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Kalenderblatt / Archiv | Beitrag vom 09.08.2013

Treibstoff für den Krieg

Vor 100 Jahren erhält Friedrich Bergius das Patent zur Herstellung von synthetischem Benzin

Von Arndt Reuning

Friedrich Bergius (r.) mit Prinz Karl von Schweden bei der Nobelpreis-Verleihung (picture alliance / dpa)
Friedrich Bergius (r.) mit Prinz Karl von Schweden bei der Nobelpreis-Verleihung (picture alliance / dpa)

Die Verflüssigung von Kohle und das daraus entstehende Benzin brachten dem Chemiker Friedrich Bergius 1931 den Chemie-Nobelpreis ein. Seine Erfindung wurde vor allem von den Nationalsozialisten für den Betrieb von Kriegsmaschinen genutzt. Nach dem Krieg wurde das Verfahren verboten, heute ist es lange überholt.

Der Weg zum Chemie-Nobelpreis 1931 hatte für Friedrich Bergius rund zwanzig Jahre vorher in Hannover begonnen. Damals suchte er als Mitarbeiter der Technischen Hochschule nach Möglichkeiten, schwere Erdöle zu einem benzinartigen Gemisch zu veredeln. Dazu wurde das Ausgangsmaterial bis zur Zersetzung erhitzt, um die langen Molekülketten zu zertrümmern. Unerwünschterweise bildete sich dabei allerdings Koks. Das lag daran, dass im Erdöl nicht genug Wasserstoff chemisch gebunden war. Im Jahr 1943 erklärte Friedrich Bergius, wie er das Problem bewältigt hatte:

"Der Mangel an Wasserstoff, der bei der Zersetzung der Öle eintritt, konnte, wie wir zeigten, ausgeglichen werden dadurch, dass wir unter sehr hohem Druck bei der Zersetzungstemperatur der Öle den Wasserstoff einlagerten. Hierdurch wurden die Ausbeuten bei der Ölspaltung wesentlich günstiger, und es wurde erreicht, dass keine Koksbildung eintrat."

Chemische Reaktionen bei hohem Druck, das war zu dieser Zeit noch wissenschaftliches Neuland. Die recht bescheidene Ausstattung in den Laboratorien der Hochschule bewegte den Chemiker dazu, in Hannover ein Privatlabor einzurichten. Dort wendete er dann auch das Verfahren der Wasserstoffaufnahme unter Hochdruck auf Kohle an:

"Um nun eine derartige Einlagerung von Wasserstoff in die Kohle zu erreichen, gingen wir genauso vor wie beim Mineralöl. Wir ließen also Wasserstoff unter Drucken von etwa 150 bis 200 Atmosphären auf die Kohle einwirken. Und schon unser erstes Experiment, das auf dieser Hypothese aufgebaut war, ergab, dass die Kohle den Wasserstoff aufnahm und dass sie sich in flüchtige, also gasförmige und flüssige, Kohlenwasserstoffe und sauerstoffhaltige Kohlenwasserstoffe, also in mineralölähnliche Stoffe verwandelte."

Am 9. August 1913 erhielt Friedrich Bergius das Patent auf das "Verfahren zur Herstellung von flüssigen oder löslichen organischen Verbindungen aus Steinkohle", wie es hieß. Doch die industrielle Umsetzung der Laborversuche erwies sich als kompliziert und kostspielig. Erst als Mitte der zwanziger Jahre die I.G. Farben in das Geschäft mit dem künstlich hergestellten Benzin einstieg, konnte die Kohleverflüssigung nach Bergius zur technischen Reife geführt werden. Auf besonderes Interesse stieß das Verfahren wenige Jahre später beim nationalsozialistischen Regime, das darin eine Möglichkeit sah, sich von Erdöl-Importen unabhängig zu machen. In relativ kurzer Zeit entstand eine ganze Reihe von sogenannten Hydrierwerken, die schließlich vier Millionen Tonnen Treibstoff pro Jahr herstellten und so die Kriegsmaschinerie am Laufen hielten. Nach dem Zweiten Weltkrieg untersagten die Alliierten die Kohleverflüssigung in Deutschland. Im Jahr 1980 erinnerte sich der Ingenieur Hermann Stärker an die damalige Situation:

"Zunächst mal war ein striktes Verbot der Hydrierung da, die Hydriermänner wurden ja beinahe wie Aussätzige behandelt. Wir konnten bis ´51 nichts unternehmen, bis dann durch das Petersberger Abkommen der Weg frei wurde, um die Anlagen auf die Hydrierung von Rückständen des Öls umzustellen."

Das Petersberger Abkommen beendete zwar die umfassende Demontage der Chemieindustrie in der jungen Bundesrepublik. Doch als bald darauf Rohöl wieder reichlich und billig zur Verfügung stand, rechnete sich die Umwandlung der Kohle in Treibstoff nicht mehr. Erst mit der Energiekrise in den Siebzigerjahren kam das technische Verfahren erneut auf die politische Tagesordnung. So kündigte im Jahr 1979 der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt ein umfangreiches Projekt an:

"Wir sind deshalb der Meinung, dass Bundesregierung und Industrie jetzt gemeinsam eine große Anstrengung unternehmen müssen, damit die großmaßstäbliche Erzeugung von Öl - von Benzin und von Gas aus Kohle -, mit aller Kraft und ohne Verzug vorangetrieben wird. Wir werden deshalb im Laufe des Winters Programme und Vorhaben in ungewöhnlicher Größenordnung vorlegen, ungewöhnlich übrigens auch hinsichtlich des Finanzbedarfs."

Doch auch dieses Vorhaben wurde von den Entwicklungen am internationalen Ölmarkt eingeholt. Weil sich die Umwandlung von Kohle in Benzin als unrentabel erwiesen hatte, wurde die letzte Anlage aus diesem Programm Ende der Neunzigerjahre verschrottet.

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