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Fazit / Archiv | Beitrag vom 12.12.2012

Trauer und Entsetzen über russische Zustände

Solidaritätslesung für Pussy Riot in Berlin

Von Jörg Plath

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Die Aktivistinnen der Punkband Pussy Riot (picture alliance / dpa / Karpov Sergei)
Die Aktivistinnen der Punkband Pussy Riot (picture alliance / dpa / Karpov Sergei)

In 75 Veranstaltungen an vielen Orten vornehmlich der westlichen Welt wurde für die Freiheit der inhaftierten Musikerinnen von Pussy Riot demonstriert. Die Lesung in Berlin endete mit dem Aufruf: Frau Merkel, übernehmen Sie den Fall!

Solidaritätslesungen sind eine beinahe ausgestorbene Gattung. Sie ragen herüber aus der Zeit der klassischen Intellektuellen, die ihre Stimme für andere, für Stimm- und Kraftlose erhoben. Aber solche etwas überkommenen Veranstaltungen können auch einen gewissen Reiz besitzen, wenn sie so abwechslungsreich daherkommen wie an diesem Abend.

Allzu weltweit war die "weltweite Solidaritätslesung" allerdings nicht. Doch in immerhin 75 Veranstaltungen an vielen Orten vornehmlich der westlichen Welt wurde für die Freiheit der zwei fern von Moskau im Straflager inhaftierten Punkerinnen demonstriert; eine Kundgebung hatten Feministinnen auch in Moskau organisiert. Im Berliner Martin-Gropius-Bau folgten immerhin 60 Menschen den Darbietungen, bei denen es sich nicht nur um Lesungen handelte.

Der kurze Film über den Auftritt von Pussy Riot in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale darf in Russland nicht mehr gezeigt werden, er wurde von den Behörden als extremistisch eingestuft. Bilder und Musik wirkten hektischer und kräftiger als der Text, den zuvor Elfriede Jelinek gelesen hatte – sie hatte vermutlich noch nie so oft die Mutter Gottes angerufen. Etwas irritiert lauschte man den unverkennbar christlichen Formeln, und diese Irritation verstärkte sich noch, als Schauspielerinnen Auszüge aus den Plädoyers lasen, die die drei jungen, angeklagten Frauen vor dem Moskauer Gericht gehalten hatten. Drei sehr unterschiedliche Haltungen, allesamt eloquent vorgetragen, traten einem entgegen. Von Punk war da wenig zu spüren. Viel mehr von Trauer und Entsetzen über den Zustand des Landes, etwa in Marija Aljochinas Plädoyer, gelesen von einer deutschen Schauspielerin.

Dann folgte die Lesung des Plädoyers von Jekaterina Samuzewitsch, eine kühle Analyse, wie Putin die orthodoxe Kirche und deren Ästhetik ausbeutet und sich gefügig macht. Putin wurde dann von der dritten Punkerin, von Nadezda Tolokonnikova, auf die Anklagebank gesetzt: Das staatliche System der Russländischen Föderation gleiche dem Stalins. Und dann sprach Tolokonnikova von Demut und Wahrheit, von wahrem Christentum.

Die zwei ins Straflager deportierten Frauen sind nur die bekanntesten Opfer des autokratischen Systems; viele andere, darunter Michail Chodorkowski, zählte Volker Weichsel von der Zeitschrift Osteuropa auf. In einem am Ende verlesenen offenen Brief forderte das Literaturfestival die Bundeskanzlerin Angela Merkel auf, sich für jene einzusetzen, die wegen ihres Kampfes für die Demokratie in Russland in Haft sind.

Frau Merkel, übernehmen Sie – diese Bitte wäre zu den Hoch-Zeiten der Intellektuellen so wohl nicht formuliert worden. Sie zeigt, dass die Veranstalter durchaus wissen, wie schwach ihre Position ist. Ulrich Schreiber, Gründer und Leiter des Internationalen Literaturfestivals Berlin, äußerte sich im Gespräch vorsichtig hoffnungsvoll, dass Lesungen dieser Art langfristig etwas bewirken können. Und es schien bei ihm der Gedanke mitzuspielen, dass das Festival nicht nur die Hände in den Schoß legt, bis es die Hauptstadt wieder im Herbst für zwölf Tage in den literarischen Ausnahmezustand versetzen kann.

Links auf dradio.de:

Eine lückenhafte Stilisierung der Pussy-Riot-Aktivistinnen - Pussy Riot: "Pussy Riot! Ein Punk-Gebet für Freiheit", Edition Nautilus, 128 Seiten
Wie Putin die Zivilgesellschaft drangsalieren lässt <br>In Russland greifen Angst und Misstrauen um sich
Geißler: Pussy Riot sind mutige junge Mädchen - CDU-Politiker über Kritik am Luther-Preis-Kandidat aus Russland *

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