Tropenmediziner zu Human-Challenge-Studien

    "Tausendmal besser als Tierversuche"

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    Porträtaufnahme von Peter Kremsner, Direktor des Instituts für Tropenmedizin am Universitätsklinikum Tübingen.
    Mit kontrollierten Infektionsstudien könnten Impfstoffe und Medikamente schneller erforscht werden, meint Peter Kremsner. © imago images / ULMER Pressebildagentur
    Peter Kremsner im Gespräch mit Stephan Karkowsky · 10.03.2021
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    Ethisch fragwürdig, medizinisch sinnlos: An der britischen Praxis, junge Freiwillige zu Forschungszwecken mit Covid-19 zu infizieren, entzündet sich hierzulande viel Kritik. Der Tropenmediziner Peter Kremsner hält sie dagegen für sinnvoll.
    Gezielt werden in Großbritannien im Rahmen einer sogenannten "Human-Challenge-Studie" junge Freiwillige mit dem Coronavirus infiziert, um weitere Aufschlüsse über die Verbreitung des Virus zu bekommen. An diesem Vorgehen entzündet sich viel Kritik: Menschenversuche, die medizinisch sinnlos und ethisch nicht vertretbar seien, heißt es.
    Dabei seien humane kontrollierte Infektionsstudien eigentlich "normale Praxis", entgegnet Peter Kremsner, Direktor des Instituts für Tropenmedizin am Universitätsklinikum Tübingen.

    Eine "normale Praxis"

    So würden seit zehn Jahren an der Universität Tübingen solche Versuche mit Malariaparasiten gemacht. Damit habe man "sehr gute Erfolge erzielt in der Medikamenten- und Impfstoffentwicklung", betont der Mediziner. "Das ist nicht verboten in Deutschland. Wir sind zwar die einzigen, die das bisher machen, und in der Europäischen Union ist das jetzt nicht unbedingt üblich, aber in den USA und in Großbritannien wird das sehr viel gemacht."
    Kremsner sieht in solchen Studien ein Werkzeug, "mit dem man die Medizin sehr, sehr gut voranbringen kann". Denn man könne so neue Medikamente und Impfstoffe testen, ohne große Zahlen von Menschen möglicherweise damit verbundenen Gefahren auszusetzen. "Dann kann man auch diese Phase 3, diese Zulassungsstudien, ganz anders planen und man hat insgesamt gesehen ein niedrigeres Risiko, als würde man jetzt nur mit Tierversuchen zum Beispiel, die uns sehr, sehr häufig in die Irre leiten, in die klinischen Studien gehen."

    Kaum Risiko für die Probanden

    Das Risiko für die Probanden solcher kontrollierter Infektionsstudien hält der Tropenmediziner für minimal. Nach seiner Kenntnis sei "bisher noch niemand von Zehntausenden, die schon mit wirklich tödlichen Erregern auch infiziert wurden, gestorben oder schwer erkrankt".
    Bei den Covid-19-Studien komme noch hinzu, "dass hier natürlich nur sehr junge Probanden genommen werden, die praktisch ein Nahe-Null-Risiko haben, an Covid-19 schwer zu erkranken und zu versterben". Die an diesen Personen gewonnenen Erkenntnissen könne man dann extrapolieren und auf andere Altersgruppen ableiten - und zwar "tausendmal besser als durch Tierversuche".

    Der Curevac-Impfstoff wäre schneller auf dem Markt

    Derzeit leitet Kremsner die Zulassungsstudie für den Impfstoff der Tübinger Firma Curevac. Diese sei allerdings nicht als kontrollierte Infektionsstudie angelegen, sondern als klassische klinische Studie.
    "Aber hätten wir das machen können, dann wären wir schneller gewesen", sagt Kremsner. "Da wären wir schon durch und hätten auch schon die Antwort, was die Wirksamkeit des Impfstoffs betrifft."
    (uko)
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