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Weltzeit / Archiv | Beitrag vom 16.11.2016

Touristen im Yosemite ParkNaturwunder in Gefahr

Von Wolfgang Stuflesser

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Der markante Felsvorsprung El Capitan im Yosemite-Nationalpark (Foto: Wolfgang Stuflesser)
Eins der Highlights im Yosemite Nationalpark: Der markante Felsvorsprung El Capitan (Foto: Wolfgang Stuflesser)

Die große Beliebtheit des kalifornischen Nationalparks Yosemite ist eine Herausforderung: Die Park Ranger müssen einen Ausgleich finden zwischen dem Ansturm der Touristen und dem Schutz der einzigartigen Natur. Dafür geht die Parkverwaltung ungewöhnliche Wege.

Doug Mewhinney: "It just makes you feel so small and unimportant."

Doug Mewhinney steht im Yosemite Tal und schaut auf El Capitan. Der riesige Granitfels ragt 1.000 Meter hoch aus dem Tal heraus, sein Gipfel liegt 2.300 Meter über dem Meeresspiegel. Entstanden vor mehr als 100 Millionen Jahren, ist El Capitan, auf Deutsch "Der Häuptling”, eines der Wahrzeichen des Yosemite-Nationalparks. Kein Wunder, dass Doug beim Anblick des hellgrauen, erstaunlich glatten Felsmassivs ins Philosophieren kommt: "Die Natur wird noch lange nach uns da sein", sagt er, "und sie war lange vor uns hier. Sie kümmert sich nicht um uns, sondern ist einfach grandios."

Ein Gletscher hat sich in der letzten Eiszeit durchs Yosemite-Tal gewälzt und ihm dabei seine Form gegeben. Heute wälzen sich vor allem Touristenmassen durch die prachtvolle Landschaft. Mehr als vier Millionen sind es im Jahr. Wie Alex, Carl und Sakku aus Finnland, die einen Rucksacktrip durch den Park machen und, wie sie sagen, alles sehen wollen.

Das hier sei sein Büro, sagt Scott Gediman und lächelt verschmitzt. Er ist Park Ranger im Yosemite Park und steht nicht in einem wirklichen Büro, sondern auf der Wiese Cooks Meadow im Herzen des Parks:

"Das ist einer meiner Lieblingsplätze, weil man hier einen 360-Grad-Rundum-Blick hat. Dort oben sieht man den Upper Yosemite Fall, den höchsten Wasserfall des nordamerikanischen Kontinents, im Osten dann Half Dome – dieser halbkugelförmige Fels ist das inoffizielle Wahrzeichen des Parks. Das da drüben ist Sentinel Rock, der bei Kletterern besonders beliebt ist. Dann natürlich El Capitan – und umgeben sind wir von dieser schönen Wiese mit dem Merced River."

Die ersten Menschen betraten wohl vor acht- bis zehntausend Jahren das Tal, und seit mindestens 3000 Jahren gab es dauerhafte indianische Wohnstätten. Erst 1851 verschlug es die ersten amerikanischen Siedler hierher. Unter ihnen der Arzt und Naturforscher Lafayette Bunnell. Er schrieb über seine erste Begegnung mit der Naturschönheit dieser Gegend später:

"Als ich mir das Tal anschaute, schien ein merkwürdig erhabenes Gefühl mein ganzes Wesen zu erfassen – und meine Augen füllten sich mit Tränen. Mit Enthusiasmus sagte ich: 'Ich habe hier die Kraft und den Ruhm eines höheren Wesens erfahren. Diese Felsen sind Zeugen der Majestät seiner Schöpfung.'"

Der berühmte Name ist Kriegspropaganda

Leider zollten Bunnell und seine Leute den hier lebenden Menschen nicht denselben Respekt wie der Natur: Ihr Mariposa Bataillon hatte das Ziel, die im Tal siedelnden Indianer zu vertreiben, die sie für einen Angriff auf eine nahegelegene Siedlung verantwortlich machten.  Bunnell gab dem Tal auch seinen heutigen Namen – "Yosemite" – er glaubte, so heiße der hier lebende Indianerstamm. Ein Fehler: "Yosemite" bedeutet wörtlich übersetzt "Sie sind Mörder” - so bezeichnete der Stamm der benachbarten Miwok-Indianer ihre Feinde, die im Tal lebenden Ahwahneechee. In deren eigener Sprache hieß die Gegend "Ahwanee", was wörtlich übersetzt so viel wie "offener Schlund" bedeutet. Im Grunde ist der heute so berühmte Name "Yosemite" also eine Beschimpfung, ein Stück Kriegspropaganda.

Die Nachricht, dass es hier einen hunderte Meter hohen Wasserfall gebe, verbreitete sich schnell in den USA und zog Touristen an. Allerdings brauchten sie eine gewisse Ausdauer: Zwei Tage dauerte die Reise mit der Kutsche von San Francisco bis zur nächstgelegenen Stadt. Dann folgte, mangels befestigter Straßen, ein dreitägiger Treck zu Fuß oder auf dem Rücken eines Pferdes über schmale Gebirgspfade an den Granitfelsen entlang. Doch für viele lohnte das Ziel die Mühe allemal: Bald schon kursierten Zeichnungen, Gemälde und erste Fotografien des Tals.

Und im Grunde wurde hier die Idee der Nationalparks geboren, erzählt Park Ranger Scott Gediman. Das war, als Präsident Lincoln 1864 ein Gesetz mit dem Namen "Yosemite Grant” unterzeichnete:

"Die Vereinigten Staaten waren im Bürgerkrieg, und Präsident Lincoln versuchte natürlich, die Nation zusammenzuhalten. Man brachte ihm frühe Fotos und Beschreibung dieses schönen Tals, der Wasserfälle und der Sequoia-Mammutbäume. Während des Goldrauschs kamen viele Leute hierher, sägten die Sequoias ab und schütteten Chemikalien in die Flüsse. Dagegen formte sich eine Art kleine Umweltbewegung, und das Ergebnis ist der Yosemite Grant: Zum ersten Mal auf der Welt wurde ein Stück Land in dieser Art unter Schutz gestellt, um es zum Wohle aller zu erhalten."

Damit entstand im Yosemite-Tal die Idee, die erst acht Jahre später zur Gründung des ersten Nationalparks in Yellowstone führte. Kein privater Landbesitz, strenge Schutzauflagen für die Natur.

Yosemite selbst erhielt erst 1890 den Status eines Nationalparks. Mitverantwortlich dafür war wieder einer, der der Schönheit der Natur restlos erlegen war: John Muir. Auf alten Fotos sieht er aus wie eine Mischung aus Heidis Almöhi und Louis Trenker – drahtig, ein bisschen kauzig, mit langem, weiß gelocktem Bart. Doch als er Yosemite zum ersten Mal sah, war er erst um die 30. Später schrieb er in einem Brief darüber:

"Als ich das Yosemite-Tal erreichte, schienen alle Felsen zu mir zu sprechen, liebenswerter als je zuvor. Sie sind mir gute Freunde, und durch ihr granitsteinernes Fleisch fließt warmes Blut. Meine Liebe zu den Felsen ist durch unsere lange, enge Kameradschaft noch gewachsen. Ich badete im klaren Fluss, bummelte über die Wiesen, unterhielt mich mit den Steinkuppeln und spielte mit den Pinien."

Die Natur hatte fast heiligen Status

Für Muir kam der erste Besuch des Tales einem Erweckungserlebnis gleich – der schottische Einwanderer, der eigentlich in San Francisco wohnte, kehrte noch mehrmals in sein geliebtes Yosemite zurück, arbeitete einen Sommer als Hirte und lebte zwei Jahre in einer einfachen Hütte, die er sich eigens am Yosemite Creek zusammen mit einer vom Wasser angetriebenen Säge für Baumstämme gebaut gebaut hatte, und zwar bewusst so, dass das Wasser auch durch einen Teil der Hütte floss – Muir hörte das Rauschen so gern.

Immer wieder erkundete Muir die fast unberührten Wälder rund um das Tal, ausgerüstet nur mit einer Blechtasse, ein paar Blättern Tee und einem Laib Brot. Bald wurde Muir zu einer festen Größe in Yosemite, war ebenso eine Sehenswürdigkeit, die die Leute besuchten, wie El Capitan und Half Dome. Ein Guru, würde man heute vielleicht sagen. Einer, für den die Natur einen fast heiligen Status hatte.

"Felsen, Wasser und so weiter sind Worte Gottes – wie die Menschen auch. Wir alle entströmen einer einzigen Seele, sie ist unsere Quelle.   Wir alle sind Ausdruck einer einzigen Liebe. Gott ergießt sich nicht nur aus engen Felsspalten und Brunnen, die an ein paar von ihm bevorzugten Orten gebohrt wurden. Er fließt in einem großen, ungeteilten Strom. Uferlos und ohne Grenzen ergießt er sich über alle Religionen, Kulturen und Völker, über Menschen und Tiere. Er sättigt sie und lässt sie ihrerseits zu Brunnen werden."

Scott Gediman ist Park Ranger im Yosemite National Park (Foto: Wolfgang Stuflesser)Scott Gediman ist Park Ranger im Yosemite National Park (Foto: Wolfgang Stuflesser)

Es wäre aber falsch, Muir als etwas spinnerten Hippie abzutun: Er führte Naturstudien durch, veröffentliche Artikel darüber und betrieb richtige Lobbyarbeit für Yosemite, bis der Kongress im tausende Kilometer entfernten Washington 1890 ein Gesetz verabschiedete, mit dem auch Yosemite den Status eines Nationalparks erhielt. Für Yosemite hatte das allerdings nicht nur positive Folgen. Park Ranger Scott Gediman:

"In den 1930er- und 40er-Jahren wollte man es den Besuchern des Parks so einfach wie möglich machen - und so baute man zum Beispiel eine Asphaltstraße bis direkt an die Sequoia-Bäume, auch Straßen für eine Bimmelbahn und einen Souvenirladen gleich daneben."

Deshalb gab es vor zwei Jahren ein besonderes Event: Statt eines Spatenstichs griffen die Verantwortlichen für den Park zum Vorschlaghammer und hauten auf ein Stück Asphalt ein, direkt an der berühmtesten der drei Sequoia-Ansiedlungen im Park: Es war der Auftakt zu einer mehrjährigen Sperrung der Mariposa Grove.

Scott Gediman: "Ich nenne es gern ein Rückentwicklungs-Projekt oder eine Wiederherstellung. Der Souvenirladen ist weg, wir reißen die Straßen heraus und ersetzen sie durch hölzerne Stege, auf denen die Fußgänger laufen können, ohne die Wurzeln der Bäume zu beschädigen. Nächsten Sommer wollen wir die Mariposa Grove in ihrer alten Natürlichkeit wieder öffnen."

Shuttlebusse statt Autoschlangen

Trotzdem bleibt der große Andrang ein Problem: Im Sommer, besonders am Wochenende, reiht sich im Park Auto an Auto, Stoßstange an Stoßstange, wie zur Rush Hour in einer Großstadt. Die Parkplätze sind belegt, der Parkbesuch wird zur Geduldsprobe. Der National Park Service, der den Park verwaltet, tut, was er kann: Es gibt Shuttlebusse mit umweltfreundlichem Hybridantrieb, die kostenlos zwischen den großen Parkplätzen im Zentrum des Tals und den Ausgangspunkten für die Wanderwege zu den beliebtesten Attraktionen hin- und herpendeln.

Scott Gediman: "Wir haben eine doppelte Mission hier im Park: Wir wollen die Natur erhalten und schützen – und sie den Menschen zugänglich machen, damit sie sich daran erfreuen können."

Daneben ist der Park auch noch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die ansonsten eher strukturschwache Gegend vier Autostunden östlich von San Francisco.

Davon profitiert auch Lee Zimmermann. Ihm gehört das erste Hotel, das in mehr als 25 Jahren rund um den Park eröffnet hat. Im Sommer hat die Rush Creek Lodge ihren Betriebe aufgenommen – aber natürlich ist immer noch viel zu tun. Gerade wird ein Grill für S‘mores installiert, die in den USA so beliebte Kombination aus Keksen, Schokolade und Marshmallows, die die Gäste nach einem langen Tag im Park am Feuer schmoren lassen sollen.

Die Hotelanlage wirkt längst nicht so düster wie die üblichen Blockhütten-Hotels im Park. Helle Holzbauten gruppieren sich um einen großen Swimmingpool. Ein Pool in einem Wandererhotel – das klingt erst mal merkwürdig.

Lee Zimmermann: "Während des Tages sind alle im Yosemite Park unterwegs. Aber so ab fünf Uhr abends kommen alle zurück und dann haben 200 Leute Spaß im und am Pool."

Mit Preisen von umgerechnet bis zu 400 Euro pro Nacht zielt die Lodge auf ein zahlungskräftiges Publikum. Unlackiertes Holz und schmiedeeiserne Elemente schaffen einen Look, der irgendwo zwischen nobel und rustikal pendelt – gut vorstellbar, dass hier in Zukunft die Angestellten der großen Computerfirmen aus dem Silicon Valley bei einem Wochenendtrip mal so richtig ausspannen. Allerdings fehlen in den Zimmern manche der typischen Annehmlichkeiten. Ganz bewusst, sagt der Hotelchef:

"In unseren Zimmern gibt es keine Fernseher. Statt dessen stehen da zwei große Kisten, eine mit Brettspielen und eine mit Büchern. Das ist unsere Philosophie und wir drängen sie unseren Gästen im Grunde auf. Man braucht keinen Fernseher, wenn man an einem so schönen Ort ist, wo es so viel zu sehen gibt. Notfalls gibt es Fernseher in der Hotelbar, aber ansonsten bieten wir den Leuten die Chance, abzuschalten, abzutauchen, auch aus dem Zwang der Erreichbarkeit. Wenn wir den Leuten das bieten können, ist das ein großer Gewinn."

Die kostbare Ressource Wasser

Auch optisch probiert Lee Zimmermann Dinge aus, die in amerikanischen Hotels sonst eher unüblich sind: Die Rückwand der Rezeption besteht aus wiederverwertetem Holz, das aus Scheunen der Umgebung stammt, und viele Möbel wurden von örtlichen Handwerkern angefertigt. In Zusammenarbeit mit einer Schule gibt es Praktikantenplätze für Jugendliche aus sozial schwachen Familien. Und besonders viele Gedanken hat Zimmermann auf den Umgang mit der im dürregeplagten Kalifornien so kostbaren Ressource Wasser verwendet:

"Unser gesamtes Wasser müssen wir selbst aus der Erde pumpen, aus 300 Metern Tiefe. Es ist kristallklar, aber auch teuer. Deshalb wollen wir jeden Tropfen recyclen. Das Brauchwasser aus den Duschen wird gleich zum Gießen der Pflanzen wiederverwertet. Und das Schmutzwasser bereiten wir selbst wieder auf, bis es sauber genug ist, dass wir es unter der Erdoberfläche zum Bewässern einsetzen können."

Seit vier Jahren herrscht in Kalifornien Dürre – und das hat natürlich auch Folgen für den Park – auf dem Weg von der Rush Creek Lodge Richtung El Capitan und Half Dome steht stellenweise gar kein Wald mehr, nur vereinzelt ragen verkohlte Baumstämme wie schwarze Schaschlikspieße in die Luft. Der Wassermangel hat die Wälder und besonders das Unterholz über Jahre austrocknen lassen – und wenn dann auch nur ein Funke fliegt, ist schnell die Kastastrophe da. Wie im Jahr 2013, als das Rim Fire im Park wütete. Und auf einmal war die Natur in großer Gefahr, erinnert sich Park Ranger Scott Gediman:

"Die Riesensequoias sind ein Grund dafür, dass der Yosemite Nationalpark überhaupt gegründet wurde. Sie sind wunderschön, manche sind geschätzte 1.800 Jahre alt, und es gibt nur noch wenige Ansammlungen dieser Bäume. Das Rim Fire hat die Sequoias in Merced Grove bedroht, also haben wir temporäre Sprüh-Systeme installiert und eine historische Hütte dort in eine Art Alufolie gepackt. Normalerweise lassen wir der Natur so weit es geht ihren Lauf, aber die Sequoias sind so wertvoll, dass wir eine Ausnahme gemacht haben. Sie sind Teil des Erbes der Nationalparks, und zum Glück konnten wir sie schützen."

Dürre und Feuer – daran ist hier kaum zu denken: Vernal Fall, einer der großen Wasserfälle des Yosemite Parks, stürzt fasst 100 Meter zwischen den Granitfelsen in die Tiefe und taucht das Tal des Merced River in einen Nebel aus Wassertröpfchen. Das Besondere: Die Besucher können auf einem schmalen Pfad über den Fels die gesamte Höhe des Wasserfalls erklimmen und so ein Gefühl für die Naturgewalt bekommen.

"Mist Trail", Nebelpfad heißt die Tour auf den Wanderkarten. Schon der Lärm ist ohrenbetäubend, die Flora wirkt fast tropisch, Pflanzen scheinen aus jeder Ritze in den Felsen zu quellen, weil überall ein ständiger Sprühregen niedergeht. Ein malerischer Regenbogen reiht sich an den nächsten – doch der Weg ist glatt und schlüpfrig. Im Fels sind Metallgeländer verankert, daran ziehen sich die Leute hoch. Es ist mit die einfachste Wanderstrecke, längst nicht so spektakulär wie das Besteigen des Half Dome oder auch der Yosemite-Wasserfall mit seinen mehr als 400 Metern Höhe  – doch auch hier wird die schiere Größe und Erhabenheit der Natur schon spürbar.

Und bei allem auch eine Verbundenheit mit den anderen Besuchern – wenn sich eine Schulkasse aus der Highschool den Wassermassen ebenso ehrfürchtig nähert wie eine Gruppe Amisch-People werden alle zu Pilgern mit dem gemeinsamen Wallfahrtsziel der grandiosen Natur.

Das verbindet, und man kommt mit den Besuchern schnell ins Gespräch. Wie mit Patrick Killgallon. Er ist um die 60, trägt Bermudas, Muscle-Shirt und Vokuhila, und ist auf einer Tour durch die Nationalparks der USA.

In Boston ist er mit seinem uralten Honda losgefahren, gut 5.500 Kilometer hat er schon hinter sich: Yellowstone, Mount Rushmore, Devil’s Tower – hat er alles schon gesehen. Er arbeitet eine richtige Wunschliste ab.

Früher war er Fernfahrer, erzählt er, und ist an den Parks immer nur vorbeigefahren:

"Und dann habe ich vor ein paar Jahren meine Frau verloren und wurde danach ein bisschen depressiv. Die Reise hier ist mein Weg raus aus der Depression."

Die vielen Besucher in Yosemite stören ihn nicht, sagt er. Im Gegenteil, er schätzt es, dass der Park so gut mit Straßen erschlossen ist. Er klopft auf seine Beinprothese:

"Ich habe nur ein Bein und kann nicht so weit durch den Wald laufen. Die Nationalparks sind sehr benutzerfreundlich – ich sehe viele schöne Dinge."

Sagt’s und steigt wieder in sein Auto – mehr als 6.000 Kilometer hat er noch vor sich, in drei Wochen will er wieder an der Ostküste sein.

Absolut amerikanisch und demokratisch

Naturerlebnis, Wirtschaftsfaktor, Lebenshelfer: Der Yosemite Park hat viele Gesichter, erfüllt zahlreiche Funktionen. Wer eine Weile in der gigantischen Weite und mühelosen Pracht dieser Natur verbringt, beginnt zu verstehen, warum die Amerikaner so stolz sind auf ihre Nationalparks. "Sie sind die beste Idee, die wir je hatten”, hat der US-Schriftsteller Wallace Stegner einmal gesagt. "Absolut amerikanisch, absolut demokratisch - sie spiegeln das Beste an uns wider."

Das erklärt vielleicht auch, warum die amerikanische Regierung wenig tut, um die Massen der Besucherströme einzuschränken. Auch wenn die Natur davon sicher profitieren würde, stünde ein solcher Schritt der Idee des Nationalparks diametral entgegen. Als Präsident Obama den Yosemite Park im Frühjahr besuchte, hielt er eine seiner kleinen, jovialen Ansprachen vor dem Hintergrund der malerischen Szenerie, in Hemdsärmeln und mit den Augen in die Sonne blinzelnd. Und warb im Grunde für noch mehr Besucher:

"Im Weißen Haus, in der Lobby des Westflügels hängt ein Gemälde, das Vernal Fall und Half Dome zeigt. Aber in echt sieht das Ganze deutlich besser aus: Schauen Sie sich diese Landschaft an: Die können sie auf keinem iPad oder Flachbildschirm einfangen, auch nicht in einem Ölgemälde. Sie müssen herkommen und es selbst einatmen."

Und so touristisch überlaufen das zentrale Yosemite-Tal auch ist – es macht natürlich nur einen kleinen Teil des eigentlichen Parks aus. Wandert man nur eine Stunde in Richtung einer der Gebirgsketten, hat man schon bald das Gefühl, weit weg zu sein von allen Menschenmassen und die Natur ganz allein genießen zu dürfen.  Diese Schönheit der Natur als Gemeingut zu betrachten, dass geschützt und doch allen frei zugänglich ist – das ist genau die typisch amerikanische Idee der Nationalparks. Oder, wie es der Autor und Dokumentarfilmer Duncan Dayton in seiner groß angelegten Dokumentation über die Nationalparks der USA formuliert:

"Ich glaube, tief in unsere DNA eingebettet gibt es diese Erinnerung daran, dass wir früher nicht getrennt vom Rest der Natur waren, sondern ein Teil davon. In der Bibel gibt es den Garten Eden als Ort, wo die Menschheitsgeschichte begann. Bei den Nationalparks wurde zumindest versucht, sie so zu erhalten, wie sie ursprünglich waren. Wenn wir so einen Park betreten, dann überschreiten wir eine Grenze und sind nicht mehr Herren der Natur, sondern gehören dazu. In diesem Sinne ist es wie eine Heimkehr: Es ist egal, wo wir herkamen, wir sind zurück am Ort unseres Ursprungs."

Mehr zum Thema:

Amerikas Nationalparks - Wahrzeichen und Touristenmagnete
(Deutschlandradio Kultur, Weltzeit, 25.8.2016)

Yosemite-Nationalpark - Eine Kathedrale in der Wildnis
(Deutschlandradio Kultur, Kalenderblatt, 1.10.2015)

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