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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 03.06.2014

TschetschenienEin Krankenhaus als Hort der Menschlichkeit

Anthony Marra: "Die niedrigen Himmel"

Von Sigrid Löffler

31.7.1995: Der achtjährige tschetschenische Junge Mischa Jepiphantschew geht auf Krücken durch die Straßen von Grosny.  (dpa/ picture alliance / Velengurin)
31.7.1995: Der achtjährige tschetschenische Junge Mischa Jepiphantschew geht auf Krücken durch die Straßen (dpa/ picture alliance / Velengurin)

Obwohl er selbst nicht vor Ort war, gelingt es dem jungen Autor Anthony Marras, den Tschetschenienkrieg und seine leidgeprüften Opfer literarisch dicht und detailreich zu schildern. Hauptschauplatz ist ein Krankenhaus in einem fiktiven Ort, in dem sich Ärzte aufopferungsvoll um die Verwundeten beider Seiten kümmern.

Man würde es nicht glauben, wenn man Anthony Marras Debütroman "Die niedrigen Himmel" gelesen hat: Was der junge US-Autor, Jahrgang 1984 und Absolvent der Stanford University, über Tschetschenien weiß, das ist zumeist aus Büchern angelesen. Artig bedankt sich Marra denn auch im Nachwort vor allem bei Anna Politkowskaja und Chassan Baiew, denn der Report der ermordeten Moskauer Journalistin über den Tschetschenien-Krieg und der Lebensbericht des Trauma-Arztes aus Grosny waren grundlegend für seinen Roman über die Leiden der Zivilbevölkerung in den beiden Sezessionskriegen um die abgefallene Kaukasus-Republik.

Das Romanwerk allerdings, das Anthony Marra auf der Basis dieser und anderer Impuls-Bücher sowie einer kurzen Informationsreise in den Kaukasus errichtet hat, ist bewundernswert in seiner literarischen Dichte und Detailfülle, seiner Komplexität, seinem Erfindungsreichtum und seiner psychologischen Einfühlung.

Er erzählt eine kraftvolle, anschauliche und tief bewegende Geschichte um ein achtjähriges tschetschenisches Mädchen und die drei Erwachsenen, die sich mitten im Chaos der Kämpfe zwischen tschetschenischen Rebellen und russischen Truppen um sie kümmern: ihr Vater, der von den "Föderalen" erst gefoltert und dann verschleppt wird, sowie die beiden Ärzte Achmed und Sonja, die das gleichfalls von Verschleppung bedrohte Kind in ihrem Krankenhaus verstecken und ihm so das Leben retten.

Schauplätze sind, neben der zerstörten Hauptstadt Grosny, ein fiktives Dorf und das Krankenhaus in der fiktiven Stadt Woltschansk in dem Jahrzehnt zwischen 1994 und 2004.

Da der Roman ständig zwischen den Zeiten hin- und herspringt und in Rückblenden immer wieder auch die Vorgeschichte dieses Kaukasus-Volkes vor den beiden Tschetschenien-Kriegen in den Blick nimmt, macht der Autor seine Zeitsprünge optisch kenntlich: Zur Orientierung stellt er an den Anfang jedes Kapitels eine Zeitachse mit elf Jahresdaten, auf der jeweils das Jahr gefettet erscheint, in dem das folgende Kapitel spielt.

Überlebensstrategien tschetschenischer Zivilisten

Inmitten der allgemeinen Zerstörung erscheint das halbruinierte Krankenhaus von Woltschansk als ein Hort der Menschlichkeit. Von den einst 500 Angestellten sind nur noch drei übrig, die Ärztin Sonja, der Hilfsarzt Achmed und eine Krankenschwester. Diese drei Helfer versorgen bis zur Erschöpfung Kämpfer beider Seiten und zivile Kriegsopfer, was meist heißt, den Opfern von Landminen die zerfetzten Beine zu amputieren.

Es geht Anthony Marra um die unterschiedlichen Überlebensstrategien tschetschenischer Zivilisten, auf deren Rücken und auf deren Kosten die Kriegsparteien ihre Kämpfe austragen und dabei den Lebensraum der Tschetschenen in ein Schlachtfeld verwandeln.

Der junge Autor entfaltet ein breites Panorama von prägnanten Haupt- und Nebenfiguren – stille Helden mit Zivilcourage, leise Dulder und Folteropfer, aus denen entweder Spitzel und Verräter oder Widerständler werden. An deren vielfältigen Schicksalen macht Marra sein großes Kriegsepos fest – eines der erstaunlichsten literarischen Debüts der letzten Jahre.

Anthony Marra: Die niedrigen Himmel
Aus dem Amerikanischen von Stefanie Jacobs und Ulrich Blumenbach
Suhrkamp Verlag, Berlin 2014
488 Seiten, Euro 22,95

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