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Thema / Archiv | Beitrag vom 19.11.2009

Trauma hält noch nach Jahrzehnten an

Richard Sucker fordert Entschädigung für von Kirche und Nazis misshandelte Heimkinder

Richard Sucker im Gespräch mit Frank Meyer

Erst vor Kurzem wurde öffentlich, dass viele Heimkinder in den Anfangsjahren der Bundesrepublik missbraucht wurden.  (Stock.XCHNG / Marinka van Holten)
Erst vor Kurzem wurde öffentlich, dass viele Heimkinder in den Anfangsjahren der Bundesrepublik missbraucht wurden. (Stock.XCHNG / Marinka van Holten)

Richard Sucker fordert von der Bundesrepublik eine Entschädigung für die Zwangsarbeit, der er und andere Heimkinder während der Nazi-Zeit und in den Anfangsjahren der Bundesrepublik verrichten mussten. Eine Entschuldigung für die traumatischen Misshandlungen "muss unbedingt sein", sagte Sucker, dessen Erinnerungsbuch "Schrei zum Himmel" jetzt verfilmt wurde.

Frank Meyer: Richard Sucker liest aus seinem Buch "Der Schrei zum Himmel", und jetzt ist er hier bei uns im Studio von Deutschlandradio Kultur. Herr Sucker, 1935 sind Sie als Anderthalbjähriger ihrer Mutter weggenommen worden und ins Kinderheim gesteckt worden, wie ist es denn dazu überhaupt gekommen?

Richard Sucker: Ja, das kam dazu, da ich unehelich geboren wurde und das in das Naziregime eben nicht passte. Ein Unehelicher war eben dann abgestempelt als Bastard und war nicht tragbar für die Nazizeit.

Meyer: Wir haben ja gerade gehört, wie Sie von den Schlägen erzählen, die Sie da im Kinderheim mit dem Ochsenziemer bekommen haben. Dieses Geschlagenwerden, ist das die bitterste Erinnerung an die Jahre im Heim?

Sucker: Auch, aber auch die Zwangsarbeit, die wir machen mussten, und zwar das alles immer im Namen Gottes, weil nach den Schlägen mussten wir in den Gebetsraum gehen und dann mussten wir beten. Also ich hab das überhaupt damals als Kind überhaupt nicht verstanden, dass man erst Schläge bekommt und dann wieder Gottvater anruft und dann um Verzeihung bittet. Ich verstehe es ja heute noch nicht, abgesehen davon.

Meyer: Und die Arbeit, die Sie leisten mussten, Sie sagen Zwangsarbeit – Sie mussten arbeiten und durften überhaupt nicht zur Schule gehen?

Sucker: Ja, das war so, ja. Im Winter durften wir dann schon in die Schule gehen, aber im Sommer war es faktisch unmöglich, denn ich war ja da oben in Naila und ich habe auch aus dem Internet einen Auszug ausgedruckt, in der sich heute noch gebrüstet wird, dass das Heim Martinsberg die größte, wie sagt man, landwirtschaftliche Ausweitungen oder Ländereien hatte, die wir bearbeiten mussten.

Meyer: Und wie alt waren die Kinder, die da arbeiten mussten?

Sucker: Ja, zwischen sieben und zwölf.

Meyer: Sie waren im Heim in der Nazizeit, aber auch danach. Was hat sich denn mit dem Ende der Nazizeit für Sie geändert in dem Heim, hat sich überhaupt etwas geändert?

Sucker: Nein, leider gar nichts. Ich war des Öfteren auch, wie ich verprügelt wurde, bei der Polizei, hab der Polizei meinen zerschundenen Hintern gezeigt, wenn ich das so sagen darf, da ist noch das Blut runtergelaufen und aufgeplatzt. Und ich wurde, von der Polizei wurde mir lediglich dann gesagt, wer weiß, was du geklaut hast oder angestellt hast. Wir werden jetzt das Heim anrufen und dann wirst du wieder abgeholt. Na ja, abgeholt, und dann kam ich wieder in eine Arrestzelle, so eine Art Dunkelkammer, ohne Licht und gerade mal mit einer Decke versehen und ein Eimer, wo man reinpinkeln konnte, und das war es dann. Und da wurden wir auch, ich persönlich wurde auch ein paar Mal vergessen und musste da die ganze Nacht ausharren, bis ich dann endlich wieder Tageslicht gesehen habe. Man ist ja als Kind so hilflos, man braucht ja jemanden, dem man sich anvertrauen kann, aber das gab es ja nicht. Weder – ja, das war ganz schlimm.

Meyer: Sie erzählen, Herr Sucker, in dem Dokumentarfilm, dass Sie Rache nehmen wollten, als Sie raus waren dann aus dem Heim, dass Sie Rache nehmen wollten an den Heimerziehern, die Sie da jahrelang gequält haben?

Sucker: Richtig. Ja, das stimmt.

Meyer: Haben Sie denn Rache genommen?

Sucker: Nein, zum Glück nicht. Das wäre mir wahrscheinlich schlecht bekommen, weil ich würde dann nicht hier sitzen, sondern ich würde wahrscheinlich im Gefängnis verrotten. Denn ich habe vorgehabt, dem Menschen das anzutun, was er uns angetan hat, und das wäre mir wahrscheinlich nicht bekommen. Ich hab den Menschen nämlich nachträglich dann viele Jahre gesucht, fast 20 Jahre lang, und dann habe ich ihn endlich gefunden, er hatte ein Haus in Schwabach. Ich weiß nicht, ob ich den Namen erwähnen darf, aber im Film wurde er erwähnt, ein gewisser Bruder Hanselmann von den Rummelsberger Anstalten war das. Das war dieser Mensch, der uns, ja, gedemütigt und geschlagen hat.

Meyer: Das war ein Diakon?

Sucker: Ein Diakon der Rummelsberger Anstalten, ja.

Meyer: Ich habe auch erfahren, dass Sie Ihrer Frau, Ihrer eigenen Frau bis zu deren Tod überhaupt nichts erzählt haben von Ihrer Geschichte im Kinderheim. Warum das nicht?

Sucker: Ja, das ist richtig. Ich konnte es nicht. Ich hatte wirklich Angst, als Heimkind abgestempelt zu werden, und dann, ja … Ich konnte es einfach nicht. Sie ist gestorben, ohne dass ich je ein Wort gesagt habe. Meine Tochter ist jetzt auch erst auf mein Buch hin aufmerksam geworden.

Meyer: "Der Schrei zum Himmel" heißt dieses Buch von Ihnen, Herr Sucker, das ist im vergangenen Jahr im Engelsdorfer Verlag erschienen. Und dass Ihre Geschichte jetzt in diesem Film zu sehen ist von Renate Günther-Greene, der kommt ja heute ins Kino, was bedeutet Ihnen das?

Sucker: Mir bedeutet es sehr viel, weil ich mir vieles von der Seele schreiben konnte, von dem ich nie ein Wort sagen durfte oder konnte. Ich habe gar nicht gewusst, dass ich traumatisiert bin. Ich habe das Buch lediglich nachts geschrieben, weil ich ja nicht schlafen konnte. Ich habe heute noch Schwierigkeiten, meine Albträume unter Kontrolle zu bekommen. Aber das Buch hat mich von meinen Zwängen und von meinen Ängsten erlöst. Und ich bin jetzt in der glücklichen Lage, darüber zu reden oder reden zu können, was ich vorher niemals konnte. Mir blieb dann beim ersten, zweiten Satz schon die Luft wieder weg und ich musste weinen. Manchmal fällt es mir heute noch schwer.

Meyer: Der Film, in dem Sie jetzt zu sehen sind, der endet mit Ihrem Auftritt im Petitionsausschuss des Bundestages. Der Ausschuss soll sich ja mit dem Leiden der Heimkinder und mit einer möglichen Wiedergutmachung befassen. Man sieht da, wie Sie sich auch freuen, dass Sie da angehört werden und das Leiden der Heimkinder endlich auch wahrgenommen wird von der deutschen Öffentlichkeit. Was erwarten Sie denn jetzt von diesem Ausschuss, was kann der wiedergutmachen?

Sucker: Ich sag es ganz heraus, das ist eine, wir brauchen eine Entschädigung für die Arbeit, die wir unter Zwang leisten mussten. Kein Mensch arbeitet umsonst. Wir haben dadurch auch eine, ja, wie sagt man, die Rentenansprüche sind dadurch wesentlich verkürzt, weil auch ich musste mit 58 Jahren meine Arbeit aufgeben, weil ich Berechnungsfehler gemacht habe und somit auch nicht mehr tragbar war. Und diese Zeit an Rentenansprüchen, die fehlt mir natürlich. Und das ist bei vielen Tausenden anderen wahrscheinlich genauso. Zum Zweiten, ja, ob man da eine Entschuldigung aussprechen kann, also es sollte auf jeden Fall die Öffentlichkeit wirklich erfahren, was Kirche und Staat uns damals angetan hat.

Meyer: Herr Sucker, Sie haben gerade eine Entschuldigung angesprochen. Es hat sich ja gerade in dieser Woche der australische Regierungschef Kevin Rudd entschuldigt für die jahrzehntelange Misshandlung von Kindern. Das haben Sie auch gehört?

Sucker: Ja, ich hab es aus dem Internet raus.

Meyer: Würden Sie so etwas auch in Deutschland erwarten von staatlicher Seite oder von kirchlicher Seite?

Sucker: Ja, doch, doch, ja. Das muss unbedingt sein, weil ich weiß, dass viele noch so traumatisiert sind, sich nicht artikulieren können, wie ich es jetzt schon kann. Und denen muss unbedingt, unbedingt geholfen werden.

Meyer: Heute kommt der Film "Die Unwertigen" von Renate Günther-Greene in die Kinos. In diesem Film geht es um das Schicksal von Richard Sucker und um das von drei anderen Heimkindern, die Ähnliches erlebt haben in der Nazizeit und in der jungen Bundesrepublik. Herr Sucker, ich danke Ihnen sehr für das Gespräch!

Sucker: Ich danke auch fürs Zuhören!

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