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Buchkritik | Beitrag vom 18.02.2021

Tove Ditlevsen: "Jugend" und "Abhängigkeit"Tiefe Gefühle inmitten einer harten Wirklichkeit

Von Peter Urban-Halle

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Zu sehen sind die Cover der Bücher "Abhängigkeit" und "Jugend" von Tove Ditlevsen. (Aufbau Verlag / Deutschlandradio)
Je nach Lage und Laune ist Tove Ditlevsen zielstrebig und von Selbstzweifeln geplagt. (Aufbau Verlag / Deutschlandradio)

Das Schreiben war ihr Rettungsring: Das Werk der Dänin Tove Ditlevsen ist eine fantastische Wiederentdeckung. In ihrer autobiografischen Trilogie erzählt sie von ihrem Weg zur Autorin, ihren Ehen und ihrer Medikamentensucht.

Nun ist Tove Ditlevsens autobiografische "Kopenhagen-Trilogie" vollständig. Nach "Kindheit" im Januar erschienen in diesen Tagen die Bände "Jugend" und "Abhängigkeit": die Erinnerungen an ihren Weg zur Autorin beziehungsweise die ersten drei Ehen und ihre Medikamentensucht.

"Kindheit" handelte von Toves geistigen Überlebensstrategien im engen Milieu des Kopenhagener Arbeiterbezirks Vesterbro der 20er-Jahre und ihrem ambivalenten Verhältnis zu den grundverschiedenen Eltern. Mithilfe ihres sorgsam gehüteten Poesiealbums träumt sie den Traum von der magischen Welt des Wortes, einen Traum, der sie von der Umgebung abhebt.

Hangeln von einer ungeliebten Arbeitsstelle zur nächsten

"Was in Büchern steht, ist gelogen", hatte ihr großer Bruder gesagt. Doch sie schreibt ihre eigene Wahrheit, die Wahrheit tief empfundener Gefühle inmitten einer harten sozialen Wirklichkeit.

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Im Grunde sind alle ihre Texte autobiografisch. Das Schreiben ist ihr Rettungsring, das merkt man spätestens nun im zweiten Band "Jugend", der in den 30er-Jahren spielt. Sie macht eine Art Mittlere Reife und geht mit 14 von der Schule ab, den Besuch des Gymnasiums erlauben die bescheidenen Verhältnisse nicht. Sie hangelt sich von einer ungeliebten Arbeitsstelle zur nächsten.

Durch eine Freundin lernt sie einen Antiquar kennen. Ausgerechnet bei ihm, der doch von lauter Büchern, also Fiktionen umgeben ist, kommt ihr das Leben "wirklich" vor. Im Grunde sehnt sie sich nur nach dem 18. Geburtstag und einem eigenen Zimmer. Es ist eine Zeit, die sie "nicht schnell genug überwinden kann".

Sie heiratet, weil ihr Mann ihre Gedichte veröffentlicht

Mit 18 lernt sie Viggo F. Møller kennen, den Herausgeber der Literaturzeitschrift "Wilder Weizen", einen rundlichen, alleinstehenden Mann von Mitte fünfzig. Sie findet ihn sympathisch. Aber sie liebt ihn nicht.

Er nützt ihr, und sie heiratet ihn, weil er ihre Gedichte veröffentlicht und ihr den Zugang zum "Club junger Künstler" verschafft, mit lauter Autoren, die später berühmt werden sollten. 1939 debütiert sie mit "Mädchenseele", einem Gedichtband mit konventionellen Bildern und traditionellen Formen, aber echten Empfindungen.

Starke Menschenkenntnis und kühle Beobachtungsgabe

Die Ehe mit Viggo F. wird nie vollzogen - übrigens von seiner Seite aus. Nach dem ewigen Studenten Ebbe, mit dem sie ein Kind hat, lernt sie den Arzt Carl Ryberg kennen, der ihr bei einer Abtreibung das Schmerzmittel Pethidin spritzt. Das führt zu einer Medikamentenabhängigkeit, aus der sie erst der Journalist Victor Andreasen rettet; er wird ihr vierter Ehemann.

Doch die Sucht "stirbt nie ganz, solange ich lebe." Damit endet dieser dritte Band, der neu und etwas eleganter und authentischer übersetzt wurde. Die Erstübersetzung unter dem Titel "Sucht" 1980 erregte kein Aufsehen, auch Bücher haben ihre Zeit.

Tove Ditlevsen muss widersprüchlich gewesen sein. "Vielleicht bist du selbst kompliziert, und deshalb ist es dein Leben auch", heißt es irgendwo. Je nach Lage und Laune ist sie zielstrebig und von Selbstzweifeln geplagt. Manchmal ist sie von ungewöhnlicher Passivität, sie lässt die Dinge geschehen. Zugleich hat sie eine starke Menschenkenntnis und kühle Beobachtungsgabe und konventionelle Tabuvorstellungen machen ihr keine Angst.

Tove Ditlevsen: "Jugend" und "Abhängigkeit"
Aus dem Dänischen von Ursel Allenstein
Aufbau Verlag, Berlin 2021
Insgesamt 330 Seiten, pro Band 18 Euro

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