Troge: "Jeder hat Anspruch auf möglichst wenig Klimawandel"

Moderation: Marie Sagenschneider · 17.10.2007
Der Präsident des Umweltbundesamtes, Andreas Troge, hat den Vorstoß von Bundeskanzlerin Angela Merkel begrüßt, die zulässigen CO2-Emissionen künftig nach der Einwohnerzahl eines Landes zu bemessen. Das Modell einer CO2-Kopfpauschale ermögliche einerseits, die Schwelleländer mit ins Boot zu holen, zum anderen impliziere es mehr Gerechtigkeit: "Jeder hat den Anspruch auf möglichst wenig Klimawandel", sagte Troge.
Sagenschneider: Die Weltklimakonferenz in Bali rückt näher. Im Dezember sollen und müssten dort auch die Weichen gestellt werden für die Nach-Kyoto-Protokoll-Zeit. Wie kann es dann weitergehen? Was muss getan werden, um den Klimawandel Einheit zu gebieten? Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte bei ihrem jüngsten Asienbesuch eine Idee aufgegriffen, die - davon jedenfalls gehen deren Verfechter aus - einen Kompromiss zwischen den Industrie- und Schwellenländern herstellen könnte: eine Art Kopfpauschale für den Klimaschutz. Danach sollen die zulässigen Kohlendioxidemissionen künftig nach der Einwohnerzahl eines jedes Landes bemessen werden. Für jeden Menschen auf dieser Erde würde dann das gleiche CO2-Limit gelten. Klingt einfach, aber ist es auch praktikabel? Darüber wollen wir nun hier im Deutschlandradio Kultur mit Andreas Troge sprechen, dem Präsidenten des Umweltbundesamtes. Herr Troge, ich grüße Sie!

Andreas Troge: Guten Morgen, Frau Sagenschneider!

Sagenschneider: Was halten Sie von dieser Idee?

Troge: Ich halte die Idee für gut und zwar aus zwei Gründen. Erstens, es ist erst einmal Ausdruck einer gewissen Moral, die dem Motto folgt, die Industrieländer haben über fast 200 Jahre die Erdatmosphäre aufgeladen mit Treibhausgasen und sehen sich in einer besonderen Verpflichtung, auch runterzugehen. Es ist auch eine verhandlungstaktisch, wie ich finde, kluge Idee, sich, wenn auch in weiter Ferne liegend, einen Fixpunkt zu nehmen und zu sagen, in diese Richtung wollen wir hingehen. Die Überlegung der Bundeskanzlerin ist, glaube ich, nicht so zu verstehen, als würden wir 2030 alle nur noch zwei Tonnen pro Kopf an Treibhausgasen ausstoßen dürfen. Aber es ist ein ganz wesentlicher Punkt, um auch die sich entwickelnden Länder in den internationalen Klimaschutz hereinzuziehen.

Sagenschneider: Das heißt, auf der einen Seite würde man die Schwellenländer damit ins Boot holen, weil auch dieses Modell mehr Gerechtigkeit schaffen würde?

Troge: Ja, ganz sicher! Wir müssen uns einfach vorstellen, dass gleiche Emissionen pro Kopf bedeuten, dass wir implizit sagen, jeder hat den gleichen Anspruch auf möglichst wenig Klimawandel. Denn die Klimafolgen, die uns bedrohen, würden, insbesondere in den ärmeren Teilen der Welt, besonders gravierend seien. Insofern ist es ein Angebot an die Schwellenländer, aber auch darüber hinaus an diejenigen Länder, die noch nicht an der Schwelle zu einem deutlich steigenden Pro-Kopf-Einkommen stehen, beim internationalen Klimaschutz aktiv mitzumachen.

Sagenschneider: Und ausgelöst werden die Folgen des Klimawandels natürlich in erster Linie in den Industrieländern. Für die würde es ja dann eine gewaltige Anstrengung bedeuten. Denn sie müssten ordentlich und überproportional abspecken. Es gibt Wissenschaftler, die sagen, die USA müssten ihre Emission bis 2050 um 90 Prozent senken, die EU um 80 Prozent. Das hört sich eigentlich nicht so an, als könnte man das schaffen?

Troge: Das hat schon die Klima-Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages Anfang der 90er Jahre gesagt: Die Industrieländer müssen um 80 Prozent runter, in den USA etwas mehr. Insofern ist das kein neues Regime, es hat nur einen neuen Maßstab, nämlich zwei Tonnen pro Kopf und Jahr. Und ich glaube, wir haben guten Chancen, dies in den Industrieländern zu erreichen. Allerdings nur, wenn wir die Länder, sagen wir mal in der Kante 2030, 2040, auch mit anspruchsvollen Zielen mitnehmen im internationalen Klimaschutz, die dann auch Industrieländer sein werden.

Sagenschneider: Aber man fragt sich ja, was dann geschehen muss konkret, damit das gelingen kann?

Troge: Nichts ist einfach in diesem Bereich. Aber stellen wir uns mal vor, wir würden heute sagen zum Einstieg, jeder hat drei Tonnen pro Kopf rechnerisch frei an CO2-Emissionen. Dann hätten bestimmte Länder, die darunter liegen, einen Vorteil. Und jetzt wäre die Frage, kann man das über Emissionshandel, also über verkäufliche Zertifikate für diese Länder attraktiv machen. Die könnten dann noch, wenn sie noch nicht die drei Tonnen erreicht haben, Zertifikate veräußern und hätten insofern einen Wohlfahrtsgewinn an die Industrieländer veräußert, die jetzt erst auf dem Weg nach unten sind mit ihren Pro-Kopf-Emissionen.

Übrigens, wer jetzt darüber streitet, wird das für die Industrieländer zu teuer, dem rufe ich gerne zu: Wenn wir die weniger entwickelten Länder und die Schwellenländer dazu bringen wollen mitzumachen, dann werden die jetzigen alten Industrieländer auch Geld in Hand nehmen müssen, um sie zu unterstützen, dabei etwa energieeffiziente Technik und regenerative Energien einzusetzen in diesen Ländern. Und wir werden darüber hinaus auch Unterstützung leisten müssen, damit sich diese Länder an die Klimafolgen, Stichwort etwa Dürren, anpassen können.

Sagenschneider: Das mit dem Emissionshandel klingt schön. Und im kleineren Kreis funktioniert das ja auch schon. Aber wird das reichen? Oder müsste man nicht auch über andere Maßnahmen nachdenken wie Steuern? Denn es ist ja denkbar, dass man entweder den Ausstoß von Kohlendioxid besteuert oder den Kohlenstoff selbst zum Beispiel?

Troge: Ja. Über die Kohlendioxidsteuer haben wir schon lange nachgedacht und zwar unter dem Stichwort Aufhebung der Ausnahmen für die Kerosinbesteuerung von der Mineralölbesteuerung. Wie wir alle wissen, ist da nichts entstanden. Ich glaube, wir haben mit dem Emissionshandel mehr Erfahrungen, als mit einer Steuer. Sehen Sie, bei einer Steuer müssten Sie erstmalig ein internationales Finanzregime aufbauen, das gewährleistet, dass zumindest Teile des Steueraufkommens dann in die Entwicklungshilfe oder unmittelbar an die Länder fließen, die es bekommen sollen. Beim Emissionshandel haben wir schon gewisse Erfahrungen, etwa in der Europäischen Union, demnächst auch in den Vereinigten Staaten, wie man das Aufkommen aus dem Verkauf der Zertifikate zusammenfasst und dann auch an die Länder weiterleiten könnte.

Sagenschneider: Aber ist der Emissionshandel nicht auch immer so ein Schlupfloch, dass der Einzelne sein Verhalten gar nicht groß ändern muss? Man kann ja dann sagen, na gut, dann kaufen wir das einfach auf und dann ist es ausgeglichen und gut ist.

Troge: Nein. Ich glaube nicht, dass wir dieses Risiko haben. Kurzfristig ja. Aber wir müssen sehen. Der Emissionshandel ist ja nicht ein Handel auf Basis des Status Quo, also all dessen, was wir heute ausstoßen, sondern der Emissionshandel hat ja nur dann klimapolitisch einen Sinn, wenn von Jahrzehnt zu Jahrzehnt oder von Jahrfünft zu Jahrfünft die jährliche Tonnage an Treibhausgasemissionen sinkt. Sonst würden wir bei der alten Situation bleiben und nichts gegen den Klimawandel tun. Deshalb werden die Zertifikate in den nächsten Jahren immer wertvoller. In den Industrieländern, wo wir relativ weit entwickelte Techniken des Energiesparens anwenden können und auch erneuerbare Energien, wird sich jeder fragen, ist es besser, mehr Zertifikate zu kaufen, die ja im Preis steigen, oder ist es besser, in energiesparende Techniken oder in erneuerbare Energien zu investieren. Und dieselbe Überlegung werden auch die weniger entwickelten Länder machen.

Sagenschneider: Was bedeutet das dann für den Einzelnen? Kann man den Mallorca-Urlaub gleich streichen, weil man mit dem einen Flug schon sein Jahresbudget an CO2-Ausstoß ausgeschöpft hätte? Wenn man das jetzt mal ernst nimmt mit "gleiches Limit für alle"?

Troge: Ja, sagen wir mal, es kommt in der Kante 2050 die Boje, die wir in der Fahrrinne des Klimaschutzes anvisieren. Kurzfristig wird es so nicht sein. Ganz abgesehen davon, dass gerade, weil der Ausstoß an Treibhausgasen teurer wird, hier CO2, natürlich sich auch Wesentliches in der Technik, etwa im Energiebedarf des Flugverkehrs, tun wird. Das bleibt nicht alles so, wie es ist. Und ich vertraue darauf, dass freie Gesellschaften und offene Marktwirtschaften hier neue Wege entwickeln. Und das zeigt auch die Vergangenheit, dass das geht.

Sagenschneider: Das heißt, Herr Troge, Sie glauben, dass dieses Modell durchaus eine Chance hat, jemals Wirklichkeit zu werden?

Troge: Ich glaube ja. Es hat natürlich auch einen Haken. Denn wir müssen praktisch für jeden Staat eine verlässliche Berichterstattung haben, also eine Erfassung der jährlich ausgestoßenen Treibhausgase, damit wir auch kontrollieren können, was dabei rauskommt.

Sagenschneider: Und da sind wir schon wieder bei einer globalen Behörde, die das wieder alles kontrollieren muss.

Troge: Die muss nicht global sein. Aber wir haben schon solche Ansätze im internationalen Klimasekretariat, bei denen alle Industrieländer, die sich bisher verpflichtet hatten nach dem Kioto-Protokoll, die Emissionen zu mindern, ihre jährlichen sogenannten Treibhausgasemissionsbilanzen abliefern müssen. Und die haben auch richtige Verifikationsteams, die prüfen also, wie kamen die Zahlen zustande. Da können sie nicht irgendetwas abliefern nach dem Motto: Und jetzt haben wir eine schöne Presseerklärung abgesetzt.
Andreas Troge, Präsident des Umweltbundesamtes
Andreas Troge, Präsident des Umweltbundesamtes© AP