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Im Gespräch | Beitrag vom 06.05.2020

Transsexuelle Soldatin Anastasia Biefang"Ich war sehr gut im Verdrängen"

Moderation: Tim Wiese

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Anastasia Biefang ist die erste Transgender-Kommandeurin der Bundeswehr. (picture alliance / dpa / Sven Simon)
Anastasia Biefang ist die erste Transgender-Kommandeurin der Bundeswehr. (picture alliance / dpa / Sven Simon)

40 Jahre lebt Anastasia Biefang als Mann, sie arbeitet bei der Bundeswehr. Was sie schon lange fühlt, macht Anastasia Biefang 2015 öffentlich: Sie ist eine Frau. Heute ist sie die erste Transgender-Kommandeurin der Bundeswehr.

"Oh Gott, die vertrauen mir wirklich Menschen an." Mit einem Augenzwinkern beschreibt Anastasia Biefang die feierliche Kommando-Übergabe im brandenburgischen Storkow. Das war 2017, seither ist sie die erste Bataillonskommandeurin mit Trans-Hintergrund der Bundeswehr. Fast 800 Soldatinnen und Soldaten hören auf ihren Befehl.

Seit 1994, seit dem Eintritt in die Bundeswehr, führte ihre Karriereleiter nur nach oben. Erst das Pädagogikstudium, dann die Ausbildung für Offiziere im Generalstabsdienst, später wird sie im Verteidigungsministerium gebraucht. Es passte alles, nach außen jedenfalls.  

Angst davor, eine Frau zu sein

Aber etwas Elementares musste sich ändern. Geschlecht "männlich", so stand es in der Geburtsurkunde von Anastasia Biefang. Doch das schien ihr schon lange falsch zu sein.

In der Pubertät zog sie heimlich die Sachen der Mutter an, "ich fühlte mich wohl darin".

Anastasia Biefang wurde bald klar, "so wie ich Gesellschaft kennenlerne, das ist irgendwie anders. Und das ist auch noch anders als schwul oder lesbisch sein." Darüber reden konnte sie lange nicht. Später kam ihr ein Gedanke immer häufiger, sie bekam ihn nicht mehr aus dem Kopf: "Ich glaube, ich bin eine Frau, aber ich habe Angst davor."

Noch als Mann heiratete sie 2001 eine Frau, die Ehe ging in die Brüche.

Coming-Out als Befreiungsschlag

"Ich war wahrscheinlich sehr gut im Verdrängen, sehr gut im Anpassungsverhalten. Was ich aber gemerkt habe, die positiven Stimmungslagen wurden weniger und weniger. Ich habe mich tatsächlich immer mehr in meine Arbeit geflüchtet. Mein Privatleben wurde immer weniger, weil da musste ich ja mit mir selber umgehen."

Das Coming-Out 2015 war ein "Befreiungsschlag". Endlich sollten alle wissen, dass sie zukünftig als Frau leben, sich nicht mehr verstecken möchte.

Die Eltern, der Vater ebenfalls bei der Bundeswehr, hätten Verständnis gehabt. "Irgendwann bin ich mal als Frau, also sichtbar, nach Hause gekommen. Das wurde auch ganz liebevoll von meiner Mama goutiert. Das heißt nicht, dass sie es verstanden haben. Aber wir sind für dich da. Das war immens wichtig."

"Das schaffen wir gemeinsam"

Dann war da noch der Arbeitgeber, auch die Bundeswehr sollte davon wissen. Von außen betrachtet eine noch viel größere Herausforderung. Homosexuelle Soldaten wurden bis weit in die 90er-Jahre "aus Führungspositionen herausgenommen, offiziell zum Schutz des homosexuellen Soldaten. Weil man nicht die entsprechende Autorität hatte", erzählt Anastasia Biefang. Wollten Frauen zu den Streitkräften, blieb ihnen über Jahrzehnte nur der Sanitätsdienst. Erst 2001 wurden alle Laufbahnen für sie geöffnet.

Dennoch, auch ihrem Vorgesetzten wollte Anastasia Biefang endlich von ihrer Transsexualität erzählen, von der geplanten Geschlechtsumwandlung. Sein Satz: "Das schaffen wir gemeinsam", der klingt ihr heute noch in den Ohren. Natürlich war sie erleichtert über diese Reaktion.

Es folgte ein langwieriger Prozess der Transition: erst die rechtliche Angleichung mit Namensänderung, dann eine Hormonersatztherapie, später zwei geschlechtsangleichende OPs.

"Transsexuellengesetz gehört auf den Müllhaufen"

In der Bundeswehr engagiert sich Anastasia Biefang heute auch für die Interessen aller queeren Angehörigen der deutschen Streitkräfte. Sie ist die stellvertretende Vorsitzende des Vereins QueerBw.

In dieser Rolle hat Anastasia Biefang vor allem ein Ziel, die Abschaffung des Transsexuellengesetz von 1981. Das gehört für sie "auf den Müllhaufen der Geschichte".  

Es schreibt vor, so die 45-Jährige, "dass man seinen Vornamen ändern kann, aber auch seinen Personenstand. Also bei der Geburt schaut der Arzt einen an und sagt, 'das ist ein Junge, oder das ist ein Mädchen'. Und entsprechend wird das eingetragen."

Auch bei Anastasia Biefang mussten zwei Gutachter bestätigen, "dass das, was ich über mein Geschlecht sage, tatsächlich auch so ist. Es war einer der fremdbestimmtesten Prozesse, die ich durchlaufen habe. Ich habe mich da nicht mehr als mündiger Bürger und Mensch verstanden."

(ful)

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