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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 06.11.2020

Traditionsreiche MutterspracheIn Antwerpen spricht man noch Jiddisch

Von Margalit Berger und Anja von Cysewski

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Ein jüdisch orthodoxer Mann mit schwarzem Mantel und Hut läuft mit einem Kind eine Straße entlang. (Imago / imagebroker)
Auf den Straßen von Antwerpen hört man noch Jiddish: Orthodoxe Juden geben ihr Sprachwissen an ihre Kinder weiter. (Imago / imagebroker)

In vielen Stadtvierteln in Europa war Jiddisch mal Umgangssprache – an Orten, wo es geschlossene jüdische Milieus gab. Das ist seit der Shoah anders. Doch in Antwerpen sprechen vor allem orthodoxe Jüdinnen und Juden noch Jiddisch miteinander.

Drei streng religiöse Juden, oder Charedim, unterhalten sich nach dem Morgengebet. Sie tragen Schläfenlocken und schwarze Kaftane und stehen vor einem Shtibel, einer der vielen kleinen Gebetsstuben im jüdischen Viertel Antwerpens.

Auf der Straßenseite gegenüber erledigen religiöse Frauen ihre Einkäufe. In hochgeschlossenem Kleid und Perücke schieben sie Kinderwagen vor sich her, die mit Einkaufstüten behängt sind. Jiddisch ist die Umgangssprache hier. Gleich um die Ecke ist die jiddische Krabbelgruppe. Kindergärtnerin Etty verteilt Eislollies an die Kinder. Gerade sind sie zurück von einem Ausflug auf die Straße. Heute stand Verkehrserziehung auf dem Programm – und die Frage, wer das Fahrrad, das Velo, gesehen hat.

"Wer hat gesien a Velo?", fragt die Kindergärtnerin. "Ich hob gesein!", antwortet eines der Kinder. Und: "Wer is gewein op de Velo? A Tati?" – Die Kleinen haben nicht nur den Tati, den Vater, auf dem Fahrrad gesehen, sondern auch ein Auto und einen Lastwagen.

Die Kinder sitzen auf bunten Kissen und zeigen aufgeregt auf die Bilder an den Wänden: Unterschiedliche Fahrzeuge hängen dort, dazwischen Abbildungen der jüdischen Feiertage und hebräische Buchstaben in Großschrift. 

Lehrer und Kinder reden Jiddisch

Die rund 20 Mädchen und Jungen lernen hier auf Jiddisch die religiösen Grundlagen kennen. Einer der wichtigsten Werte im Judentum ist Barmherzigkeit, oder Chesed, sagt Leiterin Fanny Rosenbaum.

"Lemer suggen als Chesed, wiesu helft men en andere. Bei den Kinder men muss aufpassen nischt schlugen, men meg nischt tsinemen kane Schpilzaig, men mis machen voile, as ener het eppes getin, men mis mevater zan, en aso water."

Fanny will den Kindern beibringen, miteinander zu teilen und Konflikte friedlich zu lösen. Sie dürfen sich nicht schlagen, kein Spielzeug wegnehmen. Und wenn jemand was getan hat, muss er sich entschuldigen. Mit drei Jahren verlassen die Kinder die Spielgruppe, viele von ihnen gehen dann in den Cheder, die Toraschule, die sich ein paar Häuser weiter befindet. Und auch hier läuft der Schulalltag auf Jiddisch ab, sagt Lehrer Naftali Moskovitz.

Die Sprache der Urgroßväter

Lehrer und Kinder reden Jiddisch, und auch die Zettel mit Informationen für die Eltern sind in hebräischen Buchstaben auf Jiddisch geschrieben, sagt Naftali. Er trägt die Alltagskluft der streng religiösen Juden: weißes Hemd, schwarzer Anzug. Auf dem Kopf eine Kippa aus schwarzem Samt. Naftali gehört zur Gruppe der Belzer Chassidim, die Ursprünge dieser jahrhundertealten Gemeinschaft liegen in der heutigen Ukraine. Jiddisch zu sprechen, das verbindet Naftali mit seinen Vorfahren.

Jiddisch ist die Sprache der Seides und Alte-Seides, der Großväter und Urgroßväter. Und das ist auch der Grund, warum die Sprache für viele Menschen so wichtig ist.

Jiddisch ist aber nicht nur eine Brücke in die Vergangenheit. Die Sprache hat auch eine wichtige Funktion im Hier und Jetzt. Sie verbindet die jüdischen Gemeinschaften in aller Welt. Hochburgen des Jiddischen sind neben Antwerpen auch New York, Jerusalem, Montreal und London. Wichtigster Treffpunkt sind Chasenes, also Hochzeiten, die oft mit Hunderten von Besuchern aus vielen Ländern gefeiert werden. Auf einer solchen Hochzeit hat auch Perry Heymann aus London ihren Mann kennengelernt.

Jiddische Liebesgeschichte

"Ich hab getrofen mein Mann asoi: Mein Mann is gekomen van Belgie op en Chasene. En dan heben we getrofen op de Chasene en dan is hij gekomen tsi main Haim. Ober ich bin schoijn geweijn verliebt op hem. In aijn Blik! Asoi. Es is gewein gewaltig."

Wenig später hält der junge Belgier bei Perrys Eltern um ihre Hand an. Für beide ist es Liebe auf den ersten Blick. Fast wie im Märchen.

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"Ins heben Chasene gehabt schon 44 Juer. En es is herrlich. En zimmer noch verlibt als de Tag we hebben Chasene gehad."

44 Jahre ist das jetzt her und die beiden sind immer noch glücklich wie am Hochzeitstag. Perry ist eine imposante Erscheinung: groß, mit eleganter blonder Perücke, blauen Augen und vielen Lachfältchen. Für ihren Mann ist sie damals von London nach Antwerpen gezogen. Dass sie sich hier gleich wohlfühlte, lag auch an der jiddischen Sprache, die die englischen Freundinnen ebenso sprachen wie die belgischen.

Niederländisch an der Abendschule

"Met die englishe Chavertes heb ich geredt Jiddisch, en mit de belgische Chavertes heb ich geredt Jiddisch, en ich ben glach gegan zi en Avondschool zi lernen Nederlands. En a halbe Juhr speter heb ich geredt perfekt Nederlands, want ich halt, wenn ich kim zi a Land, darf ich reden de Sprach van de Land."

Perry hat sich damals gleich in die Abendschule eingeschrieben, um Niederländisch zu lernen. Denn die Landessprache muss man beherrschen, meint sie. Auch ihre fünf Kinder sollten neben dem Jiddischen gutes Niederländisch sprechen. Und auch ihre zweite Muttersprache Englisch hat Perry an die Kinder weitergegeben.

Wie Perrys Kinder lernen viele jiddische Muttersprachler im Laufe ihres Lebens mehrere Sprachen. Diese Sprachvielfalt verändert das Jiddische, das sich von Land zu Land unterscheidet. Lehrer Naftali Moskovitz macht das am Beispiel seiner Enkel in Amerika klar.

"Im Jiddischen fühle ich mich zu Hause"

Wenn die amerikanischen Enkel Jiddisch reden, dann ist eigentlich jedes fünfte Wort Englisch. Und auch das Antwerpener Jiddisch, für Naftali das reinste gesprochene Jiddisch, ist durch die Landessprache beeinflusst.

Niemand weiß, wie man "Tomate" auf Jiddisch sagt – oder "Pinguin". Das sind zwei Worte, die aus dem Niederländischen ins Antwerpener Jiddisch kamen. Wird die jiddische Sprache sich dadurch irgendwann selbst abschaffen, mit anderen Sprachen verschmelzen und verschwinden? Perry Heymann macht sich darüber keine Sorgen. Jiddisch lebt, sagt sie. In jüdischen Familien ebenso wie in chassidischen Shtibeln, den Gebetsstuben in aller Welt.

"En ich main men darf sich net zorgen as dus wet aweggain, wail we gebben dis iber an insere Kinder, wail jeder redt es. Alle haimische Shtibel redden dus, alle jiddische Shtibel reden dus."

Jiddisch ist für Perry die Mameloshn, die Muttersprache. Hier fühlt sie sich zu Hause.

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