Trend zur Fettleibigkeit
Fettleibigkeit ist auf dem Vormarsch und eine Gefahr für Wohlbefinden und Gesundheit der Bevölkerung in Industrie- und Schwellenländern. Das stellt der französische Agrarwissenschaftler Pierre Weill schon im ersten Kapitel seines Buches "Sind wir morgen alle dick?" klar und untermauert seinen Warnruf mit aktuellen Daten.
So gibt es derzeit auf der Erde mehr als 900 Millionen Übergewichtige und fast 400 Millionen Fettsüchtige. Geht der gegenwärtige Trend weiter, werden es in 20 Jahren 3,5 Milliarden Dicke sein. In Deutschland ist mehr als die Hälfte der erwachsenen Frauen und Männer bereits zu dick; die Zahl der stark übergewichtigen Kinder ist seit den 80er-Jahren massiv angestiegen.
Wer nun einen Ratgeber mit den üblichen Tipps erwartet - mehr Bewegung, weniger Fett, fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag -, darf sich von Pierre Weill überraschen lassen. Der Ernährungsexperte stellt eine simple Frage: Warum werden wir eigentlich immer dicker, obgleich es an guten Ratschlägen nicht mangelt und viele Menschen sich sogar daran halten? Für Großbritannien und Frankreich lässt sich belegen, dass die Kalorienzufuhr in den letzten 20 Jahren gesunken ist, ebenso wie der Fettverzehr. Die "bösen" tierischen Fette verschwinden wegen der Cholesterindebatte immer mehr vom Speisezettel. Dennoch nehmen Herz-Kreislauf-Erkrankungen weiterhin zu. Und die Bevölkerung wird dicker.
Bewegungsarmut und der Mangel an Ballaststoffen spielen dabei sicher eine Rolle. Doch Landwirtschaftsexperte Weill hat einen anderen Übeltäter im Fokus: Der Gehalt an Omega-3-Fettsäuren in der Nahrung ist mit der Industrialisierung der Landwirtschaft stark gesunken. Unser Körper ist auf ihre Zufuhr jedoch zwingend angewiesen, da er sie nicht selbst herstellen kann. Omega-3-Fettsäuren - genauer: das richtige Verhältnis dieser Fette zu anderen Fetten - schützen vor entzündlichen Vorgängen im Körper, beugen Herz-Kreislauf-Erkrankungen vor und haben sogar antidepressive Wirkung.
Heutige Nutztiere werden jedoch nicht mehr mit Gras, Heu und Leinsaat ernährt, was einen ausreichenden Gehalt der wertvollen Fette in Eiern, Milch und Fleisch gewährleisten würde. Sie erhalten Kraftfutter aus Mais und Soja. Selbst das Bio-Ei und Bio-Schnitzel aus mit Bio-Mais ernährten Tieren werden ernährungsphysiologisch minderwertig, wenn Omega-3-Fettsäuren fehlen. Kekse, Backwaren und Fertiggerichte bieten keinen Ersatz. Sie sind randvoll mit gehärtetem Palmfett, das unserer Gesundheit regelrecht schadet.
Pierre Weill tritt leidenschaftlich und persönlich für seine Thesen ein, die er mit kleinen Geschichten und Anekdoten anreichert. Unter dem Strich kann seine Beweisführung durchaus überzeugen und läuft vor allem nicht auf den nächsten Wundertipp hinaus. Omega-3-Wunderpillen aus Fischöl lehnt der Autor wegen der Überfischung der Meere ab. Stattdessen müssten Landwirte ihre Nutztiere wieder gesund halten und ernähren. Statt artifizieller Light-Produkte und immer neuen Diäten könne nur eine neue Wertschätzung des Essens den Fettleibigkeitstrend stoppen: schmackhaft, vielfältig, umweltverträglich und gesund produziert.
Besprochen von Susanne Billig
Pierre Weill, Sind wir morgen alle dick? - 40 Jahre Ernährungslügen, 10 Kilo Übergewicht
Übersetzt von Ruth Hochstrasser
Systemed Verlag
224 Seiten, 15,95 Euro
Wer nun einen Ratgeber mit den üblichen Tipps erwartet - mehr Bewegung, weniger Fett, fünf Portionen Obst und Gemüse am Tag -, darf sich von Pierre Weill überraschen lassen. Der Ernährungsexperte stellt eine simple Frage: Warum werden wir eigentlich immer dicker, obgleich es an guten Ratschlägen nicht mangelt und viele Menschen sich sogar daran halten? Für Großbritannien und Frankreich lässt sich belegen, dass die Kalorienzufuhr in den letzten 20 Jahren gesunken ist, ebenso wie der Fettverzehr. Die "bösen" tierischen Fette verschwinden wegen der Cholesterindebatte immer mehr vom Speisezettel. Dennoch nehmen Herz-Kreislauf-Erkrankungen weiterhin zu. Und die Bevölkerung wird dicker.
Bewegungsarmut und der Mangel an Ballaststoffen spielen dabei sicher eine Rolle. Doch Landwirtschaftsexperte Weill hat einen anderen Übeltäter im Fokus: Der Gehalt an Omega-3-Fettsäuren in der Nahrung ist mit der Industrialisierung der Landwirtschaft stark gesunken. Unser Körper ist auf ihre Zufuhr jedoch zwingend angewiesen, da er sie nicht selbst herstellen kann. Omega-3-Fettsäuren - genauer: das richtige Verhältnis dieser Fette zu anderen Fetten - schützen vor entzündlichen Vorgängen im Körper, beugen Herz-Kreislauf-Erkrankungen vor und haben sogar antidepressive Wirkung.
Heutige Nutztiere werden jedoch nicht mehr mit Gras, Heu und Leinsaat ernährt, was einen ausreichenden Gehalt der wertvollen Fette in Eiern, Milch und Fleisch gewährleisten würde. Sie erhalten Kraftfutter aus Mais und Soja. Selbst das Bio-Ei und Bio-Schnitzel aus mit Bio-Mais ernährten Tieren werden ernährungsphysiologisch minderwertig, wenn Omega-3-Fettsäuren fehlen. Kekse, Backwaren und Fertiggerichte bieten keinen Ersatz. Sie sind randvoll mit gehärtetem Palmfett, das unserer Gesundheit regelrecht schadet.
Pierre Weill tritt leidenschaftlich und persönlich für seine Thesen ein, die er mit kleinen Geschichten und Anekdoten anreichert. Unter dem Strich kann seine Beweisführung durchaus überzeugen und läuft vor allem nicht auf den nächsten Wundertipp hinaus. Omega-3-Wunderpillen aus Fischöl lehnt der Autor wegen der Überfischung der Meere ab. Stattdessen müssten Landwirte ihre Nutztiere wieder gesund halten und ernähren. Statt artifizieller Light-Produkte und immer neuen Diäten könne nur eine neue Wertschätzung des Essens den Fettleibigkeitstrend stoppen: schmackhaft, vielfältig, umweltverträglich und gesund produziert.
Besprochen von Susanne Billig
Pierre Weill, Sind wir morgen alle dick? - 40 Jahre Ernährungslügen, 10 Kilo Übergewicht
Übersetzt von Ruth Hochstrasser
Systemed Verlag
224 Seiten, 15,95 Euro
