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Zeitfragen | Beitrag vom 24.07.2018

Treibsel als natürliche RessourceWie Seegras und Algen zu Kissen und Dünger werden

Von Christina Ertl-Shirley

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Getrocknetes Seegras weht am 20.7.2013 in Mecklenburg-Vorpommern an einem Zaun. (picture alliance / blickwinkel / R. Bala)
Getrocknetes Seegras weht an einem Zaun: Was für die einen störender pflanzlicher Abfall ist, inspiriert andere zu innovativen Anwendungen. (picture alliance / blickwinkel / R. Bala)

Tausende Tonnen Seegras und Algen werden jährlich an deutsche Strände gespült: Die Entsorgung ist für die Küstengemeinden teuer. Dabei gibt es viele Möglichkeiten diesen sogenannten Treibsel als natürlichen Rohstoff zu verwenden.

Das Ostseebad Schönberg in der Kieler Bucht im Kreis Plön. Seit 1897 können sich die umliegenden Ortschaften über einen anhaltenden touristischen Zulauf erfreuen. Nahezu acht Kilometer Strand warten hier auf den Ostseeurlauber. Die Strandabschnitte tragen wohlklingende Namen wie "Brasilien" und "Kalifornien".

Das flache und sehr seichte Wasser mit seinen Sandbänken eignet sich besonders für Familien mit Kindern, und die Sportschule lädt zu allen erdenklichen Arten von Zeitvertreib im Meer ein. Der Großteil der Besucher genießt den Tag in den blau-weiß gestreiften Strandkörben. Zentraler Punkt des Schönberger Strandes ist die 260 Meter lange Seebrücke. Von dieser hat man einen direkten Blick auf das beinahe karibisch anmutende Meer. Besonders begeistert sind die Urlauber vom feinen weißen Sand.

Ihre Füße sind angetan von dem weichen Untergrund. Vereinzelte angespülte Seegras- und Algenteile zeichnen das für den Ostseestrand charakteristische grün-braune Muster in den Sand.

Massenweise pflanzliches Meeresgut

Doch wenn der Wind von Osten kommt, werden ganze Massen von pflanzlichem Meeresgut angespült und türmen sich am Ufer. Vom weißen Traumstrand ist dann nicht mehr viel zu sehen.

Wilfried Zurstraßen: "Es ist dunkel und wenn die Sonne richtig scheint, stinkt es auch noch. Und diese Mischung führt im Regelfall zu ablehnender Haltung."

"Salzig ist gut, feucht gefällt mir auch gut, aber dieser spezifische Geruch von Seegras gefällt mir nicht. Das Gefühl von Seegras gefällt mir auch nicht und dann muss ich mir ja so quasi Pfade suchen am Strand, wo ich durchlaufen muss", sagt eine Touristin.

"Wenn man da zum Beispiel mit nackten Füßen drauf tritt, dann find ich es nicht so schön. Es ist sehr, sehr trocken und da sind auch viele Tiere drin, die sich da angesiedelt haben", erzählt ein Kind.

"Ja, in der kleinen Menge ist es ja hübsch, aber diese riesigen Haufen in denen dann auch die Möwen picken - und es riecht komisch. Da macht es mir keinen Spaß mehr am Strand zu liegen. Ich bezahl ja auch für den Urlaub. Da erwarte ich mir schon einen sauberen Strand", so eine andere Urlauberin.

Treibsel kommt vom Wort "treiben"

Es ist unbehaglich, mit nackten Füßen über die dunklen Berge am Strand zu gehen. Aber woraus bestehen diese Hügel, die die Gemüter der Strandnutzer erregen? Weisen die Anspülungen auf Verunreinigungen hin? Horst Sterr, Küstengeograph von der Uni Kiel:

"Treibsel, der Name beinhaltet das Wort 'treiben', und das ist das Material, das auf dem Wasser an den Strand treibt - es ist aber eigentlich vor allem organisches Material, also vielleicht auch mal ein Stück Holz oder etwas anderes, aber im Wesentlichen sind es Wasserpflanzen, die abgestorben oder vom Sturm losgerissen worden sind, und zwar besteht das Treibsel aus Seegras und aus Algen. Und bei den Algen, da gibt es unterschiedliche Typen: da gibt es Rotalgen, Braunalgen, Blasentang und die Algen wachsen auf festem Untergrund im Meer, das heißt, die haften sich an Steine und an harte Materialien an, während das Seegras auf Sand wächst."

Angespültes Seegras an der Ostsee, aufgenommen am 08.10.2008 am flachen Sandstrand auf Hiddensee. (picture alliance / dpa / Wulf PfeifferBeate Schleep)Angespültes Seegras: Eigentlich ein Beweis, dass die Meeresqualität stimmt. (picture alliance / dpa / Wulf PfeifferBeate Schleep)

Natürlicher Rohstoff aus Algen und Seegras

Die Wasserpflanzen filtern Schadstoffe aus dem Wasser, geben Sauerstoff in das Wasser ab. Ein Quadratmeter Seegras kann bis zu 15 Liter Sauerstoff am Tag produzieren und seine Wurzeln belüften den Meeresboden. Zudem speichert Seegras große Mengen Kohlenstoff und Nährstoffe im Pflanzengewebe. Außerdem stabilisieren Seegraswiesen Meeresboden und Küste, sind Laichgebiet und Rückzugsraum für Jungfische und somit bedeutsam für den Erhalt der Biodiversität.

Das angeschwemmte Gut schützt den Sandstrand vor Winderosion und bildet einen artenreichen Lebensraum für Strandflohkrebse, Insektenlarven und diverse andere Tierarten. Vögel freuen sich über die Nahrung, die sie in dem Treibsel finden. Während weltweit Seegraswiesen eher rückgängig sind, ist an der Ostsee eine Erholung der Bestände seit den 1990er-Jahren zu beobachten.

Horst Sterr: "Treibsel an sich ist ein natürlicher Rohstoff, der eigentlich beweist, dass das Meer eine gute ökologische Qualität hat, und dementsprechend sollte man es nicht von vornherein immer mit einer negativen Assoziation versehen, sondern eben auch die Möglichkeiten sehen, die Treibsel bietet."

Belästigung für feine Nasen und empfindliche Füße

Obwohl es sich hier nicht um Verschmutzung handelt: Treibsel erregt die Gemüter von feinen Nasen und sensiblen Füßen an den Kurstränden und wird daher entfernt.

Wilfried Zurstraßen:"Also 25 Prozent unseres lokalen Volkseinkommens erwirtschaften wir hier aus dem Tourismus. Wir haben pro Jahr rund 500.000 Übernachtungen und etwa 70.000 Urlaubsgäste."

Im Garten des historischen Strandcafes "Omas Kaffestuuv". Wilfried Zurstraßen war über 25 Jahre lang Bürgermeister der Gemeinde Schönberg. In seiner Funktion beschäftigte er sich natürlich intensiv mit der Frage zum Umgang mit großen Treibsel-Anspülungen an touristisch genutzten Stränden.

Dazu berät er auch heute noch die Kommunen. Auf spielerisch gestalteten Schautafeln und in Broschüren an der Schönberger Strandpromenade wird darüber informiert, was an den Strand angespült wird. Jedoch muss Wilfried Zurstraßen das Thema Treibsel auch aus dem Blickwinkel eines Touristen betrachten.

Wilfried Zurstraßen: "Ja, um es mal plakativ zu sagen: Jeder dritte Schönberger oder jede dritte Schönbergerin lebt ganz oder teilweise auch vom Tourismus. Und deswegen hilft es uns nicht weiter, wenn wir sagen: 'Mensch, das ist aber Natur', sondern wir müssen da auch die Interessen des Gastes zum Maß unserer Dinge machen."

Wilfried Zurstraßen, damals Bürgermeister, präsentiert am 9.3.2006 das Ortsschild von Brasilien in der Gemeinde Schönberg in Schleswig-Holstein. (picture alliance / dpa / Wulf Pfeiffer)Wilfried Zurstraßen, damals Bürgermeister, präsentiert das Ortsschild von Brasilien in der Gemeinde Schönberg. (picture alliance / dpa / Wulf Pfeiffer)

Wenn viel kommt, muss schnell entsorgt werden

Bei einem stärkeren Anfall von Treibsel muss dieser rasch entsorgt werden.

Wilfried Zurstraßen: "Wir versuchen natürlich den Leuten klar zu machen, dass es ein Stück Natur ist, dass es eine Mischung ist aus Algen, aus Sand und aus Seegras und dass etwas höchst Natürliches ist, das man eigentlich nicht mit Ablehnung quittieren muss.

Aber wenn es denn stinkt, spätestens in dem Moment ist es so, dass dann die Erkenntnisfähigkeit und die Erkenntnisbereitschaft bei den Touristen aufhören. Wenn´s stinkt, ist die Akzeptanz zu Ende, trotz aller Überzeugungsarbeit."

Das Problem mit der Entsorgung wird vor allem deutlich, wenn man sich die beeindruckenden Mengen vor Augen führt, mit denen manche Gemeinden zu kämpfen haben: Im Jahr fallen an der Schleswig Holsteinischen Ostseeküste circa 200.000 Tonnen Treibsel an. Das heißt, an circa 380 Strandkilometern werden jährlich 252.000 Kubikmeter Treibsel angespült und bleiben an den Stränden liegen.

Sandra Enderwitz: "In Schönberg, beispielsweise, gab es an einem Tag 800 Tonnen, und die Gemeinde Siercksdorf hat schon mal 8000 Tonnen im Jahr dann aber gehabt."

Ein Projekt verwertet die Treibsel-Massen

Horst Sterr leitet gemeinsam mit Sandra Enderwitz das Projekt POSIMA am Geographischen Institut der Christian Albrechts-Universität zu Kiel. "POSIMA" bedeutet: Pilotregion Ostseeküste Schleswig-Holstein: Initiierung einer Wertschöpfungskette Treibsel als Maßnahme zur Anpassung an den Klimawandel.

Horst Sterr: "Das hängt sehr stark davon ab, ob die Pflanzen in Nähe des Ufers im Wasser vorhanden sind, das ist der eine Faktor. Das Ganze hängt aber davon ab, wie die Windrichtung und die Wellenrichtung im Wasser sind, denn das Material wird eben durch Wellen an den Strand gespült. Und das ist in einer Gemeinde vielleicht eine Tonne und in der nächsten Gemeinde sind das vielleicht 20 Tonnen."

Das Projekt klärt seit 2016 die Ostseegemeinden darüber auf, wie sie Treibsel - anstatt als Müll zu behandeln - auch als natürliche Ressource nutzen könnten.

Denn ob mit einer Strandreinigungsmaschine, einem Radlader, einem Trecker oder mit einem Rechen per Hand: Die Betreiber der Kurstrände unterliegen einem raschen Entledigungszwang des schlammfarbigen Gemisches, denn mit Zunahme der Sonneneinstrahlung nimmt auch die Geruchsbildung der Anschwemmungen zu.

In der Saison muss der Strand sauber sein

Sandra Enderwitz: "Also, wenn frisches Treibsel während der Saison angespült wird, geht die Räumung schon morgens um 4:00 los, damit um 9:00 der Strand blitzeblank ist. Es muss zuerst auf einen speziell dafür geeigneten Zwischenlagerplatz verbracht werden. Viele Gemeinden verfügen da über einen eigenen Lagerplatz, teilweise haben aber auch Deponien solche Plätze für das Treibsel und anderen Grünschnitt."

Hochbetrieb am Ostseestrand bei Schönberg in der Nähe der Kieler Förde (picture alliance / dpa / Wulf PfeifferJulian Stratenschulte)Hochbetrieb am Ostseestrand bei Schönberg (picture alliance / dpa / Wulf PfeifferJulian Stratenschulte)

Für das Aufsammeln von Treibsel als auch für dessen Lagerung müssen von den Gemeinden erhebliche Ausgaben gemacht werden. Oft ist auch kein Platz mehr in den umliegenden Deponien und das angespülte Seegras muss für hohe Kosten viele Kilometer weit transportiert werden. Wilfried Zurstraßen:

Wilfried Zurstraßen: "Wenn Sie jetzt mal die Mitarbeiter - einen Mitarbeiter des Bauhofs nehmen und anteilige Gerätekosten, dann sind sie locker bei 70 bis 80 Euro pro Stunde pro Mitarbeiter. Und da kommen Sie rasch auf Summen, bei einem ganz normalen Treibsel-Anfall an allem was die Entsorgung durch den Bauhof anbelangt, von 50 bis 60.000 Euro. Also, wir reden schon von einer besonderen finanziellen Größenordnung, und das machen sie nicht nur 'Just for Fun', sondern weil der Tourismus eine besondere Rolle spielt. Das versuchen wir hier."

Früher war Treibsel ein geschätzter Rohstoff. Sandra Enderwitz und Horst Sterr wollen in Zusammenarbeit mit Gemeinden und in Gesprächen mit Politikern eine möglichst intelligente Wertschöpfungkette des Materials entwickeln.

Ein traditionelles Dämm-, Stopf- und Düngematerial

Sandra Enderwitz: "Es gab Händler hier an der Ostseeküste, die hier das Treibsel eingesammelt haben und deutschlandweit vermarktet haben. Und es gab sogar einen Erlass im ersten Weltkrieg, dass Treibsel ausschließlich noch den kaiserlichen Armeen – das sagte man damals - bereit stehen muss, um die Schlafsäcke damit zu stopfen, als Füllmaterial. Es gab eine Rohstoffknappheit oder auch, die wussten schon damals, das Seegras sich sehr gut eignet als Dämm- und Stopfmaterial, aber auch in den umliegenden Gärtnereien hier in der Stadt Kiel war es damals ein willkommener Dünger."

Es gibt noch Landwirte in der Region, die das Treibsel direkt als Düngerersatz oder als Düngerzusatz auf ihre Äcker bringen

Horst Sterr: "Aber da gibt es ein Problem mit einer neuen Düngemittelverordnung, die seit Kurzem in Kraft ist, die die Landwirte verpflichtet, ganz genau Buch zu führen, wie viele Nährstoffe - Phosphate, Nitrate, Kalium, Kalzium - wie viele Nährstoffe sie auf die Äcker bringen, und das erschwert diesen Prozess, obwohl die Erfahrung sagt, dass es eigentlich problemlos ist, dieses zu tun, aber wie so oft sind dann da ein paar Paragraphen der praktischen Lösung im Weg."

Unklare Gesetze und die Kosten der ständigen Prüfung der Zusammensetzung des Treibsels sind für die Landwirte oft zu hohe Unsicherheitsfaktoren. Außerdem können Produkte, die auf Treibsel-Boden wachsen, nicht mit einem Biosiegel versehen werden.

Studentische Projekte erforschen das Treibsel

Das Projekt POSIMA treibt auch mittels studentischer Projekte und durch Forschung ein optimiertes Treibsel-Managment an, wie zum Beispiel mit der Masterarbeit der Studentin Regina Rollhäuser. Sie beschäftigt sich mit der Bestimmung einer Nährstoffbillanz des Treibsels. Ihre Ergebnisse sollen als Grundlage für einen Einsatz in der Landwirtschaft dienen. Wochenlang hat sie Treibsel-Proben am Strand eingesammelt und in akribischer Arbeit gewaschen und gereinigt.

Regina Rollhäuser: "Ich hab die Proben erstmal in einen Sieb getan, in einen zwei Millimeter Sieb, damit halt der ganze Sand und so durchgehen kann. Und ich hab es dann mit destilliertem Wasser alles per Hand gespült und die ganzen Muscheln da rausgesammelt - es klingt aufwändig - war es auch (lacht)."

Im Treibsel hat Regina Rollhäuser nur geringe Mengen an anthropogenen Bestandteilen - also Müll - gefunden. Die Studentin wartet schon gespannt auf die endgültigen Ergebnisse aus dem Labor.

Welche Stoffe genau sind enthalten?

Einiges konnte sie aber im Laufe ihrer Recherche schon in Erfahrung bringen:

"Was den Treibsel-Dünger halt besonders macht - also vor allem eben auch die Algen, weil da ist zum Beispiel Cytochinin drin, das ist ein Pflanzenhormon. Durch dieses Pflanzenhormon werden die Pflanzen auch resistenter durch Stress, durch Übersalzung oder Dürre oder auch zum Beispiel Krankheiten, Krankheitserreger.

Dann sind in den Algen auch noch Betaine drin, das fördert das Chlorophyll, den Chlorophyllgehalt, da sind Sterole drin, das sind sowas wie pflanzliche Steroide, dadurch werden die Pflanzen halt größer. Das ist alles in den Algen drin. Aber da kommt die Frage auf: Ist das in allen Arten drin? Denn die Algenfamilie ist natürlich super groß."

Und auch ohne Beprobung von Treibsel hat das Einbringen des Rohstoffes in Ackerböden bereits positive Ergebnisse hervorgebracht, weiß Ex-Bürgermeister Wilfried Zurstrassen:

"Wir haben hier bei uns in Schönberg seit vielen Jahren diese bewährte Kooperation mit einem bestimmten Landwirt. Also, die Tatsache, dass er seit mehreren Jahren uns das abnimmt, ist eigentlich ein Hinweis darauf, dass das als Düngemittel offenbar gut funktioniert, denn die Probsteier Bauern wissen schon ihren Vorteil zu nutzen. Und wenn das kontraproduktiv wäre für seine Fruchtfolge, für die landwirtschaftliche Produktion - so viel Lokalpatriotismus hat kein Landwirt, dass er dann sagt: Bürgermeister, weil du so eine netter Kerl bist und wir vom Tourismus leben, deswegen nehmen wir dir das ab."

Einsatzmöglichkeiten in der Landwirtschaft

Das Unterpflügen und Lagern von Treibsel bedeutet eine Menge Arbeit für den Landwirt. Deshalb erhält er Geld dafür, anstatt für den Rohstoff zu bezahlen. Aber es handelt sich dabei um deutlich geringere Summen als bei einer Deponierung fällig werden. Mit einer Anpassung der politischen Rahmenbedingungen wären die Kommunen daher entlastet. Außerdem könnten Landwirte, sagt Sandra Enderwitz von der Uni Kiel, auch noch über weitere Anwendungsgebiete des Spülguts nachdenken.

Sandra Enderwitz: "Interessanterweise ist das Treibsel sehr beliebt bei Pferdehaltern als Einstreumaterial und das ist eigentlich gut, weil es dort so wie es ist verwendet werden kann. Und aus der Gemeinde Sierksdorf weiß ich, dass die nahezu keine Treibsel-Reste mehr hat, seitdem sich das bei den Pferdehaltern rumgesprochen hat, dass das den Hufen ausgesprochen gut bekommt. Also, es hat eine medizinische Wirkung, ist entzündungshemmend und die Pferde mögen das offenbar sehr gerne in ihrer Box haben und zwar auch in feuchtem Zustand, so wie es ist."

Ortswechsel: Das beschauliche Kappeln am Ostseemeeresarm Schlei. Besuch beim "Seegrasmann", wie Kristian Dittmann an der Küste genannt wird. Seine Scheune ist an dem orangefarbenen Laster, der davor steht, leicht zu erkennen. Gleich beim Betreten ist an der Wand eine kleine Ausstellung zur Zusammensetzung und zur Nutzung von Treibsel zu bestaunen.

Zu Besuch beim "Seegrasmann"

Kristian Dittmann hat in Körben das angeschwemmte Material in seine Hauptbestandteile aufgeteilt. Blasentang, unterschiedliche Rot-, Braun- und Grünalgen, Muscheln, Seesterne und natürlich Seegras - der Rohstoff seiner Strandmanufaktur Kristian Dittmann bietet in seinem Betrieb Seegraskissen in den verschiedensten Größen und Formen an.

Kristian Dittmann: "Manchmal fragen mich die Leute: 'Wieso ? Machst Du die Bezüge aus Seegras oder was?' Ne, ne Seegras ist die Stopfwolle. Das ist drinnen. Und draußen sind es ganz normal Baumwolle- oder Leinenbezüge - meistens alte Stoffe - die einen Reißverschluss haben, da wird das Seegras reingestopft, und dann ist es fertig als Kopfkissen."

Die 1000 Quadratmeter große Scheune dient dem Meeresbiologen als Lebensraum, Lager und Arbeitsstätte. Auf Gestellen aus Holz, zwischen die Fischernetze gespannt sind, liegen Berge aus getrocknetem Seegras. Es geht weder ein Fisch- oder Salzgeruch von dem Material aus. Es riecht erstaunlicherweise nach fast gar nichts. Am ehesten liegt der Geruch von grünem Tee in der Luft.

Kristian Dittmann: "Also ich steh hier an meinem Stopftisch und hab eine Menge Seegras in der Hand, die so reicht für ein Kissen, und da muss ich jetzt so ein bisschen dran 'rumzurzeln'. Zum einen fühl ich mit den Fingern, ob da vielleicht noch Blasentang drinnen ist, hier ist zum Beispiel was, was ein bisschen härter ist, da ist ein Stück von einer Wurzel - sieht so aus wie so ein kleiner Stock oder was. Das muss raus, denn das piekt natürlich, und wenn man da drauf liegt.

Hier ist noch ne Vogelfeder. Und dann muss ich so ein bisschen auseinanderziehen, damit es gleichmäßig weich ist im Kissen. Dann hab ich hier den Kopfkissenbezug, mach den Reißverschluss auf, und jetzt stopf ich das Seegras einfach rein: Möglichst gleichmäßig und vor allem immer gut in die Ecken.

Oh, hier ist auch noch was, ein Stück Blasentang, das knistert auch ganz anders. Oh, hier noch ein bisschen stopfen, dann kann der Reißverschluss auch wieder zu. Dann muss ich das ein bisschen gleichmäßig schlagen, und dann ist es ein wunderbares knautschiges Kopfkissen."

Eine knautschige und raschelnde Kissenfüllung

Der Bezug des frisch gestopften Kopfkissens wurde von einer Nachbarin in Kappeln aus alter Weißwäsche genäht. Durch den doppelten Bezug ist kein Pieken zu spüren. Es raschelt nur ein bisschen.

Seit seinen ersten Tests mit dem Material im Jahr 2013 hat Kristian Dittmann nach Jahren des Tingelns Anfang 2018 mit der großen Scheune einen idealen Standort für seinen Betrieb gefunden. Hier kann er das geerntete Seegras waschen, trocknen, hängen und weiterverarbeiten. Zuerst muss er aber beobachten, wann und wo das Material angespült wird.

Kristian Dittmann: "Die Seegraswiesen die stehen bei uns auf den Sandbänken, also so bis zu 7 Meter unter Wasser auf dem sandigen Meeresboden. Da wächst das Seegras mit Wurzeln und es laubt ab, genauso wie unsere Bäume ablauben im Herbst. Das heißt, dass ich im Herbst immer ganz genau gucke aus welcher Richtung der Wind weht. Und wenn Ostwind angesagt ist, dann wird das Seegras auf dem Wasser dann treiben.

Die Seegrasblätter werden dann vom Wind an den Strand gespült, und dann fahr ich morgens mit Butterbrot und Thermoskanne los an den Strand mit meinem Laster, stell den ab und fahre mit der Schubkarre und einer Mistforke an den Strand, lade das Seegras auf die Schubkarre, und fahr sie dann auf meinen Laster rauf. Und so bring ich es dann nach Hause. Alles reine Handarbeit."

Aseptisch und für Milbenallergiker geeignet

Sein erstes Kissen hat ihm eine alte Dame am Strand abgekauft. Seitdem kann er sich reger Nachfrage erfreuen. Die Kissen sind geeignet für Allergiker, da Seegras nicht anfällig für Milben ist. Dazu kommt, dass das Meeresgewächs sehr viel Wasser aufnehmen kann und luftig ist und somit der Schweißbildung entgegenwirkt. Durch die Inhaltsstoffe Jod, Bor und Rosmarinsäure schaffen die Kissen auch eine quasi aseptische, also keimfreie Unterlage für den Kopf.

Da die Strandmanufaktur kein Großbetrieb ist, kann Kristian Dittmann bei einer Massenanspülung von Treibsel jedoch nicht die Probleme der belasteten Gemeinden lösen.

Kristian Dittmann: "Wenn es darum geht, den Strand sauber zu machen, bin ich nur ein Rosinenpicker, weil ich mir nur das Beste raussuche. Ich hab aber mit der Gemeinde Eckernförde ein wunderbares Kooperationsabkommen, dass ich das Seegras wegnehme, und sie mir mit dem Trecker helfen, das auf meinen Laster zu laden und das funktioniert ganz fein. Denn am Ende, auch wenn es nur kleine Mengen sind, spart die Stadt Eckernförde durch jeden Kubikmeter, den ich weghole, 40 Euro Entsorgungskosten.

Das sind keine Mengen, denn meine Ernte besteht so aus 30 Kubikmeter - also 1200 Euro sparen die durch mich. Aber Kleinvieh macht auch Mist und es geht mit den Menschen in Eckernförde, die da eben mit am Entscheiden sind, vor allem darum, dass wir Spaß daran haben, pfiffige Lösungen zu entwickeln."

Sind die Gemeinden das Treibsel-Problem bald los?

Die unterschiedlichsten Nutzungsmöglichkeiten und die Förderung neuer Treibsel-Produkte durch Wirtschaft und Politik könnten in naher Zukunft den Gemeinden die Belastung durch Treibsel größtenteils abnehmen. Auch das ist ein Aspekt im Projekt POSIMA der Uni Kiel. Meeresgeograph Horst Sterr:

"Es wird an den unterschiedlichsten Stellen experimentiert, es gibt eben kleine Firmen oder Start-Up-Unternehmen, die versuchen, diesen interessanten Wertstoff Treibsel und Seegras gut zu verwerten. Für die Algen gibt es dann noch sehr hochwertige Verwertungsmöglichkeiten, und zwar im Bereich Pharmazie und Kosmetik."

In der Ostsee gibt es über 200 verschiedene Algen. Sie sind reich an Phosphor, Kalzium und Eisen. Während wir in der japanischen Küche getrocknete Noriblätter schätzen, kommen die delikaten heimischen Rot- oder Braunalgen in Deutschland nur selten zum Einsatz. Für das Ostseemeeresgut gibt es noch weitere, schier endlose Einsatzmöglichkeiten.

Sandra Enderwitz: "Seegras als Hausdämmung erfreut sich auch wachsender Beliebtheit. Es gibt aber auch da wieder behördliche Aspekte, die dazu führen, dass es eben noch nicht flächendeckend benutzt wird. Und zwar sind das natürlich Normwerte die vorgegeben werden vom Bundesbauministerium - ein Bundesamt auf jeden Fall. Dort werden Dämmstoffe klassifiziert eben.

So, und Seegras ist dort nicht klassifiziert worden. Man muss sehr viel Geld in die Hand nehmen, um es dort klassifizieren zu lassen. Und ja, das ist zu teuer derzeit. Und so werden viele Hausbauer davon abgehalten es zu verwenden, denn natürlich, wenn man eine Versicherung haben möchte, darf man nur diese dort geprüften und klassifizierten Dämmstoffe verwenden.

Man muss also das eigene Risiko eingehen. Und auch da gibt es einige 'Do-it-Yourself'-Menschen, die wir kennen, die wirklich über den Strand gegangen sind und Seegras gesammelt haben, zu Hause in der Badewanne gewaschen, getrocknet und damit ihr ganzes Haus gedämmt haben."

Kreativdorf Holzmarkt (imago/Tom Maelsa)Auch im Berliner Kreativdorf Holzmarkt ist das Treibsel schon angekommen. (imago/Tom Maelsa)

Ein Stück Meer in einem Berliner Tiny House

Der Holzmarkt in Berlin. Auf einem Areal zwischen S-Bahn Schienen, Cafes, Parkplatz und Spree ist das mobile Tiny House von Pia Grüter platziert. Es steht kurz vor der Fertigstellung.

Pia Grüter: "Also, ich baue das Haus als mobiles Künstlerstudio. Es ist eigentlich eine Kombination von Wohnraum, Arbeitstraum, Ausstellungs/Präsentationsraum auf sechseinhalb Quadratmeter."

Gedämmt hat sie das vier Meter hohe Haus mit Treibsel vom Seegrashandel in Schleswig-Holstein. Dort wird Treibsel gesammelt, vom Regen gewaschen, in Ballen zu 250 Kilogramm gepresst und an die Kunden verschickt. Ein Ballen reicht für ungefähr drei Kubikmeter Dämmung.

Pia Grüter: "Ist eigentlich ganz schön, so ein Stück Meer, das einem geliefert wird."

Für die Wände hat Pia Grüter ein Ständerwerk aus Holz gebaut, feuchtigkeitsregulierende Folie angebracht und mit Treibsel verfüllt. Bei einer Dämmfläche von 45 Quadtratmetern hat sie ungefähr einen halben Ballen Treibsel verbraucht:

"Ich muss eben auch sehen, wie es sich auf längere Dauer verhält, denn die Dämmung wird sich noch etwas setzen, denn mein Haus ist eben auch mobil, das heißt, es wird bewegt, es bekommt Erschütterung. Also eventuell, muss ich dann von oben noch nachstopfen."

Ein Stoff der nicht schimmelt

Neben dem wahrlich angenehmen Raumklima in einem Wohnraum mit naturbelassenem Dämmmaterial hat die Verwendung von Treibsel auch noch ganz andere Vorteile, erklärt Pia Grüter:

"Das Thema Feuchtigkeit ist einfach ein riesiges Thema, diese aus dem Raum raus zu transportieren, dass diese sich nicht irgendwo sammelt und für Schimmel sorgt. Da fand ich Seegras eben einfach auch super interessant, weil es nicht schimmelt. Der andere Punkt ist, dass es nicht brennbar ist, oder schwer entflammbar. Das haben wir auch Mal getestet - ich hab ein Feuerzeug dran gehalten - es kokelt weg, aber es fängt nicht wirklich an zu brennen."

So eindrucksvoll und naturnah das Düngen, Stopfen und Dämmen mit Seegras ist, am schönsten und effizientesten ist es, das Treibsel gar nicht vom Strand zu entfernen. Man konnte es einfach schnell vom Spülsaum mit Sand bedecken, denn das würde die Geruchsbildung unterbinden. Am idealsten ist es, das Material für den Küstenschutz zu verwenden.

Dazu hat das Projekt POSIMA in Eckernförde eine Treibsel-Düne initiiert: Am oberen Strandabschnitt wurde auf über 100 Meter Länge und fünf Meter Breite ein Graben ausgebaggert und mit Treibsel-Material gefüllt. Oben drauf kam dann der ausgebaggerte Sand.

Traditionsschiffe im Hafen von Eckernförde, links die Platessa von Esbjerg ist das rote von beiden Schiffen. (Deutschlandradio / Johannes Kulms)Traditionsschiffe im Hafen: In Eckernförde hat POSIMA eine Treibsel-Düne initiiert. (Deutschlandradio / Johannes Kulms)

Ideale Verwendung beim Küstenschutz direkt am Strand

Horst Sterr: "Dann haben wir einen Wall mit einem Treibsel-Kern, sieht aber äußerlich aus wie eine Düne, vor allem wenn sie dann mit Natur - mit den regionaltypischen Dünengräsern und der Dünenvegetation bepflanzt wird. Und das wurde in Eckernförde damals so gemacht.

Und der Erfolg war gut - also die dort gefährdete Uferpromenade in Eckernförde ist dadurch geschützt worden. Die Gemeinde hat eine Menge Geld gespart, weil das Treibsel eben nicht zur Deponie gebracht werden musste, sondern gleich am Strand verarbeitet worden ist."

Nach dem Erfolg des Pilotprojekts in Eckernförde wird nun auch in der Gemeinde Noer eine Treibsel-Düne errichtet und durch Fördergelder bezuschusst. Die Gemeinde wird also das Schwemmgut los, das sie bisher auf eigene Kosten entsorgen musste und kann es nun direkt vor Ort zum Strandschutz nutzen.

Sandra Enderwitz: "Wenn das am Strand belassen wird, bietet es eben einen Erosionsschutz dieser Küste. Und das häufige Entfernen vermindert diesen Erosionsschutz, weil es eben nicht mehr die Wellenenergie dämpfen kann und gleichzeitig wird jedes Mal Sand mit abgefahren. Also es verstärkt die Erosion. Und wenn wir jetzt so eine Treibsel-Düne wieder ins Gespräch bringen ist das die Umkehr, die aber gleichzeitig für die Touristen tolerabel ist und auch eine ästhetische Verbesserung bewirkt in der Strandlandschaftsgestaltung - durch diese Bepflanzung."

Für ständigen Nachschub ist ziemlich sicher gesorgt

Es wird auch sehr erfolgreich noch in andere Richtungen für neue Möglichkeiten der Treibselnutzung geforscht und deren Entwicklung vorangetrieben: Wie das Entwickeln von Biokunststoff, Erosionsmatten und Biokohle. Ziemlich sicher ist, das Material dazu wird nicht ausgehen.

Wilfried Zurstraßen: "Was wir wissen ist, dass durch den Klimawandel bedingt die Extremwetterlagen zunehmen werden. Das heißt im Klartext: Es wird insgesamt wärmer, aber es wird mehr Stürme geben, es wird - sag ich mal - sehr starker Regenbefall einsetzen, es wird das Wasser wahrscheinlich wärmer, und wenn sie mehr Stürme haben und das Wasser wärmer wird, dann werden auch die Seegraswiesen mehr sprießen, und wenn der Sturm intensiver ist, dann werden wir auch mehr von diesen Seegraswiesen und von den Algenfeldern hier am Strand wieder finden."

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