Trauma der Flucht

11.10.2010
Ein vagabundierender Illegaler, der zusammen mit anderen, die sein Schicksal teilen, eine Art Wahlfamilie gründet, ist der Icherzähler von "Unter fremdem Himmel". Roland E. Koch schildert eindrucksvoll und detailgetreu die Lebensqualen von Flüchtlingen in unserem Land.
Das erste Haus, das Simon in Deutschland bewohnt und das ihm im Rückblick als das schönste erscheint, ist eine niedrige Feldhütte aus Bruchsteinen, in der man kaum stehen kann. Dieses Haus hat keine Fenster, nur Luken. Es liegt am Rande einer Moorlandschaft irgendwo in Niedersachsen. Simon, ein Mann um die Vierzig, stammt aus einer nicht näher genannten Region Osteuropas, wo er einmal als Lehrer gearbeitet hat.

Nun ist er mit anderen Flüchtlingen ohne Papiere, nach Deutschland gekommen und versucht sich aus der Illegalität heraus ein neues Leben aufzubauen. Darüber, wie Simons Versuche immer zu scheitern drohen und schließlich doch glücken, hat der in Köln lebende deutsche Schriftsteller Roland E. Koch einen Roman geschrieben.

Koch liefert keine literarische Reportage, er leiht keinem fremden Augenzeugen seine Stimme. Vielmehr hat er sich in eine ihm weitgehend fremde Situation hineingefühlt und erzählt aus der Ichperspektive seines Helden, was Einem als Illegaler im zeitgenössischen Deutschland passieren kann - in einfachen Worten und gleichwohl in geschliffener Hochsprache.

Der zwischen Hamburg und Hannover vagabundierende Simon lebt von Zuwendungen freundlicher Menschen. Er wohnt zeitweise in einer verlassenen Mühle und betätigt sich als Schwarzarbeiter in der kleinstädtischen Fahrradhandlung des alten Herrn Steinke, der sein Geschäft aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr zu führen vermag, es aber auf keinen Fall aufgeben will. Mit anderen Illegalen, der zwanzigjährigen Valentina, die auf der Flucht ihr Kind verloren hat, der noch jugendlichen Kari und dem misshandelten und in einem sprachlosen Schockzustand lebenden Kind Roddy gründet er eine Wahlfamilie, die der einsame Fahrradhändler Steinke kurz vor seinem Tode adoptiert, damit sie auf legale Weise sein Erbe antreten kann.

Die deutsche Gesellschaft erscheint in diesem Roman immer wieder kühl und unnahbar, häufiger aber freundlich und hilfsbereit. Allen Ängsten der illegalen Einwanderer zum Trotz stoßen sie selten auf echte Aggression. Ihre Lebensqualen hängen vielmehr damit zusammen, dass sie mit der Vergangenheit in ihren Heimatländern und dem Trauma der Flucht nicht abgeschlossen haben. Besonders Simon lebt ebenso stark in seinen quälenden, lückenhaften Kindheits- und Familienerinnerungen wie in seiner neuen Umgebung.

Roland E. Koch wurde 1959 in Hagen geboren, er ist promovierter Literaturwissenschaftler, hat zahlreiche Romane veröffentlicht und unterrichtet Kreatives Schreiben. Eindrucksvoll erzählt der Autor vom Schicksal der Fremden, notiert detailgetreu, nahezu pedantisch den deutschen Alltag, überfordert sich allerdings mitunter durch den Anspruch, den Blickwinkel seines Protagonisten einzunehmen. Mehr sprachliche Glaubwürdigkeit bei der Rede seiner Figuren, womöglich auch der Verzicht auf die Ichperspektive des Helden Simon hätte diesem Buch gewiss mehr Authentizität verliehen. Dennoch ist "Unter fremdem Himmel" ein lesenswerter Roman über ein Thema, das so in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur noch keinen Platz gefunden hat.

Besprochen von Martin Sander

Roland E. Koch: Unter fremdem Himmel
Dittrich Verlag, Berlin 2010
240 Seiten, 19,80 Euro