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Tonart | Beitrag vom 07.08.2017

Trucker-MusikBye-bye Diesel!

Von Holger Hettinger

Der Country- und Schlagersänger Gunter Gabriel auf dem Beifahrersitz eines Lastwagens.  (dpa picture alliance/ Carsten Rehder)
Gunter Gabriels erster Hit war eine Hymne auf den LKW-, sprich den Diesel-Fahrer. (dpa picture alliance/ Carsten Rehder)

Wie geht es weiter mit der Diesel-Technologie? Wer eine Antwort auf diese Frage sucht, sollte keine Verkehrsexperten, Politiker oder Industrievertreter fragen. Denn: In der Musik ist der Niedergang des Diesels schon vor Jahrzehnten besungen worden. Eine Glosse.

"Er fährt nen 30-Tonner-Diesel, und ist die meiste Zeit auf Tour
Und er gibt dabei sein bestes, Tag für Tag, rund um die Uhr"

Mit erhabenem Pathos singt Gunter Gabriel diese frühe Hymne auf den Diesel-Fahrer – in seinem ersten Hit aus dem Jahr 1973 wird der LKW-Fahrer als moderner Held porträtiert, als Geschöpf mit schier übermenschlichen Kräften. Es kann kein Zufall sein, dass dieses Wesen, das den 30-Tonner-Diesel pilotiert, an eine Figur aus der klassischen Mythologie erinnert: an Helios, den griechischen Sonnengott, der den Feuerwagen übers Firmament lenkt, und dabei die vier ungestümen Hengste, die das Gefährt ziehen, mit großer Kraftanstrengung und fahrerischer Virtuosität im Griff hält.

Hände aus Eisen

Taucht man ein wenig weiter ein in den Text dieses Country-Schlagers, dann erkennt man, dass bereits in dieser frühen Hymne der Abgesang auf die Diesel-Technologie enthalten ist ...

"Und seine Hände sind aus Eisen, immer dann, wenn er sein Lenkrad hält
Und für ihn zählt nur sein Diesel, denn der bringt ihm bares Geld"

Da ist zum einen das durchaus irdische Motiv des Geldverdienenmüssens, das dem Herrscher der Straße den Heldenstatus raubt. Zum anderen ist am Ende des Songs die Frau weg. Das zweite Indiz für den angekündigten Diesel-Niedergang ist die Nutzlosigkeit der Fähigkeiten, die den Diesel-Lenker auszeichnen: denn "Hände aus Eisen" braucht man heutzutage nicht mehr. Moderne LKW sind vollgestopft mit Assistenzsystemen, die aus dem unbeherrschbaren Stahl-Koloss ein sanft schnurrendes Kätzchen machen – wie es ein zeitgenössischer Autotest beschreibt:

"Unter mir der 16 Liter-Motor – oder besser: 15,6 Liter Turbo Combound mit PowerShift 3 Getriebe und dem Active Break Assist 3. Beim PowerShift 3 Getriebe zusätzlich verbaut: Predictive Powertrain Control, der vorausrechnende Tempomat."

"Ich und mein Diesel"

Country-Schlager, in denen die segensreiche Wirkung des Predictive Powertrain Control besungen wird, sucht man vergebens, dafür findet man erschütternde Beispiele, die LKW und Fahrer fast schon als Art Schicksalsgemeinschaft darstellen – wie hier in einem Lied der Schlagercountry-Gruppe Truck Stop:

"Ich und mein Diesel, wir ham’s immer noch geschafft, mit vereinter Kraft.
Ich und mein Diesel, bei Sonne, Schnee und Regen stehen wir beide unseren Mann. Ich und mein Diesel kommen immer wieder an."

Aufschlussreicher als der textliche Befund dieses Songs aus dem Jahr 1988 ist die optische Inszenierung der Band: Im Internet kann man einen Hitparaden-Auftritt der Gruppe um Günter Berndt finden. Es kostet ein wenig Überwindung, sich das anzusehen, ist aber aufschlussreich: Die Hymne an den Diesel wird von Männern vorgetragen, die sich mit Rüschenhemd, Lederweste und Sporenstiefeln als moderne Cowboys inszenieren – der Diesel, das wird hier klar, ist also nur ein Substitut, ein schlechter Ersatz für das Pferd und die damit verbundene Lagerfeuer-Romantik.

Für die Diesel-Dämmerung, die derzeit feinstaubschwer über dem Land lastet, finden sich in der Musik vergangener Jahrzehnte handfeste Indizien. Tom Astor hat einen Titel veröffentlicht, der fast wie eine Beschwörung klingt, indem er die kommende Generation der Diesel-Fahrer in das Zentrum des Liedgegenstandes stellt:

"Daddy, wenn ich groß bin, fahr ich Diesel, auch so nen Zwanzigtonner wie Du, Mein Sattelschlepper macht mich dann zum König auf der Autobahn."

Tom Astor singt hier gegen den Generationenabriss an, wie Soziologen das nennen würden – die romantische Fantasie kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich der Nachwuchs des Trucker-Gewerbes eher aus osteuropäischen Fahrschulen rekrutiert. Dazu passt, dass die Vertreter der hiesigen Automobilindustrie beim Diesel-Gipfel in der vergangenen Woche sinngemäß folgendes Rezept gegen den Vertrauensverlust gefunden haben: "Wir ändern den Bildschirmhintergrund, das muss dann reichen." Wer ernsthaft eine Technologie retten will, klingt anders.

Heldin eine Ente

Nun reden wir die ganze Zeit über Diesel-LKWs – was daran liegt, dass sich kein Textdichter die Mühe gemacht hat, ein Lied über eine Diesel-Limousine zu schreiben. Selbst in einem der bekanntesten Auto-Songs, der sabbernden Alt-Stalker-Hymne "im Wagen vor mir" von Henri Valentino, fährt die Heldin eine Ente – mithin ein Fahrzeug mit einem Ottomotor:

"Der könnt schon 100 Kilometer weg sein, Mensch fahr an meiner Ente doch vorbei
Will der mich kontrollieren oder will der mich entführen,
oder ist das in Zivil die Polizei? Ratamm, ratamm, ra-da-da-da-dammmm."

Das langsame Verglühen des Diesels – die Musik hat es längst vorausgesehen. Alle Zukunftsszenarien bleiben vage, der Fortbestand der Technologie ungewiss – oder, wie es in der Kinderserie "Thomas, die kleine Lokomotive" so passend heißt:

"Schöner Mist, Herr Diesel!"

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