Streit ums Trinkwasser

Münchner Durst

07:56 Minuten
Der Seehamer See im oberbayerischen Mangfalltal.
Sauberes Trinkwasser aus dem Mangfalltal: Streitobjekt beim Konflikt zwischen Großstädtern und Landbevölkerung. (Symbolbild) © Imago / Imagebroker / Günter Lange
Von Michael Watzke · 29.11.2021
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München braucht täglich 1,3 Millionen Badewannen voll Trinkwasser. Das kommt aus dem Alpenvorland. Aber weil die Landeshauptstadt immer größer wird, braucht sie auch immer mehr davon. Das sorgt für Streit mit Landkreisen und Bauern im Mangfalltal.
Das Münchner Leitungswasser sei eines der besten und saubersten in Europa, behaupten die Münchner stolz. Es kommt aus dem Mangfalltal. Das südöstlich der Landeshauptstadt liegende Gebiet gehört zur Gemeinde Miesbach. Dort ist man sauer auf die Stadtwerke München (SWM).
Die Stadt Miesbach, die Gemeinden Warngau und Valley und mehrere Landwirte wehren sich mithilfe einer Münchner Anwaltskanzlei gegen den immer größeren Wasserdurst der wachsenden Millionen-Metropole.
Rechtsanwalt Benno Ziegler sagt, man wolle München durchaus nicht den Wasserhahn zudrehen: „Die Stadtwerke beziehen seit über 110 Jahren ihr Wasser aus dem Mangfalltal. Wir wollen das nicht infrage stellen. Es ist für uns in Ordnung. Auch ich selbst beziehe Wasser aus dem Mangfalltal, wenn ich morgens dusche. Aber auf Basis des heutigen Rechts, auf Basis eines sauberen rechtsstaatlichen Verfahrens.“

Das Recht der Stadt München auf sauberes Wasser

Dieses Verfahren sei derzeit nicht annähernd so sauber wie das Trinkwasser aus ihrer Region, behaupten die Miesbacher. Denn die Regierung von Oberbayern drohe dem Landratsamt, den Vorgang widerrechtlich an sich zu reißen, damit es schneller vorwärtsgehe.
Die Stadtwerke München dagegen sagen, eigentlich müsse der Freistaat Bayern bereits seit 1964 eine "weitere Schutzzone" zusätzlich zum Wasserschutzgebiet Mangfalltal ausweisen. Doch das zuständige Landratsamt Miesbach blockiere das Verfahren seit Jahrzehnten.
Gar nicht wahr, protestiert Landrat Olaf von Löwis (CSU). "Ich gehe auch davon aus, dass die Rechte der Stadt München hier sehr hoch einzuschätzen sind und dass die natürlich ihr sauberes Trinkwasser haben sollen, auch in der Menge, die sie brauchen. Das geht natürlich über die Erweiterung der Wasserschutzzone. Aber es muss sauber gemacht sein."

Pestizide und Nitrate aus der Landwirtschaft

Jeder wünscht sich Sauberkeit – vor allem beim Trinkwasser. Und das werde immer schwieriger, klagt Christian Hierneis, umweltpolitischer Sprecher der bayerischen Grünen. „Wir haben in Bayern – wie überall in Deutschland – Probleme mit dem Trinkwasser, weil unser Grundwasser immer weniger wird, aus dem das Trinkwasser gewonnen wird", erläutert er. "Das kommt durch die Trockenzeiten, durch den Klimawandel."
Gleichzeitig sei das immer weniger werdende Trinkwasser zum Teil stark verschmutzt. "Durch alle möglichen Einträge, vor allem durch Pestizide und Nitrat aus der Landwirtschaft. Dagegen müssen wir einiges tun. Das kommt auch durch die großen Tierställe, die wir haben, durch die Massentierhaltung und Ähnliches. Da müssen wir Wege finden, unser Wasser sauber zu halten, weil es in Teilbereichen als Trinkwasser überhaupt nicht mehr nutzbar ist."

Kuhdung im Mangfalltal-Wasser?

So wie im Februar 2020, als die Stadtwerke München eine Verschmutzung in einem ihrer Trinkwassersammelbecken feststellten. Verursacht angeblich durch tierische Hinterlassenschaften. Auf gut Deutsch: Kuhkacke aus dem Mangfalltal.

Auch in Hamburg werden mit der Region Nordheide heftige Kämpfe um das Trinkwasser ausgefochten.
Die Hanseaten verbrauchen immer größere Mengen. Gerhard Schierhorn hat sich dort umgehört.

Kann gar nicht sein, sagt Anwalt Ziegler, der auch die drei Bauern vertritt, die in der Trinkwasserzone Landwirtschaft betreiben: "Im Februar sind keine Kühe auf der Weide. Damit müssen es andere Ursachen sein. Darum wundern wir uns alle, warum die Kühe verantwortlich sein sollen für die Verschmutzung."
Ohnehin hätten die Bauern auf Biolandwirtschaft umgestellt. Sie dürfen nur zwei Kühe pro Hektar halten, also knapp ein Fußballfeld pro Kuh. Dafür erhalten die Bauern eine Entschädigung der Stadtwerke München. Ihre Angst: Wenn die Wasserschutzzone erweitert wird, seien sie in ihrer Existenz bedroht.
Denn Landrat von Löwis hat von der vorgesetzten Behörde nun die Anweisung dafür bekommen. "Ich solle ein Dünge- und Beweidungsverbot in diesen zu erweiternden Flächen erlassen", berichtet er. "In diesen Gesprächen mit den Oberbehörden darüber habe ich meine Bedenken geäußert. Weil dieses Dünge- und Beweidungsverbot eines der wesentlichen Bestandteile des Erweiterungsverfahrens ist. Das vorwegzunehmen, würde die Betroffenen maßgeblich verunsichern.“

Petition der Landwirte

Von Löwis müsste das Verbot spätestens am 1. Dezember erlassen. Er zögert aber und hofft auf den bayerischen Landtag. An den haben die Bauern und die umliegenden Städte und Gemeinden eine Petition geschickt, mit der Bitte um Aufschub. Die mögliche Ausweisung eines neuen Wasserschutzgebietes solle in Ruhe und ohne Zeitdruck vom Landratsamt Miesbach entschieden werden, nicht von der Regierung von Oberbayern.
Im Petitionsausschuss sitzt auch der grüne Landtagsabgeordnete Hierneis. Er plädiert für mehr Gespräche. Man müsse auf Augenhöhe miteinander reden. Hierneis fordert aber auch, "dass wir deutlich mehr Wasserschutzgebiete in Bayern ausweisen. Wir haben nur fünf Prozent der Landesfläche als Wasserschutzgebiet. Im Bundesdurchschnitt sind es zwölf Prozent. Es gibt Bundesländer wie Hessen mit fast 50 Prozent. Also, wir müssen tatsächlich mehr ausweisen. Aber das muss natürlich auch im Einklang mit der Bevölkerung vor Ort geschehen.“

Unter Druck gesetzt

Die Auseinandersetzung zwischen München und Miesbach ist aber mehr als ein Streit ums Wasser. Auch wenn Landrat von Löwis nicht von einem grundsätzlichen Stadt-Land-Konflikt sprechen will, so sagt er doch: "Tatsächlich fühlen sich einige Bevölkerungsteile bei uns durch die städtischen Belange ein bisschen unter Druck gesetzt. Das haben wir in Coronazeiten auch mit dem Tagestourismus hautnah erleben müssen."
Er fügt erläuternd hinzu: "Die Stadt München wächst, dehnt sich aus, Metropolregion. Der Einfluss ist enorm. Die Grundstückspreise steigen nicht zuletzt auch deswegen, weil viele aus der Stadt rausziehen. Der Tourismus, der teilweise hier die Straßen verstopft und das Gelände manchmal ein bisschen in Mitleidenschaft zieht, ist auch nicht immer ideal. Aber wir kommen gemeinsam voran."
Schließlich profitiere Miesbach auch von München, sagt von Löwis, der irgendwie zwischen den Stühlen sitzt. Sein Vorgänger Wolfgang Rzehak, der erste grüne Landrat Bayerns, ist nicht zuletzt deshalb abgewählt worden, weil er sich im Wasserstreit aus Sicht der Miesbacher zu sehr auf die Münchner Seite geschlagen hat.

Es kann nicht so weitergehen

Aus dem bayerischen Landtag hört man, dass der Petitionsausschuss mit seiner Mehrheit aus CSU und Freien Wählern den Miesbachern voraussichtlich entgegenkommt, um Druck aus dem Wasser-Kessel zu nehmen.
Andererseits gibt es Stimmen, vor allem aus München, die sagen: Eigentlich kann diese Hinhaltetaktik nicht weitergehen. Irgendwann müsse der Landrat eine Entscheidung treffen, und die könne nur pro Wasserschutzgebiet ausfallen. Auch wenn das für die umliegenden Städte und Gemeinden bedeute, dass sie auf den Schutzflächen keine Wohn- oder Gewerbegebiete ausweisen dürfen.

Anderenorts nach Wasser suchen

Anwalt Ziegler dagegen, der die Gemeinden vertritt, hält es für durchaus denkbar, dass die Stadt München ihren steigenden Durst in Zukunft nicht nur aus Miesbacher Quellen stillen darf, sondern auch anderswo nach Trinkwasser suchen muss. "Uns ist wichtig: ein rechtsstaatliches Verfahren, nicht ein Selbsteintritt der Regierung von Oberbayern. Wenn es zum Selbsteintritt kommt, werden wir selbstverständlich die Gerichte bemühen.“

Dann könnte sich der Miesbacher Wasserstreit noch ein weiteres Jahrzehnt hinziehen. Man fühlt sich unweigerlich an den Komiker Heinz Erhardt erinnert, der einst dichtete:

„Es ist gewiss was Schönes dran
am Element, dem nassen
weil man das Wasser trinken kann
man kann’s aber auch lassen.“

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