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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 18.03.2019

Trendwende bei Ost-West-Wanderung Warum Mecklenburg-Vorpommern attraktiv ist

Von Silke Hasselmann

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Der Leuchtturm von Hiddensee in einer grünen, hügeligen Landschaft mit Wolken am Himmel. (imago / blickwinkel / F. Herrmann)
Wohnen, wo andere Urlaub machen - zum Beispiel auf Hiddensee. (imago / blickwinkel / F. Herrmann)

Nach der Wiedervereinigung zogen viele Menschen in die alten Bundesländer. Jetzt spricht das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung von einer Trendwende. 2017 sind erstmals mehr Menschen aus West nach Ost gezogen, auch nach Mecklenburg-Vorpommern.

"Guck mal da: Zwei Seeadler!" – "Wo denn?" – "Hier links! Sind beides Junge. Das sieht man nicht jeden Tag, auch wenn es hier mehr Seeadler gibt als woanders."

Unterwegs im größten Landkreis Deutschlands: Mecklenburgische Seenplatte. Auch Wolfgang Dehne aus Löhne hat in dieser dünnbesiedelten Gegend oft Urlaub gemacht. Bis er Rentner wurde. Da ist er geblieben, was seine alten Tenniskumpels bis heute sagen lässt:
 

"Wie hältst du das nur aus, da kurz vorm Ural? Ist ja so. Ich komme ja nun aus Ostwestfalen, und die Hektik, die da ist, die gibt es hier nicht. Und wenn man Rentner ist, kann man hier sehr gut leben, weil die Leute nett sind. Man kriegt schnell Kontakt. Hier würde ich nicht wieder weggehen." 

Mecklenburg-Vorpommern hat zur Trendwende beigetragen

Wolfgang Dehnes Umzug ist damit Teil dessen, was das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung kürzlich als Trendwende in der Abwanderung bezeichnete. 2017 gab es 4000 Umzüge mehr vom Westen in eines der fünf ostdeutschen Flächenländer als umgekehrt. Vor allem Mecklenburg-Vorpommern habe zu dem "positiven Wanderungssaldo" beigetragen.
 
"Also überrascht sind wir von dem Trend gar nicht, ganz im Gegenteil", sagt Christin Holter von "mv4you". Das Online-Jobportal für Fach- und Führungskräfte wurde 2001 ins Leben gerufen, als die Wanderungsverluste einen letzten Höhepunkt erreichten. "mv4you" wird vom Wirtschaftsministerium mitfinanziert und berät Menschen, die mit dem Gedanken spielen, nach Mecklenburg-Vorpommern zurückzukehren oder sich hier erstmalig ein Leben aufzubauen. 

"Es ist erstaunlich gerade in den letzten drei, vier Jahren, wie häufig wir Anfragen bekommen auch von Menschen, die sich sozusagen in das Land verliebt haben auf einer Urlaubsreise – und die dann entschieden haben: Es gefällt uns einfach so gut. Wir möchten unseren Lebensmittelpunkt komplett nach Mecklenburg-Vorpommern verlagern."

Der Nordosten bietet berufliche Perspektiven

Habe der wenig industrialisierte und kaum zersiedelte Nordosten bislang vor allem westdeutsche Ruheständler angezogen, kämen nun immer mehr jüngere Menschen, ergänzt die Schwerinerin, die selbst nach vier Jahren Hamburg nach Hause zurückkehrte. Der Nordosten, der mit den Slogans "MV tut gut" und "Ein Land zum Leben" wirbt, sei eben inzwischen auch ein Land zum Arbeiten, so Christin Holter. Das zeigten auch die derzeit 9000 Angebote für Fach- und Führungskräfte, die Firmen aus den Bereichen Biotech bis Werften auf das Jobportal von "mv4you" stellen. 

"Es gibt inzwischen auch hier in Mecklenburg-Vorpommern spannende berufliche Perspektiven, sodass wir als Land auch für Arbeitnehmer sehr viel attraktiver geworden sind. Und ein anderer wichtiger Aspekt: Die Zielgruppen, die uns am häufigsten begegnen, sind die Generationen 30 plus. Junge Menschen, die zunächst mal nach der Schule, nach dem Abschluss in andere Bundesländer gegangen sind, um zu studieren, ihre Ausbildung zu machen, sich zu qualifizieren, erste Berufserfahrungen zu sammeln, und die aber häufig, wenn es an den Punkt der Familiengründung geht, wieder zurückwollen zu den Wurzeln. Die Nähe zur Familie ist unheimlich wichtig. Also es findet sehr viel Entwicklung statt."

Entscheidend ist Stadt oder Land, nicht Ost oder West

Das beobachtet auch Frans Voss, den von Rheinland-Pfalz nach Mecklenburg zog. Genauer gesagt nach Schwerin, das er von gelegentlichen Familienbesuchen kannte. 

"Das war der ausschlaggebende Punkt: Seen drum herum. Offenes Land. Ruhiges Land. Also relativ stressbefreit."

Bald fand er hier gute Freunde und gute Arbeit im Energie- und Umweltmanagement eines großen Fleischwerkes. Das steht an der Grenze zu Schleswig-Holstein. Entsprechend gemischt die Belegschaft. Sieht Frans, was das Wohnen betrifft, nun auch einen Umzugstrend von West nach Ost? 

"Bei den jüngeren Kollegen auf jeden Fall. Also die jüngeren Kollegen, die gerade aus der Region kommen und die auch schon mal woanders waren, die kommen häufig wieder zurück, habe ich den Eindruck. Gerade wegen der geringeren Lebenshaltungskosten, Haus bauen, Kinder versorgen, Familie und so weiter. Das ist schon deutlich günstiger. Das sagen sie auch und deshalb kommen sie auch gern zurück."

Übrigens, so der 28-Jährige: Wenn es um die eigene Lebensplanung geht, sei für Nachwendegeborene wie ihn die Frage "Großstadt oder Land" entscheidend, nicht "Ex-DDR und Altbundesrepublik". Das Denken in den Kategorien Ost-West werde eher von den Medien am Leben gehalten. 

"Also den Eindruck habe ich immer wieder, dass behauptet wird, dass sich solche Klischees noch in den Köpfen verankert sind. Dunkeldeutschland im Osten und die Spießer im Westen, und Karneval da drüben. Ich komme ja aus einer Karnevalsregion. Das ist ein völlig anderer Schnack. Und dann hier Mecklenburg-Vorpommern: ein relativ ruhiges, zurückhaltendes Land. Das ist natürlich ein Mentalitätswechsel." 

Immer weniger wollen weg

Ein weiterer Grund für den veränderten Ost-West-Saldo in Mecklenburg-Vorpommern: Viele Einheimische gehen gar nicht erst weg. Darunter Medizinstudent Konrad Kretschmar. 

"Ich war natürlich auch schon mal über die Landesgrenzen hinaus, allerding nie um irgendwo anders zu leben oder zu wohnen. Ich habe bisher vier bis fünf Jahre in Greifswald gewohnt, dazwischen ein Jahr in Rostock, und ansonsten in Pinnow hier, wo ich mein Elternhaus habe."   

Der 28-Jährige möchte Neurologe an einer Schweriner Klinik werden. Ob das so klappt, ist noch nicht klar. Aber: 

"Ich habe auf jeden Fall vor hierzubleiben. Das liegt hauptsächlich daran, dass für mich der Begriff Heimat und Zuhausesein sehr an die Menschen gebunden ist. Und hier hab ich nun mal meine ältesten und meisten Freunde. Deswegen ist dies hier für mich mein Zuhause beziehungsweise meine Heimat. Und da ich mir einen Beruf ausgesucht habe, wo es mir, denke ich, nicht allzu schwer fallen wird, Arbeit zu finden, ist das zumindest schon mal kein Punkt, der mich irgendwo anders hintreiben wird. Das macht es mir auch einfacher, mich darauf einzulassen, hier sesshaft sein und zu bleiben, auf jeden Fall."

Zwar finden laut der Wanderungsstudie der Bevölkerungsforscher nur noch in der Altersgruppe der unter 29-Jährigen mehr Umzüge von Ost nach West statt als umgekehrt. Doch im Kleinen gibt es auch hier bereits den Gegentrend:  

"Gerade meine Freunde aus dem Dorf, die ich schon in der Grundschule hatte und was ein Kern von zehn Leuten ist, sind erstaunlicherweise alle direkt hiergeblieben oder, nachdem sie ihren Beruf gelernt hatten, wieder zurückgekommen und fangen teilweise an, sich Familien aufzubauen und setzen Kinder in die Welt. Und das eben hier zu Hause. Als das losging, wollte ich unbedingt dabei sein, wenn die größer werden, erwachsen werden."

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