Traumsequenzen für die Ohren

Spiegelglatte Klanglandschaften schlittern einer rauschhaften Illusion entgegen. © AP
15.02.2013
Auf diesem Hörbuch versammelt der Musiker Mike Reisinger fiktive Traumsequenzen. Er setzt seine poetischen Texte wie einen Popsong klanglich in Szene. Alltagsbeobachtungen werden comichaft übersteigert: Ein Mensch schrumpft zum Beispiel und fällt ins Bierglas.
Aus "Paraträume", "Herbstblätter": "Mir hat geträumt, ich spiele mit Herbstblättern auf dem Waldboden. Nicht mit den Fingern. Ich schaue nur, lasse mir das leuchtende Laub durch die Augen rieseln. Mit Blicken hebe ich einzelne Blätter auf, lasse sie schweben und lege sie zu den anderen zurück. Plötzlich die Angst, einen Baum anzuschauen. Ein einziger unachtsamer Blick könnte den Wald roden. Ich schließe meine Lider und sehe mich schlafen."

Im Traum steht die Welt Kopf, Naturgesetze werden außer Kraft gesetzt. "Paraträume" sind eine Ansammlung von 30 Traumsequenzen auf 60 Minuten Länge: Hörstücke, vertont im Format von Popsongs. Innerhalb zwei, drei Minuten schlittert der Erzähler über die spiegelglatten Soundscapes einer tiefen, rauschhaften Illusion entgegen.

Aus "Paraträume", "Schuhe binden": "Mir hat geträumt, ich hocke am Boden und binde mir die Schuhe. Mein Finger rutscht ab und bohrt sich in den Boden. Kein Widerstand. Meine Hand, mein ganzer Arm fährt bis an die Schulter in den Fußboden hinein. Ich lege mich flach auf den Bauch, und versuche noch tiefer zu greifen. Ich sinke mit dem gesamten Körper unter die Oberfläche, die sich lautlos über mir schließt. Leute gehen über mich hinweg. Ich spüre ihre Schritte, höre aber auch ihre Gedanken. Ihnen ist unwohl, während sie über mich hinweg laufen. Sie glauben, es liege am Wetter."

Taumelnd bewegt sich Mike Reisinger durch seine "Paraträume". Wörtlich: Nebenträume. Oder besser: Die Nebenschauplätze der Traumwelt. Reisinger erzählt nicht 1:1 aus seinem eigenen Traumkosmos, sondern entwickelt Geschichten, die Träume sein könnten. Teils erzählerisch, teils poetisch. Alltagsbeobachtungen werden comichaft übersteigert, bekommen mal eine beklemmende, mal eine ironisch witzige Note: Ein Traktor wächst zu einem monströsem Raumschiff, ein Mensch schrumpft und fällt ins Bierglas, ein Klarinettist bemüht sich mit seiner Musik um einen blauen Himmel.

Aus "Paraträume", "Klarinetten-Bau": "Ich versuche es mit allen Tönen, die mir bekannt sind. Keiner erzeugt einen klaren, blauen Himmel über mir. Jede Farbe, auch solche, die nie an einem Himmel gesehen wurden, kann ich erzeugen. Nur das ersehnte Blau gelingt mir nicht. Ich lege die Klarinette in den Koffer. Es wird wieder furchtbar dunkel. Jetzt aber höre ich ein Gelächter von sehr weit oben."

Flächige Geräusche treffen auf Musik-Miniaturen mit Jazz-Anleihen und werden zu einer Art schlafwandlerischen Vertonung der erzählten Traumgeschichten. Zusammen mit der Klangkünstlerin Anka Draugelates hat der Autor und Musiker Mike Reisinger seine Texte musikalisch untermalt. Interpretiert werden sie von dem Oberpfälzer Autor Bernhard Setzwein - mit näselnder, Dialekt-gefärbter Erzählstimme.

Aus "Paraträume", "Orangenball": "Mir hat geträumt, ich bin der Ball und will ins Tor. Die Spieler jedoch haben andere Pläne. Sie schlagen mich kreuz und quer über den Fußballplatz bis mir die Luft ausgeht, dann schmeißen sie mich auf den Müll. Wie soll ich ihnen erklären, dass ich eine Orange bin."

In manchen Stücken verschwindet leider die Musik etwas hinter den schlicht assoziativen Traumtexten - in anderen dominiert der Ton den Text. Vielleicht bestimmt auch hier die surreale Traumlogik. Jedenfalls passen die musikalischen "Paraträume" von Mike Reisinger ganz wunderbar in Übergangsjahreszeiten - ein kurzweiliges Hörvergnügen mit kühl melancholischem bis wehmütig warmem Unterton.

Aus "Paraträume", "Feine Gesellschaft": "Mir hat geträumt, ich bin in feiner Gesellschaft. Mir hat geträumt, ich bin in feiner Gesellschaft."

Besprochen von Andi Hörmann

Mike Reisinger: Paraträume
Verlag: Lohrbär, Regensburg, 2012, 60 Minuten, 14,90 Euro