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Politisches Feuilleton / Archiv | Beitrag vom 15.01.2020

Trolle, Social Bots, Deep FakesWie Fake News unser Gefühl für Wahrheit untergraben

Gedanken von Bernhard Pörksen

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Eine Grafik zeigt ein Durcheinander von vielen Pfeile, auf denen Fragewörter wie "Who", "What", "When" und "How" stehen. (imago / Ikon Images / Ben Miners)
In Frankreich und Großbritannien glauben mindestens 75 Prozent der Bürger, dass sie mit Falschmeldungen konfrontiert seien. (imago / Ikon Images / Ben Miners)

Gefälschte Nachrichten und Videos haben über den Einzelfall hinaus eine fatale Wirkung, meint der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen. Denn sie lösen bei vielen Menschen eine generelle Verunsicherung darüber aus, was echt und was gefälscht ist.

Es lohnt sich, einen Moment an den Turing-Test zu erinnern, dieses aus der Ur- und Frühgeschichte des Computerzeitalters stammende Experiment, das der Mathematiker Alan Turing erfunden hat. Worum geht es?

Turings Testfrage lautet: Sind Maschinen intelligent? Und das Setting, um diese Frage zu beantworten, sieht folgendermaßen aus: Da ist ein kommunizierendes Etwas, eine nicht näher bestimmte Entität, die hinter einem Vorhang hockt. Handelt es sich um einen Menschen oder um eine Maschine? Das ist unklar, denn man kann dieses Etwas nicht sehen, aber sehr wohl mit ihm sprechen. Und wenn man selbst den Eindruck hat, es handele sich um einen Menschen, man es jedoch faktisch mit einer Maschine zu tun hat, dann muss man dieser Maschine Intelligenz zusprechen, so die Idee.

Der Turing-Test stammt aus dem Jahre 1950. Er ist alt, aber doch hochaktuell. Ich behaupte: Es handelt sich hier um das entscheidende Denkmodell, um zu verstehen, wie all die Berichte über gefälschte Nachrichten und systematische Desinformation, gekaufte Trolle und Social Bots in der vernetzten Gesellschaft wirken – nämlich als eine systematische Destabilisierung des Wahrheitsempfindens. Sie befördern eine Stimmung der gefühlten Manipulation, die man als "Fake-Gefühl" bezeichnen könnte.

Das Spiel mit der Realität

Und tatsächlich ist die Macht dieses Gefühls längst empirisch belegbar. Mehr als die Hälfte der Deutschen meint, dass sie verfälschten Nachrichten ausgesetzt werde, ein Drittel konstatiert: Man könne die unwahren Informationen nur noch sehr schwer erkennen.

In Frankreich leben 80 Prozent der Bürgerinnen und Bürger in dem Glauben, dass man sie mit Falschmeldungen konfrontiert, in Großbritannien sind dies 75 Prozent. Besonders deutlich wird der allmähliche Stimmungswandel in Richtung des großen Verdachts am Beispiel von Deepfake-Videos. Das sind durch Software manipulierte, mitunter täuschend echt wirkende Filmchen.

Entstanden ist das Spiel mit der Realität in Netz-Foren wie Reddit. Hier präsentierte schon 2017 ein anonymer Nutzer Pornofilme, die angeblich Schauspielerinnen beim Sex zeigten. Andere griffen das Prinzip der Montage auf, montierten Köpfe auf Körper und ließen Prominente nach Belieben pöbeln und fluchen. Und seitdem hat sich die Technik schrittweise verbessert. Computerwissenschaftler prophezeien, dass damit die Zeit des authentischen Video-Beweises zu Ende geht, weil man seinen Augen nicht mehr zu trauen vermag. Aber erneut: Die mehr oder minder perfekte Einzelfälschung ist aus meiner Sicht nicht das Entscheidende. Wirkmächtiger, gesellschaftsprägender ist das Fake-Gefühl, jene von Ad-hoc-Spekulationen und Verunsicherung geprägte Atmosphäre, die längst reale Folgen hat.

Ein Deep Fake-Gerücht löst einen Putsch aus

Nur ein einziges Beispiel, dieses Mal aus einem Staat in Zentralafrika: Als der Präsident von Gabun, Ali Bongo, im Dezember 2018 – nach einem Schlaganfall und nachdem er monatelang nicht öffentlich auftrat – eine Ansprache hielt, waren viele Menschen beim Anschauen des Facebook-Videos verdutzt. Warum schaut Ali Bongo so starr, wieso blinzelt er kaum? Gerüchte kursierten. Der Mann sei vielleicht schon tot, so hieß es aus den Reihen seiner Gegner. Und das ganze Video ein Deepfake.

Die Folge des nicht weiter belegten Verdachts: ein Putschversuch des Militärs, der missglückte. Ali Bongo ist bis heute an der Macht. Und die Erkenntnis: Wenn Menschen Kommunikation als potenziell manipuliert definieren, dann hat dies Folgen in der wirklichen Welt. Das Fake-Gefühl destabilisiert im Extremfall ganze Gesellschaften.

Wie kommt man da raus? Es gibt kein Schnell-Schnell-Rezept, aber doch einen Weg. Und der heißt Medienbildung. Je mächtiger die Stimmung der gefühlten Manipulation, desto wichtiger ist es, in den Schulen und den Universitäten des Landes, die Auseinandersetzung mit der ungeheuren Irrtumsanfälligkeit des Menschen auf die Lehrpläne zu setzen. Man wird deshalb nicht jede Fälschung erkennen und den modernen Turing-Test stets korrekt auflösen können, das gewiss nicht. Aber es braucht eine Immunisierung des Verstandes. Und es braucht die tatsächlich informierte, rational fundierte Skepsis, die Medienmündigkeit auf der Höhe der digitalen Zeit.

Bernhard Pörksen (Bild: Peter-Andreas Hassiepen)Bernhard Pörksen (Bild: Peter-Andreas Hassiepen)Bernhard Pörksen, Jahrgang 1969, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Er studierte Germanistik, Journalistik und Biologie in Hamburg. Unter anderem veröffentlichte er gemeinsam mit Hanne Detel das Buch "Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter" (Herbert von Halem Verlag, 2012), sowie "Die große Gereiztheit. Wege aus der kollektiven Erregung" (Hanser, 2018).
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