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Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 17.11.2014

TrauerDas Sterben kommt zurück ins Leben

Wie uns der Tod bewegt

Von Monika Köpcke

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Multikultureller Friedhof Gerliswil, Gemeinde Emmen in der Schweiz: Symbole für die Weltreligionen Judentum, Christentum, Hinduismus, Islam und Buddhismus (picture alliance / Urs Fueller)
Multikultureller Friedhof Gerliswil, Gemeinde Emmen in der Schweiz: Symbole für die Weltreligionen Judentum, Christentum, Hinduismus, Islam und Buddhismus (picture alliance / Urs Fueller)

Wer denkt schon gern an das eigene Ende? Verdrängen wir nicht lieber Gedanken an die Vergänglichkeit? Doch immer mehr Menschen wünschen einen selbstbestimmten Umgang mit Tod und Trauer - verbindliche Rituale gibt es nicht, aber eine Menge Anbieter in diesem Markt.

"Ich sehe meinen Auftrag so ein bisschen darin, der Gesellschaft die Angst vor dem Tod zu nehmen, indem ich sage: Schaut mal, der Tod hat mit voller Wucht an meine Tür geklopft und da ist aber auch was Gutes draus gewachsen.

War alles so diese schöne heile Welt, wo alles ist gut gelaufen ist, die Existenz war gesichert, die Gesundheit in der Familie war da. Und es war so ein richtiges sorgenfreies Leben."

Vater, Mutter, drei Kinder. Ein schönes Haus mit Garten.

"Dann kam dieser Unfall, 13. August 2003."

Am späten Nachmittag klingeln zwei Polizisten bei Katharina Körner. Sie überbringen die schreckliche Nachricht, dass ihr Mann, ihr Bruder und ihr dreijähriger Sohn bei einem Autounfall ums Leben gekommen sind. Katharina Körner ist damals 36 Jahre alt.

"Mir hat es förmlich den Boden unter den Füßen weggezogen. Ich wusste nichts über Trauma. Heute weiß ich, wie schwerwiegend es auf Körper, Geist und Seele wirkt. Ich war in einer Ohnmacht, in einer Hilflosigkeit, in einem Schmerz, in einer Wut gefangen, dass ich gedacht habe, ich krieg das nicht mehr gestemmt. Einmal der Tod der Familie und dann der Tod von einem Kind, das ist eine Dimension, die kann man gar nicht in Worte fassen. Und dann diese ganze Bürokratie, die über mich eingebrochen ist, das hat mich so völlig überfordert. Und dann nachts nicht schlafen können. Ich hab am Anfang nur für meine Kinder weitergelebt, ich hab es nur für sie getan."

Erst ein Jahr nach dem Unfall sucht Katharina Körner die Hilfe einer Therapeutin.

"Und da hab ich aber gemerkt, Mensch, Du könntest es schaffen, Dir geht's wieder besser und Du kommst in ne Kraft rein, zu sagen: Dein Leben kann jetzt nicht vorbei sein. Kämpfe, kämpfe für Dein Leben und kämpfe für Dich. Und kämpfe für Deine Kinder, dass es noch mal gut wird. Aber ich habe Jahre mich ausschließlich um Therapie gekümmert, also ich war ausschließlich damit beschäftigt, mich und meine Kinder von diesem schweren Schlag zu heilen."

Sterben und Tod in der Talkshow

Gronemeyer: "Ich glaube ja, dass jeder lebende Mensch sich im Grunde genommen für unsterblich hält. Selbst wenn wir so alt sind, wie ich es bin, mit 75 Jahren, wir halten es eigentlich nicht für möglich."

Reimer Gronemeyer ist Soziologe an der Universität Gießen.

"Wir haben eine Untersuchung gemacht und haben alle Beteiligten gefragt: Sterbende, Familienangehörige, Krankenschwestern, Ärzte: Was denkt Ihr eigentlich, was das Wichtigste am Lebensende ist? Und alle haben sie gesagt: Zeit! Dass jemand da ist. Der Leiter des Hospizes im Schwarzwald hat mir mal gesagt nach 20 Jahren Tätigkeit als Hospizler: Wir stehen am Bett des Sterbenden mit leeren Händen da. Und das, was wir tun können, ist, dass wir mit ihm weinen, mit ihm lachen, seinen Schmerz mit ihm zu ertragen versuchen."

Was sagt uns das Wissen um die eigene Vergänglichkeit? Was bedeutet das: Ein guter Umgang mit dem Tod? Fragen, die längst nicht abschließend beantwortet sind, mit denen man sich dem gewaltigen Ereignis des Lebensendes aber vielleicht zumindest nähern kann.

Sterben und Tod sind gesellschaftsfähig geworden: Talkshows widmen sich dem Thema Sterbehilfe, Prominente engagieren sich als ehrenamtliche Sterbebegleiter, Todkranke und ihre Angehörigen führen Internet-Blogs. In unserer modernen Gesellschaft, deren Wesen mit Stichworten wie Individualisierung, Pluralisierung und Segmentierung charakterisiert wird, müssen eigene, neue Haltungen und Gedanken formuliert werden. Die Kirche, früher die selbstverständliche Begleiterin bei allem, was mit Sterben, Tod und Trauer zu tun hatte, hat ihre Bindekraft verloren. Die alte Sinngebung, der Tod am Ende eines gottgefälligen Lebens sei nur ein Durchgangstor zu einem Weiterleben im Jenseits, bedeutet immer weniger Menschen Trost.

Fischer: "Das hat das 20. Jahrhundert in der Tat entzaubert, und der Tod ist zu einer fast funktionalen Routine geworden. Sicher auch angesichts der millionenfachen Erfahrung von Sterben und Tod in den beiden Weltkriegen."

Norbert Fischer, Kulturanthropologe an der Universität Hamburg.

"Der Tod wurde abgeschoben, der Tod ist den Menschen enteignet worden. Er wurde delegiert an Bestattungsunternehmer, Friedhofsverwalter, vielleicht noch an die Mediziner, die sich um die Sterbenden kümmern sollten. Aber es gab nicht die öffentlichen Debatten, wie man mit Tod, Trauer und Erinnerung umgeht."

Gronemeyer: "Ich hab das selber erlebt bei einer nahen Verwandten in Hamburg, dass die in eine Abstellkammer geschoben wurde und wir da noch nicht mal einen Hocker hatten. Hin und wieder kam ne Reinigungskraft durch und holte sich etwas. Und da ist diese würdige alte Dame dann in der Abstellkammer gestorben. Und das gab es häufig. Und das ist ja nicht so, dass man sagen kann, was für miese Leute waren das, sondern man wusste einfach gar nicht, wie gehen wir denn jetzt damit um?"

Was über Jahrhunderte ein soziales Ereignis war, wurde seit den fünfziger Jahren mehr und mehr an öffentliche Institutionen wie Krankenhäuser oder Pflegeheime abgeschoben. Die häusliche Aufbahrung, bei der auch Nachbarn und Bekannte dem Verstorbenen noch einmal begegnen konnten, wich der schnellen und diskreten Abholung durch den Bestatter. Die demografische Umwälzung trug ihr übriges bei: Immer mehr Menschen leben heute allein, immer weniger haben Angehörige, die sie am Lebensende zu Hause begleiten können. Dieser Verlassenheit möchte die Hospizbewegung Orte entgegensetzen, in denen ein friedliches und würdiges Sterben möglich ist. Doch das Platzangebot reicht bei weitem nicht aus. Wunsch und Wirklichkeit am Lebensende klaffen noch immer weit auseinander.

Reimer Gronemeyer: "80 Prozent aller Deutschen möchten zu Hause sterben. Die Tatsache ist aber, dass 80 Prozent aller Deutschen in Einrichtungen sterben. Und wenn man genauer hinguckt, muss man sagen, dass mit dem zu Hause sterben ist ja ein bisschen Klischee: Wenn jemand als 80-Jähriger irgendwo im Apartment im 3. Stock lebt und da kommt zweimal am Tag ein Pflegedienst und sonst kommt niemand, dann kann man eigentlich nicht sagen, der stirbt zu Hause, wenn Zuhause denn irgendetwas mit Verwandtschaft oder Freundschaft zu tun hat."

Körner: "Die Beerdigung war einfach ein Ritual, das ich machen musste. Ich hab's nur über mich ergehen lassen. Ich stand da in der Kirche vor diesen drei Urnen und war fassungslos. Es war eine wahnsinnige Anteilnahme da, aber in allen habe ich nur dieses blanke Entsetzen gesehen, diese Ohnmacht und diese Hilflosigkeit. Danach bin ich dann jeden Tag auf den Friedhof gegangen, wenn die Kinder in der Krabbelgruppe waren. Und da hab ich dann wirklich für mich getrauert. Ich lag vor diesem Grab und es war jeden Tag wieder unfassbar. Ich lag da und hab so geweint und die Kieselsteine, die da so auf dem Friedhof lagen, die haben sich so in meine Haut gedrückt. Und das war alles nichts gegen diesen seelischen Schmerz, den ich auszuhalten hatte."

Nur wenige Tage nach der Beerdigung feiern Katharina Körners Zwillingstöchter ihren zweiten Geburtstag. Geschenke besorgen, Kuchen backen, die Wohnung schmücken - das Normale wird absurd.

"Man läuft in so ner Monotonie ab, man funktioniert noch, aber man ist nicht wirklich da."

Die Wahrnehmung der Außenwelt fokussiert sich auf die eine Frage: Wer hält mich in meinem Unglück aus?

Körner: "Es war ein ganz erstaunlicher Prozess, den ich da beobachten konnte. Es gab Menschen, die ich gar nicht kannte, die sehr viel Anteil genommen haben, die das aushalten konnten, mit mir umzugehen. Was sagt man einem Trauernden? Was sagt man einem Menschen, der so etwas Schlimmes erlebt? Viele konnten damit nicht umgehen. Es haben sich auch einige aus meinem privaten Umfeld völlig distanziert. Da bin ich heute nicht böse, weil ich weiß, wie schwer der Umgang sein kann, wenn man nicht weiß, wie geht man mit einem Trauernden um."

Dobroschke-Bornemann: "Ich denke, dass trauernde Menschen im Übergang sind und dass die Trauer für diesen Übergang die gefühlsmäßige Reaktion ist, der Übergang zwischen: Ich hatte etwas, was mir ganz lieb war, und ich stehe jetzt da, das gibt es jetzt nicht mehr und ich muss in neue, unbekannte Räume hinein."

Abschiedsschmerz hält Wochen oder Jahre

Anette Dobroschke-Bornemann ist die Vorsitzende von Tabea e.V. 1992 wurde der Verein in Berlin als erste Beratungsstelle für Trauernde gegründet. Heute gibt es solche Hilfsangebote in fast allen Städten.

"Alle Angebote haben damit zu kämpfen, dass Trauerberatung und - begleitung nicht finanziert wird. Es wird die Unterstützung in der Trauer erst finanziert, wenn jemand krank geworden ist und einer Psychotherapie oder einer somatischen Unterstützung bedarf."

Was aber hilft einem Trauernden?

Dobroschke-Bornemann: "Trauer ist ein Gefühl. Aber Trauer hat Auswirkungen auf die anderen Bereiche des Mensch-Seins, auf den kognitiven Bereich, auf den spirituellen Bereich, auf den körperlichen Bereich, auf das soziale Miteinander. All diese Bereiche können dann auch wieder den emotionalen Bereich stärken. Das heißt, wenn ich gute soziale Beziehungen habe, wird es mir leichter sein, durch die Trauer hindurchzukommen. Und genauso, wenn ich im Glauben aufgehoben und gehalten bin, und genauso, wenn jemand kognitiv stark ist und gute Strukturen hat, mit Stress, mit Krisen, Herausforderungen umzugehen, dann ist das auch eine Stärkung. Und da schaut die professionelle Trauerbegleitung: Wo haben wir Ressourcen? Und dann genau diese Ressourcen auch zu nutzen zur Unterstützung."

Saint-Ives: "Eine sehr gute Freundin von mir ist gestorben 2005, mit der ich aufgewachsen bin, dann folgte meine Mutter hinterher, dann folgte mein Bruder hinterher und mein Vater hinterher und dann die Katze noch. Ich hab gar nicht so viel geweint, aber ich bin irgendwie innerlich ganz still geworden. Ich hab mich sehr reduziert, vielleicht wie ein Eremit."

In einem Zeitraum von nicht einmal drei Jahren erlebte Gabriele Saint-Ives all diese Verluste.

Saint-Ives: "Für mich war das unerträglich, dass ich das Gefühl immer hatte, ich darf meine Trauer nicht leben. Das hat mir zusätzlich noch zu allem Übel zugesetzt. Eine Freundin von mir sagte zum Beispiel: Jetzt ist aber mal Schluss. Ich hab die angeguckt, hab im ersten Moment gar nicht gewusst, was sie damit meint. Jetzt ist Schluss mit Trauer! Da war meine Mutter gerade drei Monate tot."

Trauer, wenn sie denn nicht endlich mal vergehen will, wird gerne als eine Störung im Alltagsgetriebe angesehen, sogar als Krankheit, die man mit entsprechenden Medikamenten schon wieder in den Griff bekommen kann. Doch Trauer gehorcht keiner Norm. Bei den einen dauert der Abschiedsschmerz Jahre, bei den anderen nur einige Wochen. Den einen wird der Boden unter den Füßen weggezogen, die anderen finden schnell wieder in ihre Routine. Und niemand kann vorhersagen, wie es kommen wird. Anette Dobroschke-Bornemann:

Dobroschke-Bornemann: "Ich erlebe es immer wieder, dass gesagt wird: Au ja, die Frauen, die gehen in eine Trauergruppe und da sprechen sie und da weinen sie zusammen, oder sie gehen in eine Selbsthilfegruppe. Und die Männer in der Familie, die machen das nicht, das heißt, die verdrängen ihre Trauer. Und dann sehe ich, da ist ein Mann und der rennt jeden Tag 10 Kilometer durch den Wald, bis er kurz vorm Umfallen ist und stürzt sich dann auf einen Baum und schlägt auf diesen ein. Dann denke ich, ja, der lässt auch seine Trauer heraus."

Saint-Ives: "Ich hab meine kleinen Rituale. Vorm Kamin waren dann die Fotos der Lieben, die hatten dann schöne frische Blümchen davor und ich hab dann mit ihnen gesprochen und ein Kerzchen angezündet. Solche Rituale, ja."

Diese Zeit vor dem Kamin gehört ausschließlich den Verstorbenen. Davor und danach kann Gabriele Saint-Ives heute das Leben wieder an sich heranlassen. Ihre erlebten Verluste haben sie auf die Suche gehen lassen: Nach einem offenen Umgang mit Tod und Trauer, der nicht verdrängt und jedem die Zeit lässt, die er braucht. 35 Jahre lang war Gabriele Saint-Ives als Stewardess in der Welt unterwegs. Seit sechs Jahren ist sie im Ruhestand. Die Zeit, die sie nun hat, wollte sie jemandem schenken, dem nicht mehr viel von diesem kostbaren Gut bleibt. In einem Hospiz arbeitet sie als ehrenamtliche Sterbebegleiterin.

"Ich habe mich so grottenmäßig alleine gefühlt. Dieses Alleinsein, hab ich gesagt, das darf eigentlich nicht sein. Ich wollte für mich etwas verändern. In dem Sinne, dass, wenn ich jetzt für sterbende Menschen da bin, dass ich nicht den gleichen Fehler mache. So wusste ich ja ganz genau in dem Moment, was ist wichtig, was braucht denn der Mensch. Und der braucht nicht diese Unruhe und ständig Wirbel, sondern der braucht eigentlich ein Gegenüber, der in sich ruht, der ausgeglichen ist und Zeit signalisiert. Zeit des Zuhörens oder einfach schweigen. Das ist auch ganz wichtig, miteinander schweigen können."

Körner: "Ich hab mir sofort Bücher über den Tod gekauft, weil ich wissen wollte: Was passiert beim Sterben? Was hat meine Familie erfahren, erlebt? Ich hab keine Informationen vom Unfallverursacher bekommen, den hatte ich sehr häufig gebeten, mir zu sagen: Was ist passiert, was habt ihr noch gesprochen? Ich hatte einfach keine Informationen und hab dann angefangen, mich mit dem Tod auseinanderzusetzen, hab über Nahtoderfahrungen ganz viel gelesen. Und das hat so das Grauen, das Entsetzen über den Tod genommen."

Fühlt sich bei traditionellen Feiern nicht wohl

Noch vor dem Unfall hatte Katharina Körner ein Fernstudium in Psychologie begonnen. Für ihre Abschlussarbeit wählte sie nun das Thema Tod und Trauer.

"Ich bin Menschen begegnet, die mir geholfen haben, ich hab Bücher gefunden, die mich ein Stück weiter gebracht haben. Ich hab angenommen, was passiert ist. Dass mir unglaublich viel weggebrochen ist. Ich hab aufgehört, gegen die Vergangenheit anzukämpfen. Ab dem Moment, wo ich abgenommen habe, sind Türen aufgegangen. Und das ist, was ich für das Wichtigste im Leben halte, dass wir uns dem Fluss des Lebens hingeben und aufhören, zu kämpfen und sagen: Gut, ich schau mal was passiert, was will mir das Leben sagen?"

Hillermann: "Ein Stück weit sehe ich uns auch immer in der Folge der Entwicklung in der Sterbebegleitung, die hat ja auch ganz viel Entschleunigung, Bewusstheit reingebracht, dass es lohnt zu gucken, wie sterben wir eigentlich und was passiert in den letzten Tagen und Wochen. Und geht es da wirklich um den medizinischen Chancenreichtum bis zum letzten Moment oder geht es irgendwann darum, Sterben als Teil des Lebens zu akzeptieren und zu sagen, es geht jetzt einfach um die Bedingungen, gut zu gehen. Diese Gedanken auf das Bestattungswesen zu übertragen und die Menschen damit zu konfrontieren, führt eigentlich dazu, dass es ein großes Aufatmen gibt und eine große Dankbarkeit, überhaupt diese Möglichkeit geboten zu kriegen."

Christian Hillermann vom Hamburger 'Trostwerk'.

"Es gab immer so eine klassische Arbeitsteilung zwischen Bestattungswesen und Kirche, wo die Kirche für das Seelsorgerische zuständig war und die Bestatter für das Organisatorische. Und in dem Maße, in dem weniger trauernde Menschen Trost in der Kirche suchen, ist da einfach eine Leerstelle entstanden."

Nur noch jeder zweite Deutsche wünscht sich eine traditionelle Bestattung mit Kanzelrede, Orgelmusik und Reihengrab. So, wie Christian Hillermann sie erlebte, als sein Vater und das Kind von Freunden innerhalb eines Jahres starben:

"Ich fand das extrem emotional distanziert, es hatte überhaupt nichts mit Anteilnahme, Empathie zu tun. Und dann ist unter einem ungeheuren Zeitdruck alles erledigt worden, völlig überflüssig, wie ich heute weiß. Ich hatte das Gefühl, da fährt ein großer Zug über mich rüber, aber währenddessen hatte man keine Chance, in sich reinzuhorchen, und das fand ich schlecht."

Christian Hillermann, eigentlich Pädagoge von Beruf, wollte es anders machen. Vor zehn Jahren gründete er das alternative Bestattungsunternehmen 'Trostwerk'.

"Das ist die Lücke, in die wir dann reingegangen sind, wo wir gesagt haben, Trauerbegleitung sollte Bestandteil von einer guten Bestattungsdienstleistung sein. Das darf nicht erst drei Wochen später, dass man Menschen wieder zusammenfegt, wo sie emotional auseinandergebrochen sind, sondern, das ist ja auch unsere Erfahrung, je früher man Menschen emotional und professionell und therapeutisch in dieser extremen Ausnahmesituation begleitet, desto mehr Kraft und Trost finden sie, um langfristig den Verlust gut zu bewältigen."

Kohn: "Tatsächlich ist es für mich der tollste Beruf und ich bin sehr dankbar, dass ich mit 45 noch so ne tolle Idee hatte. Er gibt so viel. Ich hab das Gefühl, die Menschen, die zu uns kommen und die ich begleite, die sind so unendlich dankbar, dass sie einen Ort haben, wo sie die wichtigste Person sind und bestimmen, was passiert und was nicht passiert und ich ihnen noch ein Stück weit mehr zuhöre. Ja, ein sehr dankbarer Beruf, der macht mir Freude, der macht mich richtig glücklich."

Auch Gabriele Kohn von 'Memento' in Berlin fühlte sich bei traditionellen Trauerfeiern nicht angemessen getragen und so wechselte sie den Beruf: Von der kaufmännischen Angestellten zur Bestatterin.

"Wir sitzen hier in nem Haus, hinten ist ne Hebamme drin, neben uns das Kinderdorf, das ist alles so im Kreislauf hier. Wir hören oft im Sommer hier die Kinder toben und schreien, und ich sitz hier mit ganz traurigen Menschen. Aber das gehört dazu. Und die sagen, ja, genau, das gehört dazu. Schön, dass die Kinder lachen."

Totenfürsorge ist ein intimer Moment

Seit einigen Jahren gibt es immer mehr Anbieter wie Trostwerk oder Memento, die den Abschied individuell gestalten möchten. Vorbild für diesen Wandel war die AIDS-Selbsthilfe. Mit Aids brach das Sterben in den Alltag gerade vieler junger Menschen ein. Häufig marginalisiert, konnte die herkömmliche Liturgie ihnen keinen Trost und keine Zugehörigkeit bieten. So entstand eine Vielzahl alternativer Abschiedsrituale: Musik von Queen begleitete den Sarg, eigene Texte wurden am Grab gelesen, zum Abschluss stiegen bunte Luftballons in den Himmel. Heute geht es nicht allein darum, besonders originell zu sein. Entscheidend sind auch Ruhe und Entschleunigung.

Kohn: "Für mich ist die Totenfürsorge ein ganz intimer Moment, ich komm dem ganz nahe und rede auch mit dem Verstorbenen, weil's mir selber ne Schwere nimmt und weil vielleicht klappt's dann auch besser, die enge Hose anzuziehen. Mit den Angehörigen zusammen ist es für sie tatsächlich noch mal ein Weg, den Trauerprozess ganz langsam anzufangen, überall dabei zu sein, noch nicht loslassen zu müssen. Das heißt, wir waschen den Verstorbenen noch mal. Mehr rituell. Ich hab dann immer eine große Schüssel mit Ölen dabei und Wasser und Waschlappen; so ein bisschen abtupfen."

Hillermann: "Wir stehen dafür, den Menschen den Zugang zu den Toten wieder zu ermöglichen, also sich sinnlich zu verabschieden, nicht nur ne Stunde am Krankenbett, sondern am nächsten Tag und am übernächsten Tag oder auch vier Tage später, wenn das nicht anders möglich war. Ne sinnliche Erfahrung machen, was es heißt, in dem Menschen, den ich verabschiede, steckt das ganze Leben nicht mehr drin. Wir nehmen Angehörige an die Hand und sagen: Komm, wir gehen jetzt gemeinsam noch mal rein in den Raum, wir fassen den Toten noch mal an. Dieser Baustein ist ungeheuer wichtig fürs langfristige Begriffen-haben. Denn das Körperliche muss ich loslassen, das Seelische muss ich aber nicht loslassen, damit kann ich hervorragend weiterleben, und ich plädiere sogar dafür, dass es gut tut, wenn man mit den Toten weiterlebt."

Kohn: "Ich muss mich erst mal auf die Angehörigen einstellen. Ich überlade die nicht damit, was wir alles machen könnten, sondern ich versuche schon, ihre Ideen umzusetzen. Wenn sie gar keine haben, dann schlagen wir was vor, aber letztendlich entscheiden sie. Und ganz oft ist es so im ersten Moment, dass sie sagen: Ach nein, das passt überhaupt nicht zu Hans, ach nee, das war Hans ja gar nicht. Und plötzlich kommen eigene Ideen: Wie wärs denn, wenn wir seine Katzensammlung da hinstellen oder was auch immer. Oder mit spezieller Musik, sei es, dass jeder noch mal Schokolade kriegt, weil der Verstorbene so ein Schleckermaul war. Oder dass die Angehörigen selber reden auf den Trauerfeiern. Das sind Rituale, die wieder stimmig sind in unserer Gesellschaft, wenn man nicht gläubig ist oder nicht die Rituale der Kirche übernehmen möchte."

Hillermann: "Wir gehen ja therapieähnliche Kurzzeitbeziehungen ein. Wir haben mit der Familie drei, vier Wochen zu tun, die sind seelisch in einer Ausnahmesituation, es gibt ganz viel Offenheit, man lernt sich richtig kennen. Wir begleiten vielleicht vier, fünf Familien parallel, das heißt, die eine Familie ist frisch bei uns, da muss ich mich seelisch zur Verfügung stellen und was mit abfangen. Das ist teilweise hart, man lässt das auch nicht um 16 Uhr im Betrieb zurück. Aber am gleichen Tag habe ich vielleicht mit einer Familie das Abschlussgespräch geführt, die mich dann mit Lob und Dankbarkeit überschüttet. Und so hält sich das nicht immer, aber in der Summe ganz gut die Waage."

Körner: "Ich weiß, dass das ganz schwierig ist, wenn man sagt, dass jedes Ereignis im Leben seinen Sinn hat. Das kann man auch einem Trauernden, der unmittelbar mit dem Tod konfrontiert ist, nicht sagen, weil der dafür gar nicht offen ist. Ich hab in meiner damaligen Situation auch keinen Sinn gesehen. Heute muss ich sagen, dass ich nicht diese Frau wäre, die ich heute bin, wenn dieser Unfall, dieses schreckliche Ereignis nicht gewesen wäre."

Nach dem Abschluss ihres Psychologie-Studiums lässt sich Katharina Körner als Therapeutin und Trauerbegleiterin ausbilden und eröffnet ihre eigene Praxis.

Körner: "Ich glaube, dass es 'ne andere Qualität ist, wenn man einen Therapeuten hat, der weiß, wie sich das anfühlt. wenn man ein Kind zu Grabe trägt, wenn man einen Mann verliert, wenn man Geschwister verliert. Ich hab's nicht aus Büchern, sondern ich hab's gefühlt und das ist noch mal was anderes. Und ich hab gemerkt, dass ich Menschen berühren kann, dass sich Menschen mir öffnen, dass sie mir vertrauen. Ich hab einfach gemerkt, dass da was passieren kann zwischen mir und den anderen Menschen. Und hab das aufgegriffen und dann zu meinem Beruf gemacht."

Ein Leuchten geht von Katharina Körner aus. Und das liegt nicht nur an den langen blonden Haaren und den blitzenden Augen. Es ist die Ausstrahlung einer Frau, die angekommen ist: bei sich und einem großen Ja zum Leben.

"Ich hatte früher ein sehr unbeschwertes Leben, die Existenz wurde von meinem Mann gesichert. Heute sorge ich für mich und zwei kleine Kinder. In manchen Bereichen ist es schwerer geworden, aber es gibt andere Bereiche, in denen ist es reicher geworden. Ich habe eine tolle geistige Entwicklung hinter mir, ich habe Potentiale entdeckt, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie in mir habe. Es ist ein völlig anderes Leben. Ich würde nicht sagen, besser, es ist einfach anders. Aber unterm Strich ist es ein lebenswertes Leben. Darauf kommt es an, dass man sagen kann, es ist mit ganz viel Glück, Liebe und Zufriedenheit gefüllt."

Gronemeyer: "Wir reden nur noch von dem physisch-somatischen Schmerz. Und das, was Luther zum Beispiel mal gesagt hat, der hat die Frage gestellt: Was ist wichtig am Lebensende? Und dann hat er gesagt, es gibt zwei Fragen, die am Lebensende wichtig sind. Die eine lautet: Wem muss ich noch verzeihen? Und die andere lautet: Wen muss ich noch um Verzeihung bitten?"

Überfallartigen Tod aus heiterem Himmel

Der Gießener Soziologe Reimer Gronemeyer.

"Weiß ich, ob ich von alldem, was ich in meinem Leben vermasselt habe, heimgesucht werde? Oder währt das Glück über das, was ich an Liebe erfahren habe? Oder wird unsere Vorstellung von dem, was Zeit ist und was Ende ist, eigentlich in dem Augenblick völlig über den Haufen geworfen? Will sagen, wir nehmen uns etwas, wenn wir uns der radikalen, ungeheuerlichen Erfahrung des Lebensendes nicht aussetzen."

Die große Mehrheit der Deutschen will davon nichts wissen, sie wünscht sich den schnellen, überfallartigen Tod aus heiterem Himmel. Gleichzeitig entwickelt sich 'Das Tibetische Buch vom Leben und vom Sterben', das für ein bewusst erlebtes Ende plädiert, zu einem Bestseller.

Einerseits - andererseits.

Mittlerweile engagieren sich hunderttausend Deutsche ehrenamtlich in Hospizen. Gleichzeitig bringt es die gestiegene Lebenserwartung mit sich, dass heute viele Erwachsene dem Thema Sterben und Tod völlig erfahrungslos gegenüberstehen.

Alternative Bestatter gestalten Trauerfeiern als Gedenken an ein individuelles Leben. Gleichzeitig stieg die Zahl der anonymen Bestattungen ohne Begleitung in den vergangenen Jahren kontinuierlich an.

Krankenhäuser haben heute Abschiedsräume und Palliativstationen eingerichtet. Gleichzeitig fürchten viele Menschen, zum Objekt einer Hochleistungsmedizin zu werden, die den Sterbeprozess quälend in die Länge zieht.

Vor einem Monat stärkte ein Urteil des BGH den Zugang zur Sterbehilfe, und eine Gruppe Parlamentarier schlug vor, den ärztlich assistierten Suizid unter bestimmten Bedingungen zuzulassen (ev. aktualisieren). Drückt sich darin das Recht auf Selbstbestimmung und würdevolles Sterben aus? Oder spiegeln diese Vorstöße einen Machbarkeitswahn, der auch beim Tod nichts dem Zufall überlassen möchte?

Die Entwicklung ist alles andere als eindeutig. Aber die Zeiten, in denen Sterben und Tod konsequent aus der Gesellschaft ausgelagert wurden, sind vorbei. Und es ist gerade der Kontakt mit der Vergänglichkeit, der die eigene Einstellung zum Leben prägen kann. Bestatter Christian Hillermann:

"Ich kriege so viele zerbrochene Lebensentwürfe um die Ohren geschlagen in meinem Beruf. Mit all diesen zerbrochenen Träumen, Hoffnungen, Plänen konfrontiert zu sein, mahnt einfach in sehr besonderer Weise daran, wie es sich mit den eigenen Träumen, Plänen und Hoffnungen verhält, und stellt jeden Tag die Frage, ob ich selber so lebe wie ich gelebt haben möchte, wenn ich eines Tages sterben werde. Insofern ist der Tod immer wieder ein großer Lehrer des Lebens."

Mehr zum Thema:

Roswitha Quadflieg - Über das Sterben der eigenen Mutter
(Deutschlandfunk, Büchermarkt, 14.11.2014)

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