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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 07.12.2007

Trauma und Mythos

E.L. Doctorow: "Der Marsch", Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007, 412 Seiten

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Überlebensgroße Büste des US-Präsidenten Abraham Lincoln (1809-1865). (AP)
Überlebensgroße Büste des US-Präsidenten Abraham Lincoln (1809-1865). (AP)

Von allen Romanen Doctorows kommt "The March" dem Genre des historischen Romans sicher am nächsten. Er erzählt von einem militärischen Bravourstück des amerikanischen Bürgerkriegs, dem Marsch von General William T. Sherman mit einer Armee von 60.000 durch das Herzland des Südens, der mit einer brutal-konsequenten Strategie der verbrannten Erde die Konföderation der Südstaaten innerhalb von drei Monaten zur Kapitulation zwang.

Der Bürgerkrieg war - trotz des 11. September 2001 - das traumatischste Ereignis der amerikanischen Geschichte. Er gilt als der erste moderne Krieg (mit weit über 600.000 Toten), in dem letztlich die technologische Überlegenheit des industriellen Nordens den Ausschlag gab, - aber eben auch jener legendäre Marsch Shermans, der den Krieg in das Hinterland der Separatisten hineintrug und mit der systematischen Zerstörung südstaatlicher Ressourcen (zu denen ja durchaus auch die Sklaverei gehörte) den Stolz und Widerstand des Südens brach.

Dies ist sicher die "big story", von der Doctorow einmal sprach, die in die "nationale Seele" eingeschrieben sei - als Trauma und als Mythos: Als Trauma einer kaum vorstellbaren Selbstzerfleischung, aber auch eines totalen Zusammenbruchs der Kultur und Lebensweise einer Gesellschaft, die auf Sklavenarbeit errichtet war; und Mythos insofern, als mit der Zerstörung des Südens und der Befreiung der Sklaven die amerikanische Union gleichsam noch einmal gegründet wurde, mit Präsident Lincoln als Gründervater, dessen Ermordung ihn zum "Heiligen" der amerikanischen Geschichte machte.

Die Geschichte, die Doctorow erzählt, besteht aus einer Vielzahl von Protagonisten - erfundenen wie auch historischen Figuren: Südstaatlern wie Nordstaatlern aus allen gesellschaftlichen Schichten und militärischen Rängen - Sklaven und Sklavenhaltern, Soldaten, Deserteuren, Offizieren, Sherman und seinen Generälen und, gegen Ende, Lincoln selbst. Ihre Geschichten und Perspektiven sind aufgeschnitten und, wie in einem sich ständig drehenden Kaleidoskop, collagenartig aneinander gefügt.

Sie sind Teile des narrative Gewebes, so wie die Figuren selbst nur Bestandteile des Marsches sind (seine "Zellen") - als Teile der Armee oder der ständig wachsenden Karawane von Befreiten oder Entwurzelten, die sie mit sich schleppt:

"Stellen Sie sich einen großen, segmentierten Körper vor, der sich unter Kontraktionen und Dilatationen mit einer Geschwindigkeit von zwölf bis fünfzehn Meilen pro Tag fortbewegt, ein Lebewesen mit hunderttausend Füßen ... Es verschlingt alles, was auf seinem Weg liegt ..."

"Der Marsch" wird so zur Metapher einer Lebensform kollektiver Demenz, die sich von Chaos und Zerstörung nährt und gleichwohl Lebensmöglichkeiten öffnet: wie etwa der hellhäutigen und lebensmutigen Kindfrau Pearl, die sich im Norden eine neue Welt erhofft. Im Schatten des Krieges erprobt der illusionslose, doch besessene Militärarzt Sartorius im grauenvoll-alltäglichen Umgang mit zerfetzten und verstümmelten Körpern neue Methoden der Chirurgie, erfahren einzelne in der Konfrontation mit dem Tod heroische Selbstfindung, während andere spurlos von ihm verschlungen werden.

Doctorow gibt diesen konträren Erfahrungen in gleichsam demokratischer Balance Stimme und Gewicht. Am Ende hat der Krieg zwar die Strukturen der alten Ordnung zerschlagen aber keine neuen hervorgebracht. Während die Generäle die Bedingungen der Kapitulation aushandeln, bleiben die gerade aus der Sklaverei Befreiten angst- und hoffnungsvoll sich selber überlassen.

Ein Gegenwartsbezug lässt sich zwar durchaus erahnen, er liegt jedoch keineswegs auf der Hand. Kein Zweifel, dass Doctorow die Dekonstruktion nationaler Mythen betreibt, obwohl andererseits sein Roman auch in das Zentrum des Mythos zurückführt: zum (Menschen-)Opfer, aus dem die neue Union hervorging, dem Versprechen von Freiheit und Neuanfang, das sich mit ihr verbindet; zum Mythos Abraham Lincoln, dessen leidvolle Gestalt

"die Wunden des Krieges [so] in sich aufgesogen hatte, dass er das akkumulierte Elend dieses zerrissenen Landes verkörperte."

Er wird damit - vielleicht - zum Gegenbild des derzeitigen Präsidenten, bei dem die Leiden des Krieges offenbar keine Spuren hinterlassen. Insofern scheint die Gegenwart jene trostlose Ahnung des zwar strategisch-einfallsreichen, doch ganz dem Militärischen verhafteten Sherman zu bestätigen,

"dass dieser unsinnige, inhumane Planet unserer kriegerischen Prägung bedarf, um einen Wert anzunehmen, und dass unser Bürgerkrieg, dieses verheerende, die Knochen unserer Söhne zermalmende Räderwerk, nichts anderes ist als ein Krieg nach einem Krieg, ein Krieg vor einem Krieg."

Angela Präsent hat dieses leidenschaftliche und bildstarke Buch kongenial übersetzt, und der Verlag Kiepenheuer & Witsch hat es in einer ansehnlichen und leserfreundlichen Ausgabe herausgebracht.


Rezensiert von Heinz Ickstadt


E.L. Doctorow, Der Marsch
Aus dem Englischen von Angela Präsent.
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007, 412 Seiten, 22.90 Euro

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