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Mahlzeit / Archiv | Beitrag vom 14.12.2013

Tückische Kräuter

Giftige Naturstoffe verunreinigen Fencheltee und Salatkräutermischungen

Von Udo Pollmer

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(picture-alliance/ dpa)
Fenchel kann die giftigen Pyrrolizidine gar nicht bilden. Vermutlich stammen sie aus anderen Pflanzen, die bei der Ernte und Weiterverarbeitung in den Tee gelangt sind. (picture-alliance/ dpa)

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) warnt zum wiederholten Male vor Kräutertees. Denn darin hatten Analytiker giftige Naturstoffe, Pyrrolizidine, entdeckt.

Vor Monaten warnte das Bundesinstitut für Risikobewertung vor Kräutertees. Die Behörde hatte in zahlreichen Produkten, insbesondere in Fencheltee für Babys üble Giftstoffe nachgewiesen - sogenannte Pyrrolizidine. Pyrrolizidine sind krebserregend und lebergiftig. Sie sind nicht nur viel giftiger als Pestizide, auch die angetroffenen Gehalte lagen manchmal deutlich höher als Pestizidrückstände. Und dann wirken sie auch noch kumulativ.

Bereits die tägliche Aufnahme von 3 bis 4 µg Pyrrolizidin aus einem Gewürztee durch eine Schwangere führte beim Neugeborenen zum Leberversagen. Ein Mikrogramm ist ein Millionstel Gramm. Vergiftungen durch belastete Lebensmittel und Kräuterprodukte haben in der Vergangenheit zu zahlreichen Todesfällen geführt. Fachleute empfehlen deshalb einhellig, kleine Kinder mit Fencheltee zu verschonen, zumindest bis zur Klärung der Ursache für diese Analysenergebnisse.

Giftstoffe stammen von anderen Pflanzen

Denn etwas irritiert die Fachwelt: Fenchel kann eigentlich gar keine Pyrrolizidine bilden. Das Gleiche gilt für andere belastete Tees wie Melisse oder Kamille. Deshalb wird eine Kreuzkontamination vermutet. Die Ware kommt aus aller Welt. Da könnte auf dem langen Weg von der Ernte bis in den Teebeutel mancherlei hineingeraten. Pyrrolizidinhaltige Pflanzen sind in vielen Ländern als traditionelle Heilmittel in Gebrauch, auch bei uns wurde noch bis vor wenigen Jahren Huflattich- oder Beinwelltee getrunken – diese Pflanzen bilden die Pyrrolizidine tatsächlich selbst. Frei von Pyrrolizidinen – und damit auch für Kleinkinder geeignet – sind Fenchel, Melisse oder Kamille aus dem eigenen Garten.

Die Befunde des BfR nahmen Braunschweiger Lebensmittelchemiker zum Anlass, auch mal handelsübliche Salatkräutermischungen zu untersuchen. Ergebnis: Jede zweite Mischung enthielt Pyrrolizidine – und manchmal nicht zu knapp. Hier konnte der Übeltäter dingfest gemacht werden: Verantwortlich war meist das Gurkenkraut, auch Borretsch genannt. Das bildet diese Gifte ebenfalls selbst. Wir dürfen gespannt sein, was da angesichts der Kräuterbegeisterung noch ans Tageslicht kommt: Vielleicht werfen die Kollegen mal einen Blick auf die vielen Kräuterliköre. Falls da pyrrolizidinhaltige Extrakte drin gewesen waren, würde das manch eine kaputte Leber erklären.

Geheimwaffe Siamkraut

Aus diesem Grunde sollten Großmutters Kräuterbücher durchaus kritisch gelesen werden. Die Pflanzen gibt es ja nicht, um den Menschen Heilmittel oder Salatgewürze zu kredenzen. In der Natur dienen die Pyrrolizidine aufgrund ihrer enormen Giftigkeit als Pestizide, als chemische Waffen gegen Fressfeinde. Ein eindrucksvolles Beispiel für die chemische Kriegführung liefert das Siamkraut, das ebenfalls als traditionelle Heilpflanze genutzt wird. Ursprünglich stammt die Pflanze aus dem tropischen Südamerika. Von dort wurde es über Asien nach Afrika verschleppt.

Überall dort, wo sich das Siamkraut ansiedelte, begannen harmlose Insekten, Harlekinschrecken genannt, in kürzester Zeit den afrikanischen Familien die Maniok- und Maisfelder sowie die Gemüsegärten kahlzufressen. Lange wurde über die Ursache gerätselt, bis man herausfand, dass die Insekten ganz gezielt bestimmte, pyrrolizidinhaltige Blütenteile des Siamkrauts fressen und die Gifte im Körper anreichern. Damit bewaffnet, machen sie sich in großen Schwärmen über die viel bekömmlicheren Nutzpflanzen her. Wenn sie in Gefahr sind, spritzen sie dem Angreifer das Gift entgegen.

Niemand weiß, wie die kleinen Hüpfer so schnell herausgefunden haben, dass in dem zugewanderten Kraut ein übles Gift steckt. Eins das ihnen nichts ausmacht, das aber für ihre Feinde hochgiftig ist. Der Mensch verfügt nicht über diese Gabe der Erkenntnis, er muss sich seines analytischen Verstandes bedienen und der Technik, um ein sicheres Leben führen zu können. Mahlzeit!

 

Literatur

- BfR: Pyrrolizidinalkaloide in Kräutertees und Tees. Stellungnahme 018/2013; 5. Juli 2013

- EFSA: Scientific opinion on pyrrolizidine alkaloids in food and feed. EFSA Journal 2011: 9: e2406

- Cramer L et al: Pyrrolizidine alkaloids in the food chain: Development, validation, and application of a new HPLC-ESI-MS/MS sum parameter method. Journal of Agricultural & Food Chemistry 2013; 61: 11382-11391

- Ernst E: Serious adverse effects of unconventional therapies for children and adolescents: a systematic review of recent evidence. European Journal of Pediatrics 2003; 162: 72–80

- Mrasek V: Das Ende der grünen Soße? Deutschlandfunk 17. 9. 2013

- Wiedenfeld H: Buch 2008

- Boppré M, Fischer OW: Harlekinschrecken (Orthoptera: Zonocerus) – Schadinsekten der besonderen Art. Gesunde Pflanzen 1999; 51: 141-149

- Boppré M et al: Pharmacophagy in grasshoppers? Zonocerus being attracted to and ingesting pure pyrrolizidine alkaloids. Entomology: experimental & applied 1984; 35: 115-117

- Boppré M, Fischer OW: Zonocerus and Chromolaena in West Africa. A chemoecological approach towards pest management. in Krall S, Wilps H (eds) New Trends in Locust Control. GTZ, Eschborn 1994: 107-126  

- Onkaramurthy M et al: Anti-diabetic and anti-cataract effects of Chromolaena odorata Linn., in streptozotocin-induced diabeticrats. Journal of Ethnopharmacology 2013; 145: 363–372

- Akinmoladun AC et al: Phytochemical constituents and antioxidant properties of extracts from the leaves of Chromolaena odorata. Scientific Research and Essay 2007; 2: 191-194

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