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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.03.2012

Trost und Heilung im Lesen

Nina Sankovitch: "Tolstoi und der lila Sessel", Aus dem Amerikanischen von Susanne Höbel und Anke Caroline Burger, Graf Verlag, München, 2012, 288 Seiten

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Die Welt des Lesers ist groß und großartig. Man findet in ihr mehr Trost und Heilung als in der Wellness-Oase oder im Sanatorium. (Stock.XCHNG / luc sesselle)
Die Welt des Lesers ist groß und großartig. Man findet in ihr mehr Trost und Heilung als in der Wellness-Oase oder im Sanatorium. (Stock.XCHNG / luc sesselle)

Ihre älteste Schwester starb an Krebs. Ihr Tod stürzte die Autorin in einen Abgrund. Als Therapie las sie jeden Tag ein Buch: Ein Experiment und ein Exerzitium gegen die Trauer."Tolstoi und der lila Sessel" erzählt von der heilenden Kraft des Lesens, altmodisch und überzeugend.

Die amerikanische Autorin ist gelernte Juristin, Tochter polnischer Einwanderer und Mutter von vier Söhnen. Sie hat den Mann ihres Lebens gefunden, ihre "letzte Liebe" und führt ein ebenso chaotisches wie zufriedenes Familienleben, bis ihre älteste Schwester plötzlich an Krebs stirbt. Der Verlust dieser klugen und schönen Frau, die nur 46 Jahre alt wurde, stürzt sie in tiefe Trauer, der sie drei Jahre lang zu entkommen sucht, indem sie weiter funktioniert wie zuvor. Sie fühlt sich für die verzweifelten Eltern verantwortlich, für den Schmerz der anderen Schwester, will allen Trost spenden und ihren Kindern die Angst vorm Tod nehmen. Unter dieser Anspannung droht sie zu zerbrechen.

Nina Sankovitch kommt aus einer bücherbesessenen Familie. Als Kind liebte sie den örtlichen Bücherbus, stets wurde gelesen und über die Lektüre geredet. Noch am letzten Tag der Schwester hatte sie ihr Bücher mitgebracht. Sie erinnert sich an deren Liebe für bestimmte Krimiautoren, an gemeinsame Lektüren und die verbindende Überzeugung: "Jedes Buch kann dein Leben verändern".

Dieses Motto steht über dem Lese-Experiment, das die verzweifelt Trauernde wagt: Jeden Tag ein Buch lesen, jeden Tag einen Text über die Lektüre ins Netz stellen. Die Bücher dürfen nicht dicker als 2,5 Zentimeter sein. Das ist das einzige Ausschlusskriterium. Ansonsten sind alle Genres erlaubt, es gibt keinen auferlegten Anspruch, keine Spur, die sie verfolgt. "Seit drei Jahren trug ich schwer an dem Wissen um den Tod meiner Schwester, und ich wusste, dass es kein Mittel gegen meine Trauer gab. Ich hoffte nicht auf Linderung. Ich wollte Antworten. Bücher würden die Frage beantworten, die mich quälte: warum ich es verdiente, zu leben. Und wie ich leben sollte. Mein Lesejahr sollte mein Ausweg zurück ins Leben werden."

Dass und wie die Autorin es schafft - trotz Kinderbetreuung und Haushalt - durchzuhalten, was sie erlebt in dem lila Sessel, der zum Lese-Rückzugsort wird, davon erzählt sie in diesem sympathischen Buch, das nicht etwa nur ihre Netz-Rezensionen versammelt. Sie schreibt vielmehr über frühe Lektüre-Erinnerungen, über das Verhältnis zu ihrer älteren Schwester, über das Schicksal der Eltern, über eigene Liebesgeschichten und - natürlich auch - die Bücher, die sie liest und liebt. Sie ist keine professionelle Rezensentin, man muss auch keinesfalls ihre Begeisterung teilen, die sie mühelos sowohl einem Bestseller wie "Die Eleganz des Igels" entgegenbringt wie einer Erzählung von Edith Wharton. Es geht nicht um die einzelnen Titel, es geht vielmehr um die Leidenschaft fürs Lesen, um die Kraft der Bücher. Ihr Bericht über dieses Lektüre-Jahr beglaubigt sie auf ebenso altmodische wie entschiedene Weise. Die Welt des Lesers ist groß und großartig. Man findet in ihr mehr Trost und Heilung als in der Wellness-Oase oder im Sanatorium. In diesem Sinn ist dieses Buch im besten Sinn des Wortes Lebenshilfe. Und die Liste der in einem Jahr - von Oktober 2008 bis Oktober 2009 - gelesenen Bücher ist im Anhang abgedruckt.

Besprochen von Manuela Reichart

Nina Sankovitch: Tolstoi und der lila Sessel
Aus dem Amerikanischen von Susanne Höbel und Anke Caroline Burger
Graf Verlag, München, 2012
288 Seiten, 16,99 Euro

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