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Im Gespräch | Beitrag vom 09.04.2021

Transaktivistin Julia Monro"Das größte Freiheitsgefühl, das man sich vorstellen kann"

Moderation: Britta Bürger

Selbstporträt der Transaktivistin Julia Monro. (Julia Monro)
Julia Monro geht es um Selbst- statt Fremdbestimmtheit. Denn: „Wer legt fest, was männlich und was weiblich ist, wer darf das festlegen?“ (Julia Monro)

Julia Monro wurde in einem männlichen Körper geboren. Als die IT-Fachkraft und Theologin bekannte, sich als Frau zu fühlen, verlor sie fast alles: Freundeskreis, Job, Wohnung, sogar ihre Familie. Jetzt kämpft sie für die Rechte von Transmenschen.

Seit sie sechs, sieben Jahre alt war, wusste Julia Monro, dass sie ein Mädchen war. Obwohl ihre Umwelt in ihr einen Jungen sah.

Doch welchem Geschlecht ein Mensch angehöre, das sei "kein Gefühl, das weiß man einfach", sagt sie heute. Bis zu ihrem Outing als Transfrau mit 35 Jahren hat sie allerdings ein Doppelleben geführt.

Denn nur die Eltern und wenige Vertraute wussten um ihre wahre geschlechtliche Identität. Liebevoll waren die Eltern, erinnert sich Monro, "da träumen andere von".

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Aber die Familie wie der gesamte Freundeskreis waren christlich-evangelikal geprägt und "nicht sehr erbaut" über ihre Transidentität. Darum brachen 90 Prozent ihres sozialen Umfelds "von heute auf morgen" weg, als ihr Frausein publik wurde. Probleme gab es auch bei der Arbeit, selbst mit der Wohnung.

Outing als Wiedergeburt

Dennoch bedeutete das Outing vor mittlerweile fünf Jahren für Monro eine Art Wiedergeburt, "das größte Freiheitsgefühl, das man sich vorstellen kann". Sie fand neue Freunde, die sie akzeptierten, vor allem über Selbsthilfegruppen transsexueller Menschen und die Deutsche Gesellschaft für Transidentität und Intersexualität (dgti). 

Für die dgti ist Monro ehrenamtlich in Beratung und Öffentlichkeitsarbeit tätig. Mittlerweile ein Fulltime-Job, denn sie bekommt Anfragen aus ganz Deutschland.

Monro berät bei den vielen rechtlichen, medizinischen und psychologischen Fragen, die mit einer Transition verbunden sind, also der rechtlichen und körperlichen Angleichung einer Transperson an ihre Identität. Und in Schulen hält sie Workshops über geschlechtliche Vielfalt ab.

Hilfe für Transkinder

Gerade bei Kindern und Jugendlichen, die um ihre Identität ringen, sei gute Beratung besonders wichtig, sagt die Aktivistin. Ohne diese seien Transkinder sehr gefährdet, an Depressionen zu erkranken.

Vor allem müsse man die Kinder ernstnehmen und ihr Suchen nach ihrem eigentlichen Ich nicht als vorübergehende Verwirrung abtun. Aber auch bei Transkindern selbst wirbt sie um Verständnis für die Probleme, die deren Eltern mit einer Transition haben können.

Julia Monro wendet sich zudem an den Gesetzgeber. Der Schutz geschlechtlicher Identität und sexueller Orientierung gehöre ins Grundgesetz, findet sie. Das zeige schon die "erschreckende Alltäglichkeit" von Gewalt und Übergriffen gegen LGBTIQ-Menschen.

Ferner fordert sie ein Ende der "entwürdigenden" psychologischen Begutachtung, der sich Transmenschen unterziehen müssen, wenn sie ihren Namen oder Personenstand ändern lassen wollen. Es sei nicht akzeptabel, dass Betroffene sich für einen simplen Verwaltungsakt "seelisch nackig machen" müssten, etwa durch Fragen nach ihrem Intimleben.

Letztlich geht es Monro um Selbst- statt Fremdbestimmtheit. Denn: "Wer legt fest, was männlich und was weiblich ist, wer darf das festlegen?"

(pag)

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