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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 12.10.2009

Trübe Aussichten

Volker Braun: "Flickwerk", Suhrkamp Verlag, Frankfurt/M. 2009, 81 Seiten

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Der Schriftsteller Volker Braun (AP-Archiv)
Der Schriftsteller Volker Braun (AP-Archiv)

Eher nebensächliche Meldungen aus aller Welt bilden das Zentrum von "Flickwerk". Der Band von Kurzgeschichten von Büchner-Preisträger Volker Braun erzählt von Menschen in ausweglosen Situationen.

Nach dem "Machwerk" (2008) nun das "Flickwerk". Ganz offensichtlich kann der 2000 mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnete Volker Braun keinen Trend zum Besseren erkennen, denn beide Titel verweisen auf Misslungenes. Dies scheint nach Einschätzung der Lage der Stand der Dinge zu sein. Stellt sich also die Frage, wer denn die schönen Dinge ins "Werk" setzen wird, wie es in Georg Büchners Stück "Dantons Tod" heißt. Die Aussichten, es könnte sich etwas zum Guten wenden, sind eher bescheiden, weshalb Braun mit dem Blick des Narren die weltweiten Krisensymptome betrachtet und an der bitterernsten Realität ihre absurden Seiten aufzeigt. Man müsste sich ans Werk machen.

Dass sie es nicht können, geht vielen buchstäblich an die Nieren, wovon die Geschichte "Es geht an die Nieren" handelt. Darin macht "ein Kerl in Viersen am Niederrhein" die Erfahrung, dass er sich nur als Ganzes auf dem Markt anbieten darf. Verboten wird ihm hingegen sein Versuch, eine seiner Nieren im Internet zu veräußern, da der stückweise Verkauf der eigenen Person unzulässig ist. Es geht schließlich nicht an, dass sich der Einzelne als Patchworkausgabe versteht und anfängt, aus jedem körpereigenen Flicken Kapital schlagen zu wollen. Braun zerpflückt in diesen an Brechts Keuner-Geschichten orientierten Erzählungen kunstvoll die blumigen Sonntagsreden, die den ganzen Menschen umkreisen, so dass das dürftige Material erkennbar wird, aus denen sie gefertigt sind. Mehr als ‚Flickwerk‘ ist es nicht. So nämlich bezeichnete der Arbeitsmarktexperte Burda seinerzeit die Maßnahmen der Bundesregierung, ältere Arbeitslose mit Lohnzuschüssen, Lockerungen des Kündigungsschutzes und 5000 neuen 1-Euro-Jobs wieder in Lohn und Brot zu bringen.

Braun vermag dieser Meldung auch einen gewissen modischen Akzent abzugewinnen, denn man würde dem entworfenen Kleid ansehen, dass es nur aus Flicken gefertigt ist. Da aber ärmliche Roben zum modischen Polittrend gehören, braucht es den Narren, der auf dem Laufsteg gegenwärtiger Verhältnisse den Schleier lüftet, um die nackten und dürftigen Umstände offensichtlich werden zu lassen. Braun bezieht den realen Kern seiner Geschichten aus Nachrichten. Eher nebensächliche Meldungen aus aller Welt bilden das Zentrum seiner Kurzerzählungen, die von Menschen in ausweglosen Situationen handeln. In ihren Schicksalen spiegelt er die gegenwärtigen Zustände. Die kleinen Leute müssen sich, um ihre Not zu lindern, bescheiden und den Gürtel enger schnallen. In "Die Tortur" erzählt Braun von einem Vater, der drei Kinder zu ernähren hatte und sich an seinem Gürtel erhängte, als es zu eng wurde.

Brauns komische Figuren sind tragische Clowns, die im Welttheater eine Rollen spielen, die ihnen nicht auf den Leib geschrieben wurden. Dass sie daran schwer tragen, daran lässt dieses kurzweilige, den Ernst der Lage beschreibende Buch keinen Zweifel aufkommen. Mit den Mitteln der Komik erzählt es von den Tragödien des Alltags und steht damit auch in der Tradition Hebelscher Kalendergeschichten.

Besprochen von Michael Opitz

Volker Braun: Flickwerk,
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009,
81 Seiten, 16,80 Euro.

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