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Nachspiel / Archiv | Beitrag vom 09.06.2014

TrainingLanger Atem, dünne Luft

Wie man im Sport bei Puste bleibt

Von Birgit Galle

Der US-amerikanische Schwimmer Randall Bal in Aktion am 17.06.2007 über 100 Meter Rücken beim Golden Bear Meeting in Zagreb, Kroatien. Er gewann den Wettkampf über diese Distanz. (picture-alliance/ dpa / epa Antonio Bat)
Schwimmer Randall Bal (USA) (picture-alliance/ dpa / epa Antonio Bat)

Ein- und Ausatmen im Sport sind Teil des Erfolgs. Doch wie füllt die Synchronschwimmerin ihre Lunge? Warum schnauft der Boxer beim Schlag? Und wie schult der Fitnesstrainer die Atemtechnik? Darum geht es in diesem Feature.

Boxhalle Hallensprecher: "Und als Boxer stehen sich gegenüber in der roten Ecke Maik Andersson vom Boxklub Oberhavel und gegenüber in der Blauen Ecke Daniel Jasz ESV Frankfurt/ Oder."

Blaue Ecke Daniel Jasz. Er ist 22 Jahre alt. - Landesmeister will er werden! Landesmeister Brandenburg.

"Ring frei zur Runde eins! Box!" - Gong

Dafür ist er täglich und nach der Arbeit in die Boxhalle gegangen. Er hat die Muskeln trainiert und den Willen. Taktik, Beweglichkeit, Schnelligkeit. Und die Puste gleich mit.

Daniel Jasz: "Also mit der Zeit hat man das dann selber drin, und denn synchronisiert man automatisch die Schläge und Beinarbeit und Atemtechniken - wird alles miteinander harmonieren denn am Ende."

Der Trainer, draußen am Ring. Hans-Joachim Hennig. Anfang 70, mit jungem Gesicht. Früher hat er auch geboxt. Und ist noch gegen Manfred Wolke angetreten, der Olympiasieger wurde. - Warum Boxer so schnaufen?

"Ich kann nich n Schlag machen und denn hinterher – hhh – pusten oder irgend so. Das ist eben so, dass man die ganze Körperspannung reinlegt in den Schlag und versucht, den Schlag so gut wie möglich und so hart wie möglich auszuführen. Und deswegen kommt das chchhh – die Luft praktisch aus dem ganzen Körper raus."

Elisabeth Schönfeldt: "Also ich weiß, dass die Olympiasiegerin, Natalja Ischenko über drei Minuten die Luft anhalten kann. Aber ich glaube, sie kann auch noch länger."

Elisabeth Schönfeldt kann es zwei Minuten lang.

Elisabeth Schönfeldt: "Ich glaube, das ist schon recht viel. Wenn man sich wirklich darauf konzentriert und nicht sich bewegt, dann schafft man natürlich um Einiges länger. Aber das ist ja nicht die Sache beim Synchronschwimmen. Du hast ja die Bewegung noch mit drinne und das Anstrengende ist dieser Wechsel zwischen Ich-kann-Luft-Holen und Ich-bin-für-ne-lange-Zeit-unter-Wasser."

+++Schwimmhalle +++

Laut ist es in der Halle: Durch das Rauschen und Gurgeln des Wassers, durch die Übungs-Musik. Vier ehrenamtliche Trainerinnen arbeiten in Gruppen oder geben Einzelunterricht.

Eine klopft mit einem Stäbchen rhythmisch an den Beckenrand. Das ist Unterwasser zu hören. Danach richten sich die Mädchen. - Manche Bewegungen sind für sie besonders anstrengend.

Elisabeth Schönfeldt: "Wenn du beispielsweise mit dem Kopf unter Wasser und in ne leichte Hohlkreuzposition gehst, das bedeutet, dass du die Beine nach hinten ziehst, und dann die Beine nach vorne ziehst, oder schnelle Wechsel machst, frisst das sehr, sehr viel Sauerstoff oder sehr viel Luft in dem Moment, weil du das Gefühl hast, dass deine Lungen zusammengepresst werden und quasi die gesamte Luft entweicht."

Anfang 20 ist sie, Studentin. Sie schafft es, drei bis vier Mal die Woche zum Training zu kommen, beim Berliner "Schwimm Club Wedding 1929".

Elisabeth Schönfeldt: "Jeden Sonntag um halb acht aufzustehen, in die Halle zu gehen, ins Wasser zu springen, und da zweieinhalb Stunden zu trainieren - man muss sich zusammenreißen. Man muss wirklich sich organisieren können, man muss seinen Tag planen, sowohl im Studium als auch in der Schule, und quasi alles danach ausrichten."

Bernd Schröder: "Diese Situation kennt sicherlich jeder, der mal auf höheren Bergen unterwegs war. Dass man stehen bleiben muss, um Luft holen zu können. Ja, aus keinem anderen Grund."

Bernd Schröder, Bergsteiger.

"Die Beine könnten eigentlich schon noch weiter tragen, aber es fehlt einfach an Luft. Stehen bleiben, hähhhhh, Luft holen. Und in der Regel ist das ne Folge dessen, dass man zu schnell gegangen ist."

Man japst, das Herz pumpt, die Lunge hechelt. - Luft muss her. Durch Mund, Nase, Luftröhre. In die Lungenflügel links und rechts, in die Lungenbläschen mit den Membranwänden. Dort wechselt Sauerstoff ins Blut, zurück kommt Co2. Den Austausch regelt das Atemzentrum im Gehirn. Alarmiert von Sensoren, die den Co2‑Gehalt im Blut registrieren. Das Atmen geschieht also. Ohne Willen und Zutun des Menschen. Er schöpft elf bis fünfzehn Mal in der Minute Luft, halbliterweise. Jedenfalls im Ruhezustand.

Bernd Schröder: "Naja, so wie wir hier sitzen auf quasi Meereshöhe und ganz entspannt, sollte unsere Sauerstoffsättigung so 96 bis 99 Prozent betragen."

Geht es aber auf den Berg hinauf, also über 2500 Meter, sinkt die Sauerstoffsättigung des Blutes. Weil da oben die Luft so dünn ist?

"Der Sauerstoffgehalt in der Atemluft ist immer gleich. Ob ich hier bin oder auch in 30 Kilometer Höhe, es ist immer … - 21 Prozent der Luft besteht aus Sauerstoff. Aber der Luftdruck sinkt. Und indem der Luftdruck sinkt, werden auch die Anzahl der Sauerstoffmoleküle in einem bestimmten Raumvolumen der Luft weniger. Das heißt, ich kann genauso tief einatmen wie hier, aber ich bekomme einfach weniger Sauerstoffmoleküle eingeatmet."

Besonders gefährdet sind Fingerspitzen, Nasenspitze und Gehirn. - Wer die Höhe also nicht sehr, sehr langsam angeht und sich so anpasst, wird höhenkrank, kann ein Hirn- oder Lungenödem bekommen. Ödeme sind Wasseransammlungen.

Bernd Schröder: "Das hört sich auch nicht schön an: Leute, die ein beginnendes Lungenödem haben, haben einen ganz furchtbar rasselnden Atem, und wenn man da nicht umgehend reagiert und mit Betroffenen absteigt, in geringere Höhen, wo sich das im Übrigen auch wieder sehr schnell zurückbilden kann, dann würde - über kurz oder lang würden die ersticken müssen. Ja. Weil das Lungenvolumen absolut nicht mehr ausreicht."

Prana ist ein Wort aus der uralten Sprache Sanskrit. Es bezeichnet den Lebenshauch - den Atem. Und Pranayama bedeutet: das Atmen zu üben. Den eigenen Atem wahrzunehmen und zu vertiefen. Bei der Feueratmung beispielsweise mit rhythmisch zuckendem Bauch. Bei der abkühlenden Atmung über die herausgestreckte Zunge, die zur Rinne geformt wird.

Beim Ozeanischen Atmen wiederum führt man die Luft extra nah am Kehlkopf vorbei. Das klingt wie das Meer am Strand. Eine Woge kommt, eine Woge geht. Einatmen, Ausatmen.

Dieser so genannte Ujaij-Atem trägt das Ashtanga Vinyasa Yoga, ein System aus Übungen, die den Körper dehnen und kräftigen. Asanas. Diese Asanas werden einige Atemzüge gehalten und nacheinander praktiziert, im Fluss, ohne sich zu unterbrechen. Kein Sport soll das sein, sondern spirituelle Übung. Meditation in Bewegung.

Andreas Loh:"Unabhängig davon, ob die Bewegung lang oder kurz, leicht oder schwer ist, wollen wir gleichmäßig atmen."

Andreas Loh ist Yoga-Lehrer.

"So, warum wollen wir gleichmäßig atmen? Gleichmäßig atmen wollen wir, weil wir darüber Einfluss haben auf unsere Psyche. Wir können Einfluss nehmen auf unsere Psyche, unsere Gedanken beruhigen, durch Atemübungen."

Krishna Pattaby Jois ist einer der Ahnen dieses modernen Yoga-Stils. Andreas Loh hat ihn noch kennengelernt. Gleichmäßig zählt Jois hier auf Sanskrit bei einer Yoga-Übung. Eins, zwei, drei. Ekem, dve, trini - und so fort. Jede Zahl - eine Bewegung. Jede Bewegung ein Einatmen oder Ausatmen. Inhale. Exhale. - Jois ist 93 Jahre alt geworden und starb 2006.

"Und er wurde in einer Konferenz, bei der ich war, 2004, in Indien, Mysore, wurde er gefragt: Meister, guruji, wie soll ich denn atmen, bei der Praxis? Wie lang soll denn die Einatmung und die Ausatmung sein? Und ne klare Frage an einen indischen Meister, gibt ne klare Antwort: er hat gesagt: zehn Sekunden einatmen und zehn Sekunden ausatmen. Hab ich natürlich ausprobiert, ist natürlich wie oft bei Indern total übertrieben, ja, weil: wenn man das zehn Sekunden macht, das ist fast unmöglich. Also hab ich angefangen, damit zu experimentieren. Welche Atemlänge ist denn möglich, gleichmäßig zu atmen. Und dann habe ich damals mit nem Metronom angefangen zu üben, ich hab n Metronom eingestellt, und hab das auch zeitweise so unterrichtet, und habe aber festgestellt, dass die meisten Menschen nicht sehr gut damit umgehen können, weil es halt sehr trocken ist, ja mit so nem - knips, knips, knips - ist halt viel zu technoid, und dann hab ich angefangen, Musik zu komponieren, die genau diesen Rhythmus widerspiegelt und die so gestaltet ist, dass, wenn die Musik hochsteigt, dass ne Einatmung ist, so wie die Atembewegung auch ist - atmet ein - und wenn sie abfällt, die Atmung nach unten geht. So dass intuitiv die Leute sofort erkennen können, das ist Einatmung, das ist Ausatmung."

Talayoga nennt Andreas Loh sein Yoga. Entwickelt aus Ashtanga. - Tala bedeutet Seele, Natur und auch Rhythmus.

Andreas Loh: "Das heißt, es gibt nur Positionen, die sind so gestaltet, dass sie möglich sind. Der Übende wird angehalten, so zu üben, dass er im Rahmen seiner Möglichkeiten ist, denn sobald ich über meinen Rahmen rausgehe, wird meine Atmung schnell, wird es krampfhaft, wird es fest, und dann übe ich an der Essenz von Yoga vorbei! Ich versuche die ganze Zeit, ein Ziel zu erreichen. Darum geht es nicht, um ein Ziel, sondern es geht um den jetzigen Moment. Zu sehen, wo bin ich. Wer bin ich."

Der Yogalehrer und Komponist hat dabei genau den Rhythmus getroffen, in dem Urvölker weltweit tanzen.

Andreas Loh: "Die haben alle das gleiche Tempo!" (Lacht.) "Und wir sind genau in dem Bereich. Sensationell. Und zwar ist es auch physiologisch relativ leicht zu erklären: der Ruhepuls beim Mensch liegt zwischen 50 und 70 Schlägen pro Minute. Also sprich das Baby, das erste, was wir erfahren im Mutterleib, ist der Ruhepuls der Mutter. Der zwischen 50 und 70 beats per minute liegt – wenn sie nicht gerade aufgeregt ist und Stress hat.Yogatala liegt Anfang der 50er Beats. Also sprich, möglichst langsam, weil: Wir wollen ja zur Ruhe kommen und wollen ja verlangsamen."

+++

Pause im Brandenburger Boxkampf. In der blauen Ecke bekommt Daniel Jasz Wasser aus der Flasche. Der Trainer fächelt ihm mit dem Handtuch Luft zu und gibt Tipps.

Daniel Jasz: "Man versucht, die Pause zu nutzen und ordentlich durchzuatmen und denn wieder fit in der nächsten Runde zu stehen."

Am meisten Luft und Kraft kostet es Daniel Jasz in so einem Kampf, wenn seine Schläge ins Leere gehen und wenn er Körpertreffer einsteckt. In den Magen und auf die Leber.

"Da versuchen denn die meisten draufzuhauen, weil: Dann kann auch 'n Kampf mal schnell enden, weil man denn nach Luft schnappt und sich nicht in der Lage fühlt, weiterzumachen, und - tja."

+++ Schwimmhalle Training +++

"Kopf nach oben! Und Brustbein"

Elisabeth Schönfeldt:"Du hast in einer Kür, die ist vier Minuten lang, ungefähr, je nach Kür, hast du sehr, sehr wenig Zeit, wirklich Luft zu holen. Aktiv."

Elisabeth Schönfeldt verbringt zwei Drittel der Kür unter Wasser. Dafür holt sie auf Vorrat Luft. Nachschub fasst sie an ganz bestimmten Punkten der Kür. Das trainiert sie genauso wie sie lernt, sich den Vorrat einzuteilen. Jetzt zum Beispiel schwimmt sie wechselweise Bahnen, taucht, führt bestimmte Bewegungen aus: Winken in der Seitenlage: Arm aus dem Wasser recken, anwinkeln, recken, anwinkeln.

Ohne zu schlingern. Synchronschwimmen ist wie Ballett, nur ohne Röckchen. Ist wie Bodenturnen ohne Boden, wie Wasserball ohne Ball. Sehr athletisch. Die Hände paddeln in verschiedenen Techniken, die Beine stoßen sich im Nichts ab. Mal wird gesprintet, mal geschwebt. Gerade hängt Elisabeth Schönfeldt wie aufgespannt und kerzengerade im Wasser, die Zehen spitz oben, den Kopf unten, auf der Nase die Klemme.

Es dauert Jahre, bis eine Schwimmerin reif ist für große Wettkämpfe. Bei Elisabeth Schönfeldt waren es acht. Auch insofern brauchte sie immer einen langen Atem.

An der James-Bond-Choreografie für die nächste Kür trainieren die Sportlerinnen sechs Monate. Bisweilen mit Gewichten im Badeanzug und um die Handgelenke. Bisweilen zweieinhalb Stunden für zehn Sekunden Kür. Wie neulich. Es ging um einen boost, ein Aufschnellen aus dem Wasser hoch in die Luft.

Elisabeth Schönfeldt: "Eine Schwimmerin steht in der Hocke unter Wasser, eine andere Schwimmerin steht hinter ihr beziehungsweise an den Schultern unter ihr und hebt sie hoch, drückt sie nach oben. Das heißt, die Schwimmerin, die in der Hocke stand, öffnet dann die Beine nach oben, und fällt nach vorne. / Das Schwierige daran ist, dass du wirklich gerade nach oben gehst, das heißt, nicht nach hinten gehst, nicht nach vorne gehst, sondern gerade nach oben gehst, und dann nach vorne fällst."

Leistungssport mit Luftmangel. - Um den zu beherrschen, schaut Elisabeth Schönfeldt beim Tauchen nicht zum Ende der Bahn, sondern auf den Kachelboden. Und sie stößt zwischendurch Luft aus, um den Co2‑Alarm im Gehirn zu dämpfen. Sie kennt ihre körperlichen Grenzen genau. - Nur ein einziges Mal ist ihr schwarz geworden vor Augen.

Elisabeth Schönfeld:"Ich bin aufgetaucht. Also, ich hab die Bahn noch durchgehalten, weil, das ist dieser Ehrgeiz, den man hat, ich will die Bahn schaffen trotzdem, und hab die Bahn geschafft am Ende und hab dann Luft geholt und war alles gut gewesen."

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Bernd Schröder: "Der höchste Berg in meinem Leben war der Aconcagua - knapp 7000 Meter hoch, in den Argentinischen Anden gelegen, höchster Berg Amerikas, also einer der seven summit-Gipfel."

Die Seven Summits, die höchsten Berge aller sieben Kontinente: mit Mount Everest im Himalaya, Kibo im Kilimandscharo und eben Aconcagua in den Anden. Dort war Bernd Schröder vor mehr als zehn Jahren. Mit einer Gruppe. Vorher haben sie etliche Probetouren in die Alpen unternommen – und steuerten in den Anden erst noch einen Fast-Siebentausender an.

Bernd Schröder: "150 Kilometer weiter nördlich, gar nicht so viel weniger hoch, Mercedario heißt dieser Berg, 6770 Meter hoch, also auch schon ganz ordentlich, und da haben wir uns sehr, sehr viel Zeit gelassen und auch viel Akklimatisationsarbeit geleistet."

Ein Wagen hatte sie am Ende der Straße in der argentinischen Pampa abgesetzt. Drei Tage lang gingen sie unter glühender Sonne zum Basislager. Von dort aus erkundeten sie die Route zum Gipfel und richteten Hochlager mit Zelten, Schlafsäcken und Nahrung ein. Das erste auf 4600 Metern. Wie meist hatte Bernd Schröder keine Probleme, sich an die Höhe anzupassen. Das Schnaufen jedoch, sagt er, das war wieder richtig Arbeit.

"Die Relation Atmung zu Schritt - wenn ich hier vielleicht zehn Schritte mache und dabei einmal atme, ist es in den Hochgebirgen - mache ich zwei Schritte und muss einmal atmen, also die Relation, die sinkt ganz drastisch."

Ein Schritt - einatmen, ein Schritt - ausatmen. Klingt ausbalanciert. Ist es aber nicht. Weil das Terrain keine regelmäßigen Schritte zulässt.

Auf 6200 Metern lag das letzte Höhenlager am Mercedario. Nur 570 Meter vom Gipfel entfernt. Diese Höhe schaffte Bernd Schröder dann allerdings nicht. Er hatte sich mit einem anderen Bergsteiger auf eine herausfordernde Route begeben - und wurde vom Büßerschnee gestoppt. Gefrorenem, scharf geformtem Schnee. In meterhohen Zacken.

+++ Schwimmhalle +++

Elisabeth Schönfeldt: "Also ich hab früher auch ganz dolle Asthmaprobleme gehabt, durch Allergie."

Die Synchronschwimmerin Elisabeth Schönfeldt.

"Ich hatte immer das Gefühl, dass es in der Schwimmhalle besser wird, weil die Luft gereinigter ist - aber kenn das Problem, durch diesen Chlorfilm, dass man das nicht verträgt, und dadurch Atemprobleme bekommt."

Es ist aber nicht der Sport, der krank macht! - betont Anja Scheiff. Sie ist Apothekerin bei der Nada, der Nationalen Antidopingagentur. Krank machen Allergene und die Anfälligkeit dafür.

"Also es gibt ja diesen Vorwurf, dass zum Beispiel alle Radfahrer Asthma haben. Und entsprechend jeder auch ein Asthmaspray braucht. Das kann man so pauschal, würde ich sagen, nicht bejahen. Es ist schon so, / dass durch die verschiedenen Einflussfaktoren, wie Pollen, Allergene, die Austrocknung der Atemwege, aber auch kalte Luft, insbesondere bei den Wintersport-Arten Asthma in Ausdauersportarten schon gehäufter vorkommt. Also der Anteil der Sportler wird - je nach Studien - mit um die zehn Prozent angegeben, man darf aber nicht vergessen, dass in der Normalbevölkerung in den Industrieländern/ der Anteil der Asthmatiker mit bis zu 30 Prozent angegeben wird. In Deutschland entwickelt fast jedes zehnte Kind ein Asthma. Das heißt, die Sportler liegen damit im Durchschnitt der Normalbevölkerung. Man kriegt das da natürlich sehr viel stärker mit. Weil bei einem Anstrengungsasthma das Asthmaspray relativ kurz vor der körperlichen Belastung angewandt werden muss. Und wenn da natürlich gerade auch eine Fernsehkamera reinschwenkt, dann haben sie eben Millionen von Leuten gesehen."

Beim Inhalieren. - Sind Asthmasprays denn erlaubt?

"In diesen Wirkstoffklassen gibt es die so genannten Beta-2-Agonisten - da ist aus Dopingsicht schon zu erwähnen, dass inzwischen einige der Substanzen erlaubt sind. Die waren also viele, viele Jahre für Sportler verboten, inzwischen sind ein paar Substanzen erlaubt, die die meisten der in Deutschland verschriebenen Asthma-Sprays inzwischen abdecken."

Sie weiten die verengten Bronchien. Sie gehen direkt in die Lungen. Anders Tropfen und Säfte. Sie wirken in den ganzen Körper. Es gibt da, sagt Anja Scheiff, Stimulanzien-ähnliche, also aufputschende Stoffe, und eine Komponente, die Muskeln wachsen lässt. Tropfen und Säfte sind also verboten.

Darüber können, ja müssen sich Sportlerinnen und Sportler selbst informieren. Auf der Liste verbotener Substanzen und Methoden, jährlich erneuert von der Welt-Antidoping-Agentur Wada. Auch Manipulationsstoffe für eine bessere Sauerstoffversorgung stehen darauf.

"Das bekannteste ist natürlich das Erythropoietin, das Epo. Das ist ne Substanz, die die Reifung und Stimulation von Erythroziten anregt, so dass die roten Blutkörperchen mehr Sauerstoff von der Lunge in die einzelnen Körperzellen, eben auch in die einzelnen Muskelzellen transportieren können, womit man also langfristig seine körperliche Ausdauer immens steigern kann."

Epo,ein Synonym fürs Doping im Radsport. Genommen haben es viele - nicht nur Lance Armstrong, Jan Ullrich und Erik Zabel - und gestorben ist schon mancher daran.

Zu den verbotenen Mitteln und Manipulationen zählen auch Transfusionen, die dem Athleten mehr Erythrozyten, mehr rote Blutkörperchen, mehr Sauerstoff-Transporteure bescheren. Meist sind es Eigenblut-Transfusionen. Erst regt ein Höhentraining die Erythrozyten-Produktion an, dann erhöht das angereicherte Blut die Siegchancen.

Nun hat die Wada Blutpässe entwickelt.

"Und im Rahmen dieser Kontrollen werden ganz - in Anführungsstrichen - normale Blutparameter gemessen. / Damit erstellt man sozusagen von jedem Athleten eine Langzeitbeobachtung. Also ein Profil. / Und da kann man sehr fein Auffälligkeiten sehen. / Das heißt, wenn so etwas vorliegt, kann man dann n Athleten auch noch mal sehr bewusst kontrollieren. Es ist ja oft so, dass Sportler, wenn sie zu verbotenen Methoden und Substanzen greifen möchten, nicht nur eine Manipulation begehen."

+++

Bernd Schröder: "Was immer natürlich noch ne Diskussion ist, ist die Frage: ist der Einsatz von künstlichem Sauerstoff nicht schon ein Hilfsmittel, was eigentlich zum Bereich des Dopings gehört?"

Beim Höhenbergsteigen, meint Bernd Schröder.

"Weil: wir atmen Sauerstoff, wir brauchen ihn - das, was ich sowieso normalerweise brauche, wenn ich das jetzt noch ein bisschen zusätzlich einsetze, kann doch eigentlich nicht so schädlich sein. Kein Doping!"

Juristisch sind die Sauerstoff-Flaschen also kein Doping. Und ethisch?

"Es wird auch meines Wissens fein säuberlich unterschieden, beim Höhenbergsteigen, ob ein Gipfel mit oder ohne den Einsatz von künstlichem Sauerstoff erreicht worden ist. Also jeder, der sich ein bisschen so mit dem Bergsteigen befasst, weiß: 1953 Erstbesteigung des Mount Everest, mit Einsatz von Sauerstoff, 1978 erste Besteigung des Mount Everest ohne Sauerstoff, ohne Zugabe von künstlichem Sauerstoff, Reinhold Messner, Peter Habeler - ist n Markstein gewesen. Das war ne Sensation definitiv."

Bernd Schröder benutzt keinen künstlichen Sauerstoff. Er trägt nur eine Sturmmaske gegen die Kälte (die aber schnell vereist) und atmet bei minus 25 Grad nicht mehr durch die Nase, nur noch durch den Mund. Und hört sich selbst atmen.

"Es ist mir mehrfach so gegangen, dass ich ganz überrascht war, wie gut ich meinen eigenen Atem höre, /obwohl ich ne dicke Wollmütze aufhatte und darüber noch ne Kapuze gezogen, ne gepolsterte mit Daunen. /Und dennoch war durch die inneren Kanäle die eigene Atmung zu hören, und das kam mir immer mal so vor, als würde ich wen anders wahrnehmen."

Fast eine spirituelle Erfahrung, kontemplativ und hilfreich gegen die langweiligen Phasen des Gehens und gegen lähmende Gedanken wie: warum quäle ich mich hier eigentlich so?

Daniel Jasz im Kampf um die Landesmeisterschaft. Ein harter Fight. Der Gegner schenkt Jasz nichts. Daniel Jasz ihm auch nicht. Er wirkt entschlossen und erstaunlich beherrscht.

Daniel Jasz: "Wenn man ruhiger und kontinuierlicher atmet, denn kann sich mehr Kraft sparen und" - zieht Luft – "und hat halt mehr, sozusagen mehr Puste für den Kampf."

Hatte er denn schon mal Angst, dass seine Puste nicht reicht?

"Ja klar" - amüsiert – "man versucht sich dann über die Runden zu bringen, also bei den Männer ist das ja drei mal drei Minuten, hört sich jetzt nicht so lange an, aber ist ne ganz schön lange Zeit, wenn man selber im Ring steht und ja, also: Man muss manchmal schon kämpfen."

Daniel Jasz boxt beim Eisenbahnersportverein Frankfurt/ Oder. Der kleine Verein und die riesige Sportstätte haben schon deutlich bessere Zeiten gesehen.

Aber Hans-Joachim Hennig gibt nicht auf: Das hier war schließlich einmal das Wolke-Camp, von hier kam ein Henry Maske, ein Axel Schulz. Boxstadt Frankfurt/ Oder. Alles lange her, klar.

"Mach mal einfach so aus der Schulter, bamm bamm“ - Atem des Kindes

Wenigstens neue Sandsäcke gibt es jetzt, einen neuen Ring, frische Farbe an den Wänden. Das Werk von Vereinsmitgliedern und freiwilligen Helfern.

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Der Trainer hat noch allerhand Puste, mit seinen 73. Er freut sich, wenn Jungs, die er hier heranzieht, es weiterschaffen. Auf Sportschulen etwa. Er freut sich über jedes Kind, das es mit dem Boxen versucht.

"Wir haben hier schon viele kleine Jungs gehabt hier. So. Und die alle: ja, Boxen, Boxen, Boxen. Und denn haben sie gemerkt, naja, ist eigentlich doch nicht so, strengt n bisschen an, und das ist nicht so. Oh, wir wollen Fußball spielen. Ich sag, was wollt ihr mit Fußball. Ich sag, pass mal uff, da musste eins wissen, wenn du beim Fußball - eh du Landesmeister wirst, beim Fußball, da sind das 11 oder 12 oder 15 Leute, die Landesmeister sind, da kannst du die größte Pfeife sein und bist Landesmeister. Wenn du aber hier beim Boxen Landesmeister bist, dann bist du das."

Hans-Joachim Hennig hat Daniel Jasz für die Halle eigene Schlüssel. Für Trainings-Überstunden.

"Letztlich ist es ja auch so, muss man ja klar sagen, mit diesem Sport in unsrer Ebene hier, da kann man kein Geld verdienen. Oder jedenfalls nicht so viel Geld verdienen, dass man davon leben kann."

Deshalb muss Daniel Jasz anders an seiner Zukunft arbeiten. Als Heizungsbauer. Trotzdem: Seit einem Jahr boxt er jetzt beim Eisenbahnersportverein und Hans-Joachim Hennig - er möchte wieder richtig einsteigen.

"Und hier das Urteil!: Einstimmiger Sieger nach Punkten, blaue Ecke, Daniel Jasz, vom ESV Frankfurt/ Oder" Beifall

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Bernd Schröder: "Ich war mit zwei Freunden unterwegs, also wir waren eigentlich 3er-Gruppe, eigentlich eine 4er-Gruppe, aber einer hatte gleich gesagt, er bewacht unsere Hochlagerzelte und ist die Rückfallebene, falls irgendwas schief geht, und wir sind also zu dritt aufgebrochen"

Am Aconcagua, im Licht der aufgehenden Sonne.

"Meine beiden Freunde haben dann in dieser Höhe von 6200 gesagt, sie kehren um, der eine, weil er Kopfschmerzen hatte, der andere sagte, er fühlt sich heute nicht leistungsstark genug, um bis zum Gipfel durchzuhalten, dann war ich alleine, was von unserer Seite aber nur stimmt, weil insgesamt waren schon noch andere Menschen am Berg, weil Aconcagua ist man nie alleine, und auf den letzten 400 Metern war ich dann parallel zu ner australischen Gruppe, die sich allerdings nicht so optimal vorbereitet hatte, die hab ich überholt. Und es war traumhaft."

Und wie war die Luft?

"Also ich hätte noch deutlich weiter hochsteigen können. Ich hab keine Luftprobleme gehabt. Würde ich jetzt vielleicht sagen: aus dem momentanen Glücksgefühl heraus. Aber ich hab in der Tat keine Atemnot gehabt." 

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