren Hab und Gut an sich – das ist nicht meine Kultur, so etwas rühmlich zu finden. Aber damit bin ich wohl keine echte Türkin."

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